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Alltagsdeutsch – Podcast

Alemannisch

Alemannisch spricht man nicht, man schwätzt's. Und das immerhin in vier europäischen Ländern, einzelne Sprachinseln nicht mitgezählt. Grund genug, sich diese alte Mundart einmal genauer anzuhören.

Personen auf dem Markt:

"So, was derfs noch sein? " / "An Pfirsig brauch' i no a Kilo." / "An Pfirschig."

Sprecher:

Pfirschig statt Pfirsig ...

Personen auf dem Markt:

"Der Butter! [lacht]" / "Der Butter..."

Sprecher:

... der Butter statt die Butter ...

Personen auf dem Markt:

"Bi uns heißt's der Butter, ne? " / "Da schwätze mer alemannisch."

Sprecher:

...und schwatzen statt reden, und bi uns statt bei uns.

Verkäuferin:

"Ich dank' schön! Und ne‘ schöne Sonntig! Schönes Wochenend."

Sprecher:

Jeden Sonntig hat sie gesagt. Einen schönen Sonntag, natürlich. Jeden Sonntag, also jeden Sonntig, bauen die Händler schon früh morgens im Schatten des Freiburger Münsters ihre kleinen Stände auf. Sie stapeln Kisten mit Gemüse, Obst und Salat. In den Auslagen glänzen Speckschwarten und selbst gemachte Würste, an Haken hängen geräucherte Schinken und in der Luft liegt der Duft von frischem Brot und würzigem Kaas. Hier wird Dialekt gesprochen – Alemannisch.

Befragte Person:

"Ich will des einfach au pflege. Aber je näher, dass d' Leit bei Freiburg wohne, desto stärker verliere sie den Dialekt. Aber bei uns im Glottertal speziell wird eigentlich schon no so g'schwätzt. Un wenn ma dann wieder 'nuff in de Schwarzwald kommt, zum Kaiserstuhl, da wird auch noch stark g'schwätzt. Aber je näher mer an de Ballungszentre kommt, verliert sich's . 's is schad."

Sprecher:

Ja, das find‘ ich auch! Christian Wisser – um die Dreißig, dunkle Haare, wache Augen, kräftige Hände – wickelt Würste in Papier, setzt vorsichtig Eier in kleine 6er-Schachteln und vergisst dabei nicht, auch seinen Schnaps zu erwähnen.

Christian Wisser:

"Ja, da hemmer emal de berühmte Obstler natürlich, Birnewässerle hob i, a Tresterbrand, an Hefebrand, des kummt ja aus'm Weinbau und was nit fehle derf, is natürlich e Kirschwasser, un in dem Fall is es e Wildkirsch-Wasser."

Sprecher:

Mmmmhhh! Des isch e Wässerle, gell? Der Renner sind aber die großen selbst gebackenen Holzofen-Brote, dunkel und knusprig. Alles hier kommt vom eigenen Hof. Michael Müller wollte schon immer Bauer werden, wie sein Vater. Die Tradition bewahren. Dazu gehört eben mehr als nur das Kirschwasser.

Michael Müller:

"Voll Alemannisch. Nur, was ich jetzt merk', mei Patenkinder zum Beispiel, die jetzt in de Kindergarte' gehen, da fangt's an. Und die schwätze viel dann in so 'nem Mischmasch und mit hochdeutsche Elemente un so. Un da sag' i also au schon a mol: Ja Menschenskinder, due gehörst ja gar nimmer zu mir, du schwätzest Hochdeutsch, un I schwätz' Dialekt."

Sprecher:

Aber Moment mal. Freiburg, Schwarzwald, Glottertal – das ist doch ganz klar Baden. Und in Baden spricht man doch wohl Badisch, oder ? Was soll also das Gerede vom Alemannischen? Da muss der Experte weiterhelfen. Nicht weit von den Ständen am Freiburger Münster, an der Universität, arbeitet der Sprachwissenschaftler Rudolf Post. Wie ist es also mit dem Alemannischen, Herr Post?

Rudolf Post:

"Ja, das Alemannische wird im Elsass gesprochen, dann in der Region südlich von Karlsruhe, rüber bis zum Lech, dann in der Schweiz, in Liechtenstein, das Elsass das ist dann Frankreich, also es wird in vier Ländern gesprochen. Wenn man dann noch kleine Sprachinseln in Italien dazu nimmt, kommen fünf oder sechs Länder zusammen."

Sprecher:

Also: Von Karlsruhe bis runter zur Schweizer Grenze, im Schwarzwald und östlich davon bis Villingen-Schwenningen und runter zum Bodensee sprechen die Menschen Alemannisch. Auch das Schwyzerdytsch ist eigentlich Alemannisch und auch in Frankreich, im Elsass, nicht Elsässisch, sondern – klar – Alemannisch. Wo kommen sie aber her, die Alemannen? Sie waren – das ist heute klar – keine homogene Volksgruppe, sondern eine Art Viel-Völker-Gemeinschaft, die sich in den ersten Jahrhunderten nach Christus im heutigen alemannischen Sprachraum ansiedelte.

Rudolf Post:

"Das Alemannische ist ein relativ alter Dialekt, der auch in seiner Form in manchem sehr alt ist. Zum Beispiel hat er noch die alten mittelhochdeutschen Formen lang 'u', also Huus, während die anderen deutschen Mundarten wie das Neuhochdeutsche Haus haben. Oder man sagt im Alemannischen "Bruader", wie auch im Mittelhochdeutschen "Bruader", während die anderen Mundarten "Bruder" haben. Also, man kann an diesen Merkmalen ganz schnell erkennen, ob jemand Alemannisch spricht, zumindest im Süden."

Sprecher:

Wie ist es aber nun mit den Badenern, den Elsässern, den Schweizern und Liechtensteinern – sprechen sie denn nun wirklich alle eine gemeinsame Sprache?

Rudolf Post:

"Sie können schon drauf los reden. Es kann schon in dem einen oder anderen Fall mal zu Verständigungsschwierigkeiten kommen. Aber das ist auch innerhalb der deutschen Dialekte, die nicht durch Staatsgrenzen getrennt sind, der Fall. Weil die Mundarten bekanntermaßen sich von Ort zu Ort immer verändern. Da kann es sein, dass man plötzlich ein anderes Wort hat. Die einen sagen "fegen" zum Kehren, die anderen sagen "schweifen". Aber man merkt dann doch schon, was gemeint ist."

Sprecher:

Na klar, und auch zwischen den kleinen Ständen am Freiburger Münster gibt es immer wieder Neues zu hören.

Karl Mayer:

"Ja, ja. Des is jetzt Feldsalat. Feldsalat hat zum Beispiel zehn, zwölf Name. Des is Feldsalat, Rabunzl, Ritscherle,...in der Schwyz sagt mer Nüsslisalat, und so isch viele Sache hem im Dialekt mehrere Name. Es gibt Karotte, es gibt gelbe Rübe, und mir sage Gallrüabe, mir sage Gallrüabe."

Sprecher:

Gut, Rabunzl, Ritscherle, Nüsslisalat und Gallrüabe - da steigt der Nicht-Alemanne so langsam aus.

Karl Mayer:

"Da gibt's schon Ausdrücke, wo die Leut' nimmer verstehen."

Sprecher:

...das sagt Karl Mayer aus Aichstetten am Kaiserstuhl.

Karl Mayer:

Eine Schüssel, wo man früher sich gewaschen het, heißt im Dialekt "Hambeckl", des weiß heut' kei' Mensch mehr. Des sind noch so alte Überlieferungen – des is scho interessant! [lacht]"

Sprecher:

Diese Überlieferungen – die sind gefährdet. Auch der Dialekt, das Alemannische. Die junge Generation lernt es nicht mehr. Auch nicht in Aichstetten am Kaiserstuhl.

Karl Mayer:

"Ja, die nächste Generation. In der Schule lernen sie's nimmer, des stimmt. Die sprechet perfekt Hochdeutsch. Früher war des anders, i weiß noch, meine Kinder, die hen a noch Dialekt g'schwätzt in der Schul', und da het sich alts die Lehrerin drüber aufg'regt. Des is ganz abkomme. Aber schade, des mer's Dialekt jetzt so verschwinde lasst, net."

Akkordeon-Musik

Sprecher:

Was Karl Mayer befürchtet ist anderswo schon viel weiter fortgeschritten. Auf der französischen Seite des Rheins, im Elsass, im wunderschönen Elsass, wo man so gut isst, da war die Mundart lange ein Politikum. Das Elsass, die Region zwischen Rhein und Vogesen, war Jahrhunderte lang zwischen Frankreich und Deutschland umkämpft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es endgültig ein Teil Frankreichs.

Henri Scherb:

"Unsere Muttersprache ist leider im Verschwinden. Weil unsere Kinder es nicht mehr so hören."

Sprecher:

... sagt Henri Scherb, Jahrgang 1940 und Kriegskind. Er durfte seine Muttersprache als Kind in der Schule nicht sprechen, hat später dann als Deutschlehrer für sie gekämpft.

Henri Scherb:

"... und wenn die Kinder jetzt in die Schule kommen, das habe ich an meinen Kindern gesehen, dann geben sie nach drei Monaten auf Französisch Antwort. Das heißt, die Schule macht unsere Muttersprache kaputt."

Sprecher:

Und das Wort von der Muttersprache meint er dabei ganz wörtlich.

Henri Scherb:

"Mit meiner Mutter kann ich nur Elsässisch sprechen. Ich hätte den Eindruck, ich hätte Hörner an, wenn ich entweder Hochdeutsch oder Französisch mit ihr sprechen würde. Also spreche ich mit d'r Mama red i numma Elsasserdytsch."

Sprecher:

Seit den Tagen, als Henri Scherb Lehrer war, ist in vielen Orten des Elsass einiges anders geworden. In Ingersheim zum Beispiel. Ein Örtchen zwischen Colmar und Kaysersberg. Straßen wie Postkartenmotive, ordentlich gepflastert, überall Blumen vor frisch renovierten alten Häusern. In dem kleinen Städtchen leben 4.500 Menschen. Wer "Elsässer" ist, und wer "Franzos", spielt heute längst nicht mehr die Rolle, die es noch vor 30, 40 oder 50 Jahren gespielt hat. Die Dinge sind normaler geworden. Auch in den Schulen.

Gérard Kronenberg:

"Viele Kinder bleiben in der Schule bis halb sieben. Da wird alles auf Elsässisch gemacht. Also, die lernen Elsässisch, Deutsch und Französisch."

Sprecher:

Gérard Kronenberg ist der Bürgermeister von Ingersheim. Das Elsässisch an der Schule kommt super an, und zwar nicht nur bei Familien, die schon seit Generationen im Elsass leben.

Gérard Kronenberg:

"Ja, natürlich, sind Kinder, sind Türken bei uns, die lernen Elsässisch und sprechen das ganz, ganz perfekt, ja. Und auch Marokkaner, die sind alle Eingewanderte von Ingersheim, die sprechen auch Elsässisch, natürlich!"

Sprecher:

Die Erfolge hier und da können aber nicht über die Probleme hinwegtäuschen: Die mittlere Generation spricht ihr Elsasserdytsch nur noch bei Familientreffen, und viele Kinder wachsen ausschließlich mit Französisch auf. Vor allem die Älteren wehren sich gegen den Niedergang. Sie finden sich in Theatergruppen zusammen, in Musikgruppen und beim Kabarett auf Alemannisch – ganz ähnlich wie in Deutschland oder in der Schweiz.

Ein Alphorn ertönt

Sprecher:

Ja, das sind halt vertraute Töne. Bei uns in der Schwyz ist das Alemannische offizielle Landessprache. Dort heißt es eben Schwyzerdytsch. Dass unsere Sprache eigentlich ein deutscher Dialekt ist, hören wir Schweizer nicht allzu gerne. Unsere Sprache ist nämlich ein wichtiger Bestandteil der eigenen Kultur, genauso wie alte Bräuche und Feste.

Fasnacht

Sprecher:

Berühmt ist die Basler Fasnacht. Jedes Jahr zur Fasnacht kommen Zehntausende Gäste in die Stadt im Dreiländer-Eck an der Grenze zu Deutschland und Frankreich. Die älteste Clique, so heißen bei uns die Fasnachtsgesellschaft, die älteste Clique sind die Vereinigten Kleinbasler, gegründet 1884. Ihre Cliquenräume liegen im Keller eine Bürohauses. Hinter der Tür beginnt sofort eine andere Welt. Viel rot, gedämpftes Licht und überall Laternen. Ohne Laternen keine Basler Fasnacht, erklärt Peter Stalder.

Peter Stalder:

"Also, das sind Fasnachts-Laternen von den Vortrablern. Das sind Leute, die vor den Tamburen und vor den Pfiffern laufen, und an einem langen Stecken haben sie eine Laterne, sag ich mal. Das ist ein Holzgestell, wo überspannt ist mit Leintuch, wo nachher schön lackiert wird und angemalt. Und wenn man das von innen beleuchtet – elektrisch oder mit Kerzen – dann gibt das ein wunderbares Licht. Das sieht man natürlich besonders beim Morgenstreich, wenn in der ganzen Stadt das Licht abgelöscht wird, und das sieht natürlich irrsinnig aus."

Sprecher:

Haben Sie das jetzt verstanden? Der Peter Stalder erklärt eigentlich nur etwas umständlich, was eine Laterne ist. Eine Laterne, die am Basler Morgenstreich ein wunderbares Licht verbreitet. Wenn Sie den nicht kennen, den müssen Sie sich unbedingt ansehen! Die Kleinbasler Fasnächtler stellen ihre Larven, also ihre Masken und Kostüme noch selbst her, alles ist Handarbeit. Peter Stalder zeigt stolz die Werkstatt:

Peter Stalder:

"Waggis, das ist ein elsässischer Bauer, das ist so eine Standardfigur an der Basler Fasnacht. Es gibt sieben oder acht Standardfiguren. Der Waggis ist zum Beispiel eine. Dann gibt es den Platzlesbajas. Das ist bei euch der Suppenkasper, glaube ich. Es gibt den Pierro, das ist eine französische Figur, dann den Harlekin, aus der Comedia del Arte aus Venedig, den Harlecino, dann gibt es Alde Dande, das ist so eine ältere Dame mit 'nem großen Hut."

Sprecher:

Platzjlesbajas, all die Danden und Waggis – auf unsere Sprache sind wir Schweizer besonders stolz, wie Peter Stalder. Das Hochdeutsche taugt hier nur als Schriftsprache. Mit der Aussprache des Hochdeutschen stehen wir Schweizer sowieso Zeit unseres Lebens auf Kriegsfuß.

Peter Stalder:

"Wir sind gar net g'wohnt, uns im Deutschen zu artikulieren. Das ist halt der Nachteil, dass das manchmal komisch tönt, wenn wir versuchen, Hochdeutsch zu reden. Aber wir denken nicht Hochdeutsch, wir denken Baseldeutsch und das tönt dann nun mal dann lustig."

Sprecher:

Vielleicht liegt aber genau in diesen lustigen "Tönen" der Reiz des Dialektes. Auch auf der anderen Seite der Grenze, zurück in Deutschland. Immer mehr Autoren zwischen Karlsruhe, Freiburg und dem Bodensee nutzen ihren Dialekt, um eben mehr als immer nur Heimatgedichte zu schreiben.

Johannes Kaiser:

"Wir sind 51 vor Christus. Im ganze Gallie hucket d' Römer wie d' Bierschnoke. Im ganze Gallie? Nein."

Sprecher:

Was? 51 vor Christus? Gallien? Römer?

Johannes Kaiser:

"E klei Dörfle voll bockige Leut lässt´s allewei net luck, dene Römer zuwider si."

Sprecher:

Klar, das ist die Geschichte von Asterix und Obelix, aber auf Alemannisch.

Johannes Kaiser:

"Was koscht des? De Obelix is ganz irritiert: Zwei Wuzzle de Wäggis. Un sie frogt: Wieviel sin denn des in Fisch, oder nehmen ihr au Euro?"

Sprecher:

Einer der Übersetzer war Johannes Kaiser, selbst glühender Asterix-Fan, seit er ein kleiner Bub‘ war. Heute sitzt er vor "seinem" Asterixband und hat immer noch die Begeisterung von dem kleinen Bub‘ von damals.

Johannes KKKKKKaiser:

"Un de Obelix dreht sich um un sait zum Asterix: Du Asterix, die hen e Schiewe, die Römer!"

Sprecher:

Die hen e Schiewe – die spinnen, die Römer. Auch wenn die Kinder das Alemannische zuhause kaum noch lernen, in den Comics und in der Unterhaltung hat es eine Nische gefunden, in der es überleben kann.

Befragte Person:

"Mundart sagt, was ist, wie ich's empfinde, ich glaub' die Emotion sitzt in der Mundart."

Sprecher:

Weil der Alemanne die Dinge eben nur auf Alemannisch wirklich beim Namen nennen kann.

Fragen zum Text:

In welchen vier Ländern wird das Alemannische hauptsächlich gesprochen?

1. in Deutschland, Frankreich, Liechtenstein und der Schweiz

2. in Deutschland, Belgien, Luxemburg und der Schweiz

3. in Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Belgien

In welchem Land ist das Alemannische offizielle Landessprache?

1. in der Schweiz

2. in Deutschland

3. in Frankreich

Was hat Johannes Kaiser gemacht, um das Alemannische zu fördern?

1. Er hat ein Buch über die römische Geschichte auf Alemannisch geschrieben.

2. Er hat ein Theaterstück über Caesar auf Alemannisch geschrieben.

3. Er hat Asterix und Obelix ins Alemannische übersetzt.

Arbeitsauftrag:

Im Elsass wird das Alemannische jetzt wieder an den Schulen unterrichtet, damit die Sprache nicht ausstirbt. Was kann man noch unternehmen, um bedrohte Sprachen zu schützen und zu fördern? Sammeln Sie in Kleingruppen ein paar Ideen.

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