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Welt

AKW Zwentendorf - das "Anti-Fukushima"

Während die Menschen vor dem AKW Fukushima flüchten, zieht der fast baugleiche Meiler im österreichischen Zwentendorf immer mehr Interessierte an. Der Reaktor ist heute Symbol für die Ablehnung von Nuklearenergie.

AKW Zwentendorf (Foto: Cava)

Nie eingeschaltet: Das AKW Zwentendorf in Niederösterreich

Zwentendorf mitten in der österreichischen Provinz ist wohl das sicherste Atomkraftwerk der Welt. Führungen dort sind über Monate ausgebucht, vermehrt interessieren sich auch japanische Journalisten. Im Begrüßungsraum beißen Besucher unter Schaubildern zu Reaktor-Notkühlsystemen in ihre Würstchen und stellen sich mit verteilten Märkchen für Gratis-Limonade an.

Ein Milliardengrab

"Zwentendorf ist aus meiner Sicht ein Ort, der wie kein zweiter für den Begriff des Scheiterns steht", sagt Stefan Zach, der Sprecher des Energieunternehmens EVN (Energie Versorgung Niederösterreich), dem der Meiler gehört. 1976, nur wenige Jahre nach Fukushima mit fast gleicher Technik fertiggestellt, ging Zwentendorf nie ans Netz. Eine unerwartet ausgegangene Volksabstimmung verhinderte 1978 mit hauchdünner Mehrheit die Einschaltung des betriebsbereiten Meilers, der Österreichs Eintritt in das Atomzeitalter einläuten sollte. Das Werk wurde für die Republik zum Milliardengrab.

AKW Zwentendorf Kontrollraum (Foto: EVN)

Der Kontrollraum

"Ich bin seit 33 Jahren zum ersten Mal wieder hier", sagt der Lüftungstechniker Wilhelm Deibl aus Zwentendorf leicht wehmütig. Der 64-jährige Mann wartet im beigen Lederblouson und mit Schirmkappe vor dem Absperrgitter auf die Führung durch seinen ehemaligen Arbeitsplatz. Wie das Kühlsystem installiert wurde, wie die Brennstäbe mit dem Hubschrauber ankamen - er erinnere sich noch genau.

Deibl hoffte auf einen sicheren Arbeitsplatz - dann kam die Volksabstimmung. "Damals hat meine Frau mit Nein gestimmt und ich mit Ja. Heute würde ich auch mit Nein stimmen", sagt er. Man sei ja zu der Zeit bewusst über die Risiken im Unklaren gelassen worden. "Das Umdenken kam nicht erst bei Fukushima sondern schon bei Tschernobyl." Der Techniker ist heute wie die große Mehrheit der Österreicher entschieden gegen Nuklearenergie. Die Atomfreiheit des Landes ist inzwischen in der Verfassung verankert, Boulevardzeitungen warnen regelmäßig vor grenznahen "Schrottreaktoren" oder "Todes-AKWs". Seit Fukushima vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Regierungsmitglied den EU- oder gar weltweiten Atomausstieg fordert.

Kein einziger Befürworter

Im AKW Zwentendorf (Foto: EVN)

Interessante Einblicke

Zwentendorf ist zum Symbol für die "Atomkraft, Nein Danke"-Mentalität des Landes geworden und damit eine Art "Anti-Fukushima". Am Tag der offenen Tür liegen überall Unterschriftenlisten gegen Nuklearenergie aus und fast jeder Besucher signiert. Selbst in der gesamten Mechatronik-Besuchsgruppe der Universität Linz findet sich kein einziger Befürworter. Der Schwager seines Bruder kenne aber jemanden, der angeblich dafür sei, scherzt ein Student. Er sorge sich nur, dass Fukushima ein schlechtes Licht auf technische Berufe werfe und die Studentenzahlen zurückgehen, sagt der deutsche Institutsleiter Bernhard Jakoby, ebenfalls Atomgegner: "Wir haben eh schon so wenig Leute."

Für die Technik-Studenten ist der Ausflug in den Reaktorkern hochinteressant, denn in Zwentendorf ist fast alles erhalten und man kommt in Bereiche, die selbst bei stillgelegten Reaktoren wegen der Strahlung für Menschen nicht zu betreten sind. "Wer will hier mal Schreien", fragt Zach innerhalb des Sicherheitsbehälters (Containment). Hinter der dicken braunen kugelförmigen Metall-Schutzwand hallt es extrem, dicke Röhren ragen von der Decke hinab. Bei laufenden AKWs ist das Gebiet mit meterhohem Kühlwasser gefüllt - in Fukushima der Bereich, von dem keiner so genau weiß, was dort gerade passiert.

Solarenergie vom AKW-Gelände

Solaranlage auf dem AKW-Gelände (Foto: EVN)

Sonnenkraft statt Atomkraft

"Wir tragen mit Zwentendorf auch dazu bei, andere Atomkraftwerke wie in Deutschland sicherer zu machen", sagt Zach. Denn in dem Meiler bietet unter anderem die Kraftwerksschule Essen seit Jahren Schulungen für AKW-Arbeiter an. Doch die Nutzungsmöglichkeiten sind noch vielfältiger: In dem Gebäude neben dem Reaktor ist momentan die Volksschule Zwentendorf untergebracht, über eine große Solar-Anlage wird auf dem AKW-Gelände nach Jahrzehnten endlich Strom für die Haushalte der Region erzeugt. Ein Imker möchte künftig auf dem Gelände Bienenstöcke aufstellen und den ersten AKW-Honig für einen guten Zweck schleudern.

Autorin: Miriam Bandar (dpa)
Redaktion: Christian Walz