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Geschichte

Alexander von Humboldt: Unterm Hammer?

Seit seiner Südamerikareise gilt Alexander von Humboldt als zweiter Entdecker des Kontinents. Die Tagebücher seiner damaligen Forschungsreise sollen nun verkauft werden – und könnten so im Privatbesitz verschwinden.

Will man die Welt verstehen, muss man sie bereisen und vermessen. Diesem Motto folgte Alexander von Humboldt - in aller Konsequenz. So erklomm er als Berg- und Vulkanexperte in Ecuador den über 6300 Meter hohen Vulkan Chimborazo. Als Naturforscher ließ er sich im Dschungel von Guayana von den Insekten zerstechen, die er sammelte. Er protokollierte in Ländern wie Mexiko, Peru oder Kolumbien die Höhe und Lage von Küsten und Seen und nahm allerorten Luft- und Wassertemperaturen.

Doch bei aller Datensammlerei konnte der romantisch veranlagte Humboldt auch zutiefst hingerissen sein, wenn im abendlichen Dschungel das Konzert der Vögel und anderer Tierlaute erklang. Als Forscher war Humboldt 1799 nach Südamerika gekommen, als er 1804 zurück nach Europa aufbrach, ging er als Freund des Kontinents. Nicht umsonst bezeichnete ihn der venezolanische Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar (1783 – 1830), mit dem er die Empörung über den europäischen Kolonialismus teilte, als "wahren Entdecker des Kontinents".

Vom großen Gelehrten höchstselbst vermessen: der Vulkan Chimborazo in Ecuador (Foto: picture-alliance)

Vom großen Gelehrten höchstselbst vermessen: der Vulkan Chimborazo in Ecuador

Das Tagebuch-Kunstwerk

Wie sich Humboldts Entdeckungen zutrugen, ist akribisch dokumentiert. Fand sich Zeit, verzeichnete er die Messwerte in seinen Tagebüchern, schilderte dort seine Tageseindrücke oder schrieb auf der Basis seiner Feldforschungen wissenschaftliche Abhandlungen - auf insgesamt 3442 Seiten. Geschrieben vor allem auf Französisch, aber auch auf Deutsch mit gelegentlichen lateinischen Einsprengseln, des Weiteren versehen mit eigenhändigen Zeichnungen sowie eingeklebten Artefakten, sind die zu neun Bänden gebundenen Tagebücher mehr als nur eine Dokumentation der bereisten Länder. Für Eberhard Knobloch, Leiter der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, sind sie "nicht nur die umfangreichsten, es sind auch die berühmtesten Tagebücher, die je ein Weltreisender angefertigt hat."

Geschacher um Kulturgut

Entsprechend groß war die Aufregung, als publik wurde, dass diese Tagebücher nun verkauft werden sollen. Im ungünstigsten Fall könnten sie dem Meistbietenden zugeschlagen werden – und damit im Safe eines Privatbesitzers verschwinden.

Der venezolanische Freiheitskämpfer Simon Bolivar (Foto: picture-alliance)

Der venezolanische Freiheitskämpfer Simon Bolivar

Die Vorgeschichte: Nachdem die Tagebücher während der Nachkriegszeit in der Ost-Berliner Staatsbibliothek für Wissenschaftler öffentlich zugänglich waren, wurden sie 2005 an die rechtmäßigen Humboldt-Erben, die Familie von Heinz, zurückgegeben. Weil die Familie damals zugesagt hatte, die Tagebücher weiterhin öffentlich zugänglich zu machen, versäumte man, sie auf die Liste nationaler Kulturgüter zu setzen. Ein großer Fehler, denn dadurch konnten die Erben die Tagebücher ungehindert ins Ausland schaffen, wo sie nun Gegenstand einer hochkarätigen internationalen Auktion werden könnten - wohlgemerkt: könnten.

Denn noch verhandelt die Familie exklusiv mit der staatlichen Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Allerdings sind die Preisforderungen der Erben hoch - gerüchteweise ist von einem zweistelligen Millionenbetrag die Rede -, während die staatlichen Budgets auch im reichen Deutschland knapp sind. Sollte es zu keiner Einigung kommen, dürfte an reichen Privatbietern kein Mangel bestehen. So zumindest schätzt es der Berliner Auktionator Wolfgang Mecklenburg ein, der sich auf handschriftliche Originaldokumente bekannter historischer Persönlichkeiten spezialisiert hat: "Da können auch Käufer auftauchen, die gar keine Sammler von Handschriften sind. Die sagen 'der Preis, der hier gefordert wird, den bezahle ich mit Vergnügen'. Grade bei einer Ikone wie Alexander von Humboldt, der insbesondere in Südamerika einen Heiligenschein hat."

Die Humboldt-Legende

Mehr als nur Tinte und Papier: eines der legendären Tagebücher (Foto: Stephanie Pilick dpa)

Mehr als nur Tinte und Papier: eines der legendären Tagebücher

Tatsächlich ist die Strahlkraft des Namens Humboldt vor allem in Südamerika ungebrochen. Dort erinnert man sich nicht nur an seine wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch an sein Eintreten gegen Kolonialismus und Sklaverei. Humboldt-Forscher Eberhard Knobloch: "Die Indianer dort waren Menschen zweiter Klasse, während die katholischen Missionare als Herrscher auftraten und die Eingeborenen wie Kinder behandelten. Er hat massiv öffentlich gegen die Sklaverei Stellung bezogen, denn für ihn hatten alle den gleichen Wert, unabhängig von ihrer Rasse."

Dennoch hatte sein politisches Wirken Grenzen, musste er sich doch mit den Herrschenden seiner Zeit arrangieren. Als Spross eines preußischen Adelsgeschlechts und Teil der politischen Elite Preußens war er gegenüber seinem König zur Loyalität verpflichtet. Und dieser hielt von den gleichmacherischen Ideen der Französischen Revolution wenig. Die spanische Krone hatte ihn derweil mit Geld und unbeschränkter Reisefreiheit ausgestattet und erwartete als Gegenleistung unter anderem Informationen über Bodenschätze. "Er war sich bewusst, dass eine gewisse Gefahr bestand, dass seine Erkenntnisse in einer Weise verwertet wurden, die er nicht wollte", sagt Knobloch. "Gleichzeitig sah er sich in einer Bringschuld. Das galt auch für Thomas Jefferson, den damaligen US-Präsidenten. Wenn er ihm Kartenmaterial zur Verfügung stellte, dann hatte das zu jedem Zeitpunkt einen militärischen Aspekt."

Trotz solcher Einschränkungen, betont Knobloch, waren seine politischen Ansichten, gemessen an ihrer Zeit und Humboldts gesellschaftlicher Position, erstaunlich fortschrittlich und aufgeklärt. Nicht minder deutlich fand sich der aufklärerische Geist in seiner politisch weniger verstrickten wissenschaftlichen Forschung. Ausgestattet mit einer Vielzahl von Messinstrumenten - unter anderem Sextanten, Barometern und Thermometern - vermaß er die neue Welt so, wie vor ihm Astronomen. Diese hatten den Lauf der Sterne mit Hilfe von Fernrohren protokolliert und waren so zu einem neuen Weltverständnis gelangt.

Ein Gemäde Humboldts aus dem Jahr seiner Rückkehr 1804 (Foto: Ullstein Bild)

Ein Gemäde Humboldts aus dem Jahr seiner Rückkehr 1804

Weil Humboldt als Universalgelehrter über Kenntnisse der Mathematik, Vulkanologie, Paläontologie und Klimatologie verfügte, kombinierte er die Messergebnisse auf eine Weise, die heutigen interdisziplinären Betrachtungsweisen entspricht, so Knobloch: "Das zeigt sich beispielsweise in der von ihm weitgehend begründeten Pflanzengeografie. Er sagt, 'es reicht nicht, dass ich Geograf bin und mich für die Gestalt des Gebirges interessiere. Ich muss gleichzeitig sehen, wie dort die Botanik aussieht.' Und dann stellt sich heraus, die Dinge hängen miteinander zusammen: In einer bestimmten Gegend und einer bestimmten Höhe sind nur bestimmte Pflanzen anzutreffen."

Nach seiner Rückkehr nach Europa waren die Tagebücher seiner Südamerika-Reise für Humboldt weniger ein abgeschlossenes Werk als ein Lebensprojekt, eine Art Steinbruch, aus dem er sich noch nach Jahren bediente.

Safe oder Archiv?

Auch heute noch ist die Vielzahl präziser Daten der Tagebücher nicht nur für Humboldt-Forscher interessant, sondern beispielsweise auch für Klimaforscher, die dort etwas über frühere Schneefallgrenzen oder Wassertemperaturen erfahren. Um diese Daten besser zugänglich zu machen, müssen sie aber nach heutigen editorischen Methoden aufbereitet werden, sagt Knobloch. Öffentlich zugänglich sind derzeit aber nur Mikrofilmaufnahmen der neun Bände. Eine vollwertige Aufarbeitung des Werkes ist jedoch nur mit den Originalen möglich, so der Humboldt-Forscher. Ob diese demnächst wieder zugänglich sein werden, hängt vom Verlauf der Verkaufsverhandlungen ab.

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