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Fokus Osteuropa

Alexej Nawalny - Ein Yale-Fellow will Moskau regieren

Der russische Blogger und Oppositionspolitiker Alexej Nawalny studierte 2010 an der US-Universität Yale. Sie bietet Trainings für künftige Führungskräfte an - jetzt will er Moskauer Bürgermeister werden.

Alexej Nawalny unter seinen Anhängern in Moskau (Foto: REUTERS/Sergei Karpukhin)

Alexej Nawalny unter seinen Anhängern in Moskau

Wenn am 08. September 2013 in Moskau ein neuer Bürgermeister gewählt wird, dürfte ein Mann in den USA die Ergebnisse genau verfolgen. Er heißt Michael Cappello und ist Direktor des "Yale World Fellows Program" an der Eliteuniversität Yale. Bei der Wahl in der russischen Hauptstadt tritt einer seiner Stipendiaten an: Alexej Nawalny.

Michael Cappello, Direktor des World Fellows Program an der Yale Universität in USA (Foto: Michael Cappello)

Michael Cappello verfolgt mit Spannung Alexej Nawalnys Kandidatur für das Amt des Moskauer Bürgermeisters

Der 37-jährige Blogger ist der erste Oppositionelle in der jüngsten Geschichte Russlands, der einen Teil seiner Ausbildung in den Vereinigten Staaten absolvierte. Seine Kandidatur bei der Bürgermeisterwahl in Moskau ist der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere als Politiker. "Das Yale World Fellows Program ist extrem stolz darauf, ihn 'einen von uns' zu nennen”, sagte Cappello im DW-Gespräch. Die US-Universität unterstütze die Versuche Nawalnys, Russland demokratischer zu gestalten.

"Inkubator für Führungstalente"

Es ist der Kampf gegen die Korruption, der Nawalny nach Yale führt. Mit seinem Feldzug gegen bestechliche Beamte hat sich der Blogger einen Namen gemacht. An der US-Eliteuniversität will er lernen, wie er noch effektiver gegen Korruption vorgehen kann.

Im August 2010 zieht Nawalny für vier Monate von Moskau nach New Haven im US-Bundesstaat Connecticut. Da ist er bereits ein bekannter Internet-Aktivist. Ein Stipendium in Yale sei trotzdem ein "Glücksfall", schreibt er im LiveJournal in seinem Blog : "Es soll rund 1000 Bewerber auf 15 Plätze gegeben haben." Doch es ist nicht nur Glück im Spiel. Sein Yale-Stipendium verdankt Nawalny mehreren Empfehlungen, darunter eine des ehemaligen Schachweltmeisters und Oppositionspolitikers Garri Kasparow.

Das "Yale World Fellows Program" existiert seit 2002 und bietet Kurse in Philosophie, Weltpolitik und Wirtschaft an. Es sieht sich selbst als "Inkubator für globale Führungstalente". Ausgesucht werden erfolgreiche Politiker, Geschäftsleute und Journalisten aus der ganzen Welt. Es gehe um Menschen, "deren größte Leistungen noch bevorstehen", erklärt Programmdirektor Michael Cappello.

Großes politisches Potenzial

Sergey Lagodinsky, Berliner Politiker, Bündnis 90 / Die Grünen (Foto: Sergey Lagodinsky)

Sergey Lagodinsky: Alexej Nawalny setzte in Yale seine neuen Erfahrungen sofort um

Ehemalige Yale-Kommilitonen - wie der Berliner Grünen-Politiker Sergey Lagodinsky - bestätigen, dass Nawalny in dieses Schema passt. Das "große Potenzial" des Bloggers sei offensichtlich gewesen, sagte Lagodinsky der DW: "Man hatte das Gefühl, dass er einer der Oppositionsführer ist."

Seine neuen Erfahrungen an der US-Eliteuniversität setzt Nawalny sofort um. "Während wir in den Pausen miteinander gesprochen haben, setzte sich Alexej an seinen Computer und schrieb seinen Blog", erinnert sich Lagodinsky. Noch während des Aufenthalts in den USA beschuldigt Nawalny den staatlichen Ölkonzern "Transneft", Milliarden beim Bau einer Pazifik-Pipeline abgezweigt zu haben.

Analytiker mit wenig Auslandserfahrung

"Was mich bei Alexej sofort beeindruckt hat, war sein analytisches Denken", sagt Michael Cappello. Gleichzeitig sei dem Yale-Programmdirektor aufgefallen, dass Nawalny wenig Auslandserfahrung habe. Der Aufenthalt in Yale mit Studenten aus der ganzen Welt habe eine "besonders positive Wirkung" auf den russischen Oppositionsblogger gehabt. "Er konnte die Welt viel klarer sehen als von Zuhause aus", so Cappello.

Er hoffe, dass Nawalny während seiner Studienzeit in Yale einige seiner Ansichten überdacht habe: Der Blogger positioniert sich als "gemäßigter Nationalist". Seine Teilnahme an Aufmärschen russischer Rechtspopulisten sorgt bis heute für Kontroversen. Der Grünen-Politiker Lagodinsky sagt, er habe mit Nawalny oft in Yale darüber gesprochen: "Es ging um seine Einstellung zur Multireligiosität, zum Multikulturalismus, zum Islam". Er teile zwar nicht Nawalnys Ansichten, doch er finde es verständlich, dass sich der Blogger als ein besonders konservativer Politiker darstelle. Bei der Bürgermeisterwahl in Moskau will Nawalny mit der Forderung punkten, für Migranten aus Zentralasien Visa einzuführen, um deren Zuwanderung zu kontrollieren.

"Keine Bombenlegerschule"

Während andere gerne damit werben, hängt Nawalny seine Studienzeit an der US-Eliteuniversität nicht an die große Glocke. In seinem Lebenslauf, den er für die Bürgermeisterwahl in Moskau verteilt, wird Yale nicht erwähnt. Damit wolle Nawalny offenbar vermeiden, als "Günstling des Westens" zu gelten, ist in der russischen Presse zu lesen.

Kritiker werfen dem Blogger vor, er habe sich in Yale zu einem "Revolutionär" ausbilden lassen. "Quatsch", sagt dazu sein früherer Kommilitone Sergey Lagodinsky. Yale sei "keine Bombenlegerschule". Man habe mit Professoren über den Sinn des Lebens diskutiert, sagt der deutsche Politiker. Auch Yale-Programmdirektor Michael Cappello bestreitet die Vorwürfe. "Wir streben nicht an, Regierungswechsel zu unterstützen", sagt er. Die Behauptung, Yale bilde Dissidenten oder Oppositionsführer aus, sei "einfach falsch".

Alexej Nawalny (vorne links) unter den Absolventen des Yale World Fellow Program 2010 (Foto: Harold Shapiro)

Alexej Nawalny (vorne links) unter den Absolventen des "Yale World Fellow Program" 2010

Kaum Chancen bei der Wahl

Nawalny ist der zweite Yale-Stipendiat seines Jahrgangs, der Bürgermeister werden will. Sein Ex-Kommilitone Marvin Rees aus Großbritannien kandidierte 2012 bei der Bürgermeisterwahl in Bristol und erhielt die zweitmeisten Stimmen. Ein ähnliches Ergebnis wird Nawalny vorausgesagt. In Umfragen liegt der Oppositionspolitiker auf Platz zwei, weit hinter dem jetzigen Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Gegenwärtig hängt eine Gefängnisstrafe wie ein Damoklesschwert über dem Blogger. Mitte Juli 2013 wurde Nawalny in einem international kritisierten Prozess wegen eines angeblichen Wirtschaftsverbrechens zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er bleibt so lange auf freiem Fuß, bis das Urteil rechtskräftig wird. Sollte Nawalny doch überraschend die Wahl gewinnen, dürfte er - im Falle einer endgültigen Verurteilung - gemäß des Wahlgesetzes nicht Bürgermeister werden.

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