1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Aleviten in der Türkei auf dem Weg der Anerkennung

Vor 20 Jahren starben bei einem Brandanschlag in einem Hotel in der türkischen Stadt Sivas 33 Menschen alevitischen Glaubens. Noch immer werden Aleviten in der Türkei diskriminiert. Erdogan kündigt jetzt Reformen an.

Aleviten besuchen das Grab des Heiligen Aleviten Karacaahmet Sultan in Istanbul (AP Photo/Murad Sezer)

Aleviten besuchen das Grab des Heiligen Aleviten Karacaahmet Sultan in Istanbul

Im Vorhof des alevitischen Kulturzentrums im Istanbuler Stadtteil Alibey wurden vor Jahren liebevoll 33 Bäume gepflanzt. Jeder Baum steht für einen verstorbenen Aleviten des Brandanschlags von Sivas. Dieser Tag hat sich in das alevitische Gedächtnis eingebrannt. "Das Massaker von 1993 hat uns gezeigt: Wenn wir leise bleiben und wenn wir Aleviten uns nicht organisieren, dann werden solche Massaker noch öfters vorkommen", sagt Hüseyin Güzelgül im Gespräch mit der Deutschen Welle. Der ehemalige Lehrer ist Leiter des Kulturzentrums und gleichzeitig alevitischer Geistlicher, im alevitischen Sprachgebrauch auch "Dede" genannt.

Hüseyin Güzelgül. Er ist Leiter des alevitischen Kulturzentrums im Istanbuler Stadtteil Alibey (Foto: Senada Sokollu/DW)

Hüseyin Güzelgül ist Leiter des alevitischen Kulturzentrums im Istanbuler Stadtteil Alibey

In der Türkei leben schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Aleviten - die Gesellschaft für bedrohte Völker geht sogar von mehr als 20 Millionen Aleviten aus. Sie sehen ihre Religion als Teil des Islams. Anders als im sunnitischen Islam beten die Aleviten jedoch donnerstags statt freitags, erklärt Güzelgül. Weiter erklärt er, dass Frauen und Männer gemeinsam beten, nicht getrennt voneinander. Die Frauen tragen außerdem keine Kopfbedeckung.

Für die alevitische Glaubensgemeinschaft existieren in der Türkei keine Gebetshäuser wie Kirchen oder Moscheen. Die Gebetsräume werden lediglich in großen Kulturzentren wie dem in Alibey untergebracht. Sie bieten unter anderem Sprach-, Musik-, und Theaterunterricht an. Der Staat subventioniert diese Einrichtungen nicht. Die Kulturzentren werden ausschließlich durch Spendengelder finanziert.

"Schikanen gibt es auch heute noch"

Am 2. Juli 1993 kamen 33 Aleviten in der zentralanatolischen Stadt Sivas ums Leben. Ein fundamentalistischer Mob steckte das Hotel Madimak in Brand, dessen Gäste zu einer alevitischen Feier in die Stadt gereist waren. Das stundenlange Martyrium wurde live im TV übertragen: Vor dem Hotel versammelten sich Tausende Sunniten, die die Mehrheit der Muslime in der Türkei stellen und die seit Generationen die Aleviten als Ungläubige und Ketzer diffamieren. Lautstark schrien sie vor dem Hotel in Sivas: "In Gottes Namen, wir haben genug von euch." Polizei und Feuerwehr griffen erst Stunden später ein - warum, ist bis heute nicht geklärt.

Semah Tanz der Alöeviten während einer Zeremonie in der cem Karacaahmet Haus in Istanbul(AP Photo/Murad Sezer)

Semah ein ritueller Tanz der Aleviten

Viele Aleviten sind über den Vorfall noch heute wütend. Aber ihre Wut richtet sich nicht nur in die Vergangenheit - auch heute leiden Aleviten unter der Diskriminierung durch den Staat und die Gesellschaft in der Türkei. Das größte Problem sei, dass Aleviten nicht als gleichwertige Bürger angesehen würden, erklärt Güzelgül. "Wir wurden ständig ausgeschlossen, verfolgt und assimiliert. Wir wurden immer schikaniert, beleidigt und das ist auch heute noch so", betont der gläubige Alevite.

Als Beispiel nennt Güzelgül den Streit über alevitische Beerdigungen. Sunnitische Muslime hätten die Aleviten oft beleidigt, indem sie sagten, dass es keine Beerdigungszeremonie für Aleviten geben könne, die Leichname nicht gewaschen werden könnten und dass sie keine echten Moslems seien, erklärt Güzelgül. "Wir haben damals unsere eigenen Tücher und Laken aus unseren Häusern benutzt, um die Begräbnisse durchführen zu können", so der gläubige Alevit.

"Uns fällt es schwer Erdogan zu glauben"

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan plant nun ein Reform-Paket, das den Forderungen der Aleviten entgegenkommen könnte. Nach Angaben des türkischen TV-Senders Haberturk möchte die Regierung aus den bestehenden Stiftungen der Aleviten eine Dachorganisation bilden. Der türkische Staat wolle dann die Dachorganisation mit Subventionen unterstützen, die in alle Unterorganisationen fließen sollen. An der Hitit-Universität in der Stadt Çorum in der anatolischen Schwarzmeer-Region soll außerdem der erste Lehrstuhl für das "Alevitentum" eingerichtet werden. Alevitische Geistliche würden dort die Möglichkeit haben, an Fortbildungen alevitischer Religionswissenschaftler teilzunehmen. Zum Abschluss würden sie eine offizielle Anerkennung als "Glaubensvertreter" erhalten.

Muhterem Aktas, Direktor der Alevi Bektasi-Föderation in Istanbul (Foto: Senada Sokollu/DW)

Muhterem Aktas, Direktor der Alevi Bektasi-Föderation in Istanbul

Muhterem Aktas vertraut den Plänen Erdogans nicht. Aktas ist Direktor der "Alevi Bektasi"-Föderation in Istanbul. In Sivas geboren und aufgewachsen, war Aktas 1993 bei dem Brandanschlag dabei. Der damals 20-Jährige stand in der Nähe der jubelnden Menge der Fundamentalisten. Er erinnert sich an die grausame Tat und an die "absichtliche" Tötung der Aleviten. Er betont aber, dass es schon immer Verfolgungen von Aleviten gab. "Das bekannteste Massaker an den Aleviten fand im Jahr 1516 statt. Damals hat der osmanische Herrscher Yavuz Sultan Selim über 40.000 Aleviten umbringen lassen. Die Erdogan-Regierung will die dritte Brücke über den Bosporus nach ihm benennen", sagt Aktas im DW-Gespräch.

Das zeige deutlich die Negativität und Feindseligkeit des türkischen Premierministers gegenüber den Aleviten, kritisiert Aktas. "Trotzdem hoffen wir auf Besserung, auch wenn es uns schwer fällt Erdogan zu glauben", sagt der Direktor der "Alevi Bektasi"-Föderation. Die Aleviten wollten gleiche Bürgerrechte, betont Aktas. "Wir brauchen keine positive Diskriminierung oder Toleranz. Wir wollen keine extra Rechte, wir wollen, dass jeder gleich ist", betont er..

"Man muss die Unterschiede akzeptieren"

Alevitische Schriftstellerin und Journalistin Miyase Ilknur (Foto: Senada Sokollu7DW)

Alevitische Schriftstellerin und Journalistin Miyase Ilknur

Auch die alevitische Schriftstellerin und Journalistin Miyase Ilknur kann Erdogan nicht ernst nehmen und lacht über seine Reformpläne. "Er (Erdogan) will die neue Brücke über den Bosporus nach einer Person benennen, deren Name die Aleviten aufs gröbste verletzt und dann will er eine Aleviten-Reform durchsetzen?" fragt Ilknur voller Spott. Wenn er weiter Aleviten diskriminiere, dann sei auch eine Reform zwecklos, erklärt Ilknur gegenüber der Deutschen Welle.

Das größte Problem für Ilknur ist die andauernde Diskriminierung der Aleviten. "Unterdrückung, Gewalt und Entfremdung haben nur ein Ergebnis: Die Aleviten besinnen sich auf ihre Identität und ihren Glauben noch stärker. Sie werden dadurch noch radikaler", so Ilknur. Man könne nicht alle Aleviten vertreiben oder Massaker riskieren, sondern man müsse mit ihnen friedlich zusammenleben und die konfessionellen Unterschiede akzeptieren.

Die Redaktion empfiehlt