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Filme

Ali Samadi Ahadi: "Unsere Grenzen liegen nicht unterhalb von Bayern"

Mit herkömmlicher Filmförderung lässt sich die Globalisierung kaum abbilden - sagt Regisseur Ali Samadi Ahadi im DW-Gespräch. Er wendet sich gegen die starke Regionalisierung der deutschen Filmförderung.

Der im Iran geborene Regisseur sollte als Kindersoldat für den Golfkrieg rekrutiert werden, konnte aber fliehen: Ohne Eltern, ohne Freunde kam Ali Samadi Ahadi 1985 nach Deutschland und begann nach dem Studium als freier Drehbuchautor und Regisseur zu arbeiten. Sein Dokumentarfilm "Lost Children" bekam den Deutschen Filmpreis, der Kinofilm "The Green Wave" machte ihn 2011 auch international bekannt.

Vor kurzem sorgte Ahadi sogar beim Bundespräsidenten für Aufmerksamkeit: Joachim Gauck hatte im April zum Filmgipfel geladen. Rund 200 deutsche Filmschaffende waren gekommen, so auch Ali Samadi Ahadi. Der trug dann seine Thesen zur deutschen Filmförderung vor. Angesichts des großen Erfolgs von "Toni Erdmann" in Cannes und dem allgemeinen Jubel über das neue deutsche Kino, gerade auch im Hinblick auf das 34. Filmfest in München, haben wir noch einmal nachgefragt.

"Unser Denken der Regionalförderung greift zu kurz"

Deutsche Welle: Sie kritisieren die Filmförderung in Deutschland, weil diese Regionen fördert, aber nicht Geschichten, die Grenzen überwinden. Was meinen Sie damit?

Ali Samadi Ahadi: Mir geht es nicht um Kritik an allen Förderungen. Es geht um die Regionalförderungen. Kultur ist ja in Deutschland Ländersache, wie wir wissen. Jedes Bundesland fördert seine eigene Filmlandschaft. Das ist auch schön und gut und wichtig. Aber was man dabei als Gegenleistung haben will, sind sogenannte Ländereffekte. Wenn ich als Regisseur oder Produzent in einem Bundesland gefördert werden will, dann muss ich für einen Euro Fördergeld 1,25 Euro oder 1,50 Euro oder in bestimmten Fällen sogar 2 Euro ausgeben in dem Land, das mich gefördert hat. Das ist der Sinn und Zweck der Wirtschaftsförderung.

Filmszene aus 'Die Mamba' von Ali Samadi Ahadi (Foto: Senator Film)

Globalisierungskomödie "Die Mamba" (2014) von Ali Samadi Ahadi

Wenn wir aber global denken und daran denken, dass wir in einer globalisierten Welt die größten Nutznießer sind, dann greift unser Denken der Regionalförderung zu kurz, weil viele, viele Themen, die uns angehen, nur global zu betrachten und zu lösen sind.

Können Sie da Beispiele nennen?

Ein wunderbares Beispiel sind die wirtschaftlichen Themen, die ja nicht regional sind, sondern immer globaler werden. Ein anderer Punkt ist natürlich die Frage des internationalen Terrorismus, auch das ist nichts Regionales, sondern etwas Globales. Das dritte sind die globalen Menschenbewegungen weltweit, das ist ein globales Phänomen. Umweltschutz! Klimawandel... Natürlich gibt es Effekte auf regionaler Ebene, aber gerade bei diesen Themen müssen wir oft einen ganzheitlichen Blick auf die Dinge bekommen.

"Um die Flüchtlingsströme zu thematisieren, muß ich nach Sizilien und Griechenland"

Bei Herrn Gauck haben Sie auch auf Pegida und AFD verwiesen, die fragen: "Was gehen uns die Kriege in Syrien an?". Sie sagen nun, das geht uns sehr viel an, und das muss man dann auch zeigen als Filmemacher. Was meinen Sie damit?

Es gibt natürlich verschiedene Punkte, die wir klar machen müssen. Der erste Punkt ist, dass unsere Grenze, also unsere politische Grenze der Bundesrepublik Deutschland, nicht mehr an den Alpen, unterhalb von Bayern liegt, sondern an der Grenze von Süditalien, in Sizilien. Das heißt, ich muss, zum Beispiel um Flüchtlingsströme zu thematisieren, nach Sizilien oder nach Griechenland. Das kann ich aber mit der Regionalförderung kaum, weil die von mir verlangen, dass ich eben in den einzelnen Regionen drehe.

Filmszene aus 'The Green Wave' von Regisseur Ali Samadi Ahadi (Foto: Paul Schöpfer)

Eindrucksvoller Film über die politische Lage im Iran 2009: "The green Wave" von Ali Samadi Ahadi

Dasselbe trifft zu auf das Thema der wirtschaftlichen Zusammenhänge: Wenn ich nach Saudi-Arabien Waffen liefere, wenn ich durch unsere falsche Politik eine Klimaerwärmung schaffe, die den Menschen in Afrika die Existenz vernichtet, dann muss ich das erzählen können als Filmemacher. Das geht aber mit dieser restriktiven Förderung nicht. Hinzu kommt das Verhalten der regionalen Sender, der Dritten Programme, die auch in den letzten Jahren sehr, sehr regionalisiert wurden.

"Es gibt kaum noch reine Kino-Produktionen in Deutschland"

Sie nennen die Sender, weil diese inzwischen als Kino-Co-Produzenten eine große Aufgabe haben hinsichtlich der Filmförderung in Deutschland?

Mittlerweile kann man ja fast keine unabhängigen Filme mehr machen in Deutschland ohne die Senderbeteiligung, das heißt: Alle Sender sind in den Filmförderungen beteiligt. Somit haben Projekte, die einen Sender im Boot haben bei den Förderungen ein einfacheres Spiel. Es gibt kaum noch reine Kino-Produktionen in Deutschland.

Filmstills aus '45 Minuten bis Ramallah' (Foto: Zorro Film)

Ali Samadi Ahadis Blick auf den Nahost-Konflikt: "45 Minuten bis Ramallah" (2013)

Sie sagten, dass Sie nicht die gesamte Filmförderpolitik in Deutschland kritisieren, wohl aber die Regionalförderungen. Der Löwenanteil der Förderungen besteht aber aus Länderförderungen. Hieße das nicht in der Konsequenz, dass man das System hierzulande radikal umkrempeln müsste?

Das sehe ich absolut so, dass wir die Filmförderung in Deutschland überdenken sollten. Wir haben die BKM (Bundeskulturministerium), die FFA (Filmförderungsanstalt), den DFFF (Deutscher Filmförderfonds), das sind Bundesförderungen, die auch sehr gut greifen, die die Filmlandschaft und die Filmwirtschaft in Deutschland in den letzten Jahren sehr nach vorne gebracht haben. Viele amerikanische Produktionen sind nach Deutschland gekommen wegen des DFFF.

"Deutschland als eines der stärksten Länder der Welt hat die Aufgabe, kulturell Position zu beziehen"

Aber was die Länderförderungen betrifft, da müssen wir ein Umdenken herbeirufen. Weil ich glaube, wir springen da zu kurz. Wenn Sie die Förderungen jetzt fragen würden, sagen die natürlich: 'Nein, das stimmt nicht, wir machen viel im Ausland'. Häufig sind es aber Co-Produktionen mit geringen Anteilen deutscher Produktionen. Das sind keine Impulse, die aus Deutschland herausgehen!

Ali Samadi Ahadi (Foto: Ali Samadi Ahadi)

Ali Samadi Ahadi fordert eine Akzentverschiebung regionaler Filmförderungen in Deutschland

Ich finde: Deutschland als eines der stärksten Länder der Welt, wirtschaftlich gesehen, gesellschaftlich, politisch, militärisch, industriell, hat die Aufgabe auch kulturell eine Position zu beziehen. Wir sollten über unsere Haltung und die der anderen in Diskurs gehen können. Wir sollten über kulturelle, gesellschaftliche Themen, z.B. über das demokratische Miteinander mit der Welt reden können.

Die ganze Welt ist im Wandel und ist erschüttert von Gewalttaten, Angst und dem Mangel an friedlichen Auseinandersetzungen und ich glaube, da kann Deutschland mit seinem wunderbaren Grundgesetz, mit seinem 60-jährigen friedvollen Zusammenleben von Menschen eine Menge dazu beitragen, dass Konflikte anders gelöst werden können.

Der Regisseur fordert mehr Mut zum Risiko

Sie haben die Aufgabe der Kultur genannt, jetzt denken Sie als Filmemacher wohl auch gerade an Regisseure, die diese Geschichten erzählen sollten?

Da denke ich natürlich an Regisseure, aber ich denke auch an Produzenten, an die Länder und Sender, die diesen Gedanken auch fördern und unterstützen sollten. Das brauchen wir doch! Wir brauchen die Möglichkeit in die weite Welt zu gehen, meinetwegen auch zu scheitern und dann eben aufzustehen und weiterzumachen und aus unserem Scheitern zu lernen. Weil, wie wir alle wissen, das Scheitern ist der größte Lehrer, den man haben kann. Und aufzustehen und weiterzumachen und aus seinen Fehlern zu lernen, das ist extrem wichtig.

Das Gespräch führte Jochen Kürten.

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