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Fokus Osteuropa

Albanien: Ziviler Widerstand gegen Energieprojekt

Der geplante Bau einer Erdölraffinerie in der Küstenstadt Vlora hat eine ganze Region in Albanien in Aufruhr versetzt. Bürgerinitiativen fürchten um die Umwelt, Unternehmer um den aufkeimenden Tourismus.

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Furcht vor verheerenden Umweltfolgen

Der geplante Bau einer größeren Raffinerie- und Umfüllanlage für Erdölprodukte in Kombination mit einem Wärmekraftwerk, das auch als Müllverbrennungsanlage fungieren soll, eines so genannten "Energieparks" in Kooperation mit ausländischen Firmen im Süden Albaniens, wird derzeit im Land heftig diskutiert. Die Regierung hat die Sache beschlossen, aber die Bürger sind dagegen. Sie befürchten, dass Projekt zerstöre die Umwelt und den Tourismus und hemme die Entwicklung der Region. Albanien sei keine Müllkolonie, argumentieren die Medien. Die Energieprojekte haben eine heiße Debatte über Umweltschutz und Entwicklung im Land entfacht.

50-Millionen-Projekt

Jeden Abend kommen besorgte albanische Bürger in das Büro der "Bürgerallianz für den Schutz von Vlora", um sich über das Neueste beim Vorhaben der italienischen Firma "Petrolifera" zu informieren. Nach einem Vertrag mit der albanischen Regierung kommt Petrolifera in die Küstenstadt Vlora, um zunächst einige Öltanks, mit 37.000 Kubikmeter Anfangskapazität in direkter Stadtnähe zu bauen. Später könnte das Volumen der Tanks auf 50.000 Kubikmeter anwachsen. Der internationale Schiffsverkehr, aber auch der nationale Küstenverkehr würden sich durch das Projekt verstärken. In dem neu angelegten Hafen werden vor allem ausländische Schiffe tanken, die ihr Öl von der AMBO Pipeline beziehen. Vlora wird das Terminal von AMBO (Albanian, Macedonian, Bulgarian Oilpipeline) sein, einer transbalkanischen Pipeline die in Burgas am Schwarzen Meer beginnt und den durch intensiven Tankerverkehr gefährdeten Bosporus entlasten soll. Für albanische Verhältnisse ist es ein stolzes Projekt von über 50 Millionen Euro und auch das erste im Süden. Zusätzlich wird neben den Speicher der italienischen Firma ein Heizkraftwerk gebaut.

Protest der Einwohner

Für die Bürger von Vlora sind all diese Energieprojekte zu viel, zumal sie nicht gefragt wurden, wie Bürgerinitiativen behaupten. Sie betonen, dass nach der internationalen "Aarhus Konvention", einer Unterorganisation der UNO, die Bürger Interventionsrechte haben, bei großen Vorhaben, die eine Stadt direkt betreffen. Nun gibt es ein Urteil des Büros der Aarhus Konvention in Genf, das besagt, dass die albanische Regierung diese Konvention verletzt habe. Das gab Zündstoff für Proteste, die noch immer andauern. Rezart Aliaj, Leiter der Bürgerallianz für den Schutz von Vlora, vertritt die Interessen der Bürger: "All das wurde in strenger Verschwiegenheit getan. Wir als Gemeinde haben davon nichts gewusst. Noch dazu wird Petrolifera in einem Wohngebiet gebaut. Der Gewinn der albanischen Regierung von diesem Projekt ist minimal. Es werden ca. 84 Hektar Land an Petrolifera fast verschenkt für ein Projekt, das direkt das Leben einer Stadt in Gefahr bringt." Die Bürger von Vlora haben entdeckt, wie ein Teil des Waldes, in dem Bauarbeiten stattfinden, abgeschnitten wurde. Damit wurde ein direkter Verbindungsweg zwischen Petrolifera und dem für den Bau des Heizkraftwerks geplante Gelände geschaffen. Petrolifera verdunkelt ihre Vorhaben, so lautet das Fazit der Allianz.

Widerspruch der Firma

Dem widerspricht Petrolifera. Das Ziel sei nur die Ent- und Beladung sowie Aufbewahrung von Öl und anderen Produkten, betont die italienische Firma. Sie weist jede Verbindung zu den Heizkraftwerken, zu AMBO und jeglichen Raffinerien zurück. Sie beteuert die guten Absichten und die Vorteile, die der Touristen-Stadt, zugute kommen werden. Der albanische Vertreter der italienischen Firma, Gazmend Shalsi argumentiert: "Dieses Projekt wird Öl, Gas, Benzin für die Bedürfnisse der albanischen Wirtschaft liefern und Vlora ist Teil der albanischen Wirtschaft und wird davon profitieren. Es wird ein Gebiet der leichten Industrie entstehen, und es wird dem Tourismus, den Vlora behauptet zu haben, zu Gute kommen."

Gefahr für den Tourismus?

Die Bürger von Vlora sind stolz auf die Schönheit und die Geschichte ihrer Stadt. Die wollen sie bewahren. Andererseits braucht Vlora Strom gerade für die Entwicklung des Tourismus. In den letzten Jahren hat Vlora erste Schritte in Richtung einer Tourismusentwicklung gemacht. An der Küste von Vlora sind viele Hotels und Restaurants entstanden und wichtige Verkehrsverbindungen wurden rekonstruiert. In den Sommermonaten sind fast alle Hotels ausgebucht. Die Stadt und die Region sind bemüht, sich als touristisches Zentrum zu verkaufen, obwohl noch Müllberge das Landschaftsbild prägen und die Infrastruktur zu wünschen übrig lässt. Petrolifera werde gerade diese Hoffnung in den Tourismus zerstören sagt, der Vorsitzende der Unternehmervereinigung für Tourismus in Vlora, Petrit Levendi: "Vlora wäre dann eine Ölstadt. Hier geht es um die Ölindustrie, die Heizkraftwerke werden der Ölindustrie dienen. Und der Ölgeruch, der ausgestoßen wird, verteilt sich über der Stadt. Es sind ja nur 200 bis 300 Meter Entfernung. Außerdem, wer würde dann in eine Küstenstadt kommen, um einen Kaffee am Meer trinken, wenn sich etliche Öllager vor einem emporheben würden."

Bürger fordern Mitbestimmung

Gegen Petrolifera haben sich auch albanische Umweltexperten ausgesprochen. Nach ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen wird das Wasser im Golf von Vlora nur einmal in 70, 80 Jahren vollständig ausgetauscht. Havarien oder Unfälle würden endgültig die Umwelt zerstören. Sazan Guri vom "Nationalen Büro für Umweltschutz" ist der Meinung, dass es genügend Umweltgründe gibt, diese Energieprojekte zu stoppen. "Wir haben untersucht, dass die Luft in dem sehr engen Golf von Vlora einen viel höheren Feuchtigkeitswert als anderswo aufweist. In dieser geographischen Position ist die Luftverschmutzung vielfach höher. Der Golf von Vlora ist wie ein Brutkasten. Das bezieht sich auch aufs Meerwasser jeder Tropfen Öl ins Meer kommt nicht wieder heraus."

Ob Petrolifera die Bauarbeiten stoppen oder weiterführen wird, ist unklar. Die Bürger haben ein Referendum gefordert.

Lindita Arapi, DW-Albanisch