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Sport

Aktive Selbstversorger

Im Jahr 2020 werden etwa 40.000 Menschen in Deutschland leben, die 100 Jahre sind oder älter - dreimal mehr als heute. Der Sport spielt für Hochaltrige eine immer wichtigere Rolle.

Entschlossen und zielstrebig stemmt Gisela Gerlach die Hanteln in die Höhe. Es ist die zehnte Wiederholung, gleich hat sie auch diese Übung geschafft. Gisela Gerlach ist 80 Jahre alt und macht einen fröhlich vitalen Eindruck – wie ihre acht Mitstreiterinnen in der Kölner Senioren-Sportgruppe auch. Zweimal wöchentlich treffen sich die Damen zum gemeinsamen Aktivsein, die jüngsten von ihnen sind 79 Jahre alt. Eine Stunde lang trainieren sie unter fachkundiger Anleitung der Diplom-Sportlehrerin Dana Polacek Kraft und Koordination. Wenngleich die Seniorinnen weder einen Wettkampf noch einen Rekord anpeilen, haben sie ein Ziel: So lange wie möglich fit bleiben!

"Fit für 100"

Ob der demographischen Entwicklung rückt die Gesunderhaltung der Physis und der Psyche auch bei "Hochaltrigen" in den Fokus vieler Fachleute und Institutionen. Mediziner, Psychologen und Sportwissenschaftler haben vor einigen Jahren damit begonnen, präventive Maßnahmen in Form von spezifischen Trainingsangeboten zu entwickeln und einzurichten. Im Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie der Deutschen Sporthochschule Köln wurde in Kooperation mit dem Land Nordrhein-Westfalen 2005 das Projekt "Fit für 100" ins Leben gerufen.

Mehr Kraft und Beweglichkeit

Seniorin Gisela Gerlach beim Training mit Hanteln. Foto: DW/Kathrin Schrage,

Gisela Gerlach ist auch mit 80 noch fit

Mittlerweile hat sich das Konzept zur Förderung der Mobilität und Selbstständigkeit bewährt, wird an über 50 Standorten in NRW und über die Landesgrenzen hinaus angeboten und hat sich als klar gesundheitsfördernd herausgestellt. "Die Auswirkung des Trainingsprogramms ist sportmotorisch auf jeden Fall nachgewiesen und es kommt auch bei den Menschen an", sagt Projektleiter Frank Nieder von der Sporthochschule. Testergebnisse belegen, dass durch gezieltes Training beispielsweise die Beweglichkeit im Schultergelenk bei über 80-Jährigen deutlich zugenommen hat. Im gleichen Zeitraum wurde durch das Trainingsprogramm eine Verbesserung der Handkraft um 50 Prozent gemessen.

Gisela Gerlach berichtet von einer leidlichen Erfahrung, die dank ihres Krafttrainings glimpflich ausging. "Zwei junge Männer auf dem Rad wollten mir meine Handtasche entreißen, ich konnte mit meiner Kraft dagegen halten. Das hätte ich vor ein paar Jahren nicht geschafft."

Ziel: Selbstständig bleiben

Vordergründig dienen Angebote wie "Fit für 100" dazu, Alltagskompetenzen zu erhalten. "Das Training ist dafür da, bis ins hohe Alter selbstständig zu sein. Ziel ist, dass alles, was der Alltag erfordert, leicht und gut machbar ist", erklärt Übungsleiterin Dana Polacek. Alte Menschen haben in erster Linie das Ziel, sich so lange wie möglich selbst zu versorgen. Einkaufen, Treppen steigen, Haare waschen, Schuhe schnüren - all das möchte jeder Mensch am liebsten bis an sein Lebensende ohne fremde Hilfe und allein machen. Genau an diesem Punkt setzt das Training an. Mit kleinen Hanteln und Gewichtmanschetten am Unterschenkel werden zehn spezielle Kraft- und Gleichgewichtsübungen ausgeführt.

Seniorinnen bei Gymnastikübungen im Sportverein. Foto: dpa-pa

Beweglich bleiben erleichtert Senioren auch den Alltag

"Treppen steigen ohne Festhalten, das geht jetzt wieder wunderbar, auch Hosen und Röcke anziehen im freien Stehen, und ohne Abstützen vom Stuhl aufstehen", erzählt die 79-jährige Elli Lommertz stolz. Es sind diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die im Alter immens an Bedeutung gewinnen und zur Steigerung der individuellen Lebensqualität sowie dem Wohlbefinden beitragen. Die Teilnehmerinnen von "Fit für 100" zeigen sich wohl auch deshalb extrem diszipliniert. Immerhin machen sich die meisten von ihnen regelmäßig zweimal die Woche auf den Weg zum Training, das für diese Gruppe in einem einfachen Saal der Kölner Seniorengemeinschaft stattfindet. "Einmal ist besser als kein Mal. Aber wenn ich eine deutlich positive Wirkung erzielen will, dann ist zweimal Training pro Woche notwendig", betont Sportwissenschaftler Nieder.

Soziale Komponente

„Fit für 100“-Projektleiter Frank Nieder. DW/Foto: Kathrin Schrage Sportwissenschaftler Frank Nieder vor seiner NRW-Karte mit den jeweiligen Standorten von „Fit für 100“. Foto: Kathrin Schrage, 23.10.2013, in der Deutschen Sporthochschule Köln

"Fit für 100"-Projektleiter Frank Nieder.

Für die Teilnehmer ist "Fit für 100" mehr als nur ein Sportprogramm. Die Seniorinnen haben sich durch ihr gemeinsames Hobby angefreundet, erfahren Gemeinschaft. Alle Damen dieser Sportgruppe leben allein, die meisten von ihnen sind verwitwet. Der Alltag erfährt eine willkommene Abwechslung, nicht nur der Körper, auch der Geist der Hochaltrigen ist aktiv. "Wenn sie an solch einem Training teilnehmen, haben sie neue geistige Anreize innerhalb des Trainings", sagt Projektleiter Frank Nieder. "Sie lernen aber auch neue Personen kennen, sich mit neuen Menschen auseinanderzusetzen, haben wieder zusätzliche soziale Interaktion. Auch das trägt dazu bei, dass diese Personen körperlich und geistig gefordert werden."

Die Kölner Seniorinnen spüren deutlich, wie sehr ihnen das regelmäßige Training zugute kommt. "Wir kommen sehr, sehr gerne hierhin und gehen dann aufgelockert und munter wieder nach Hause", berichtet Elli Lommertz. Die knapp 80-Jährige ist so etwas wie die "Klassensprecherin" der zehnköpfigen Gruppe geworden und steckt an mit ihrer zuversichtlichen, lebensfrohen Art. Auf die Frage, wie lange sie das Sportprogramm noch mitmachen will, antwortet sie: "Na, bis 100!"