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Wirtschaft

Aktionäre geben Deutsche Bank noch eine Chance

Rekordverlust, Aktienkurs im Keller, Leck im Aufsichtsrat: Eine Menge Stoff für die Aktionäre der Deutschen Bank. Aber die sind Kummer gewohnt und fügen sich ihrem Leid. Aus Frankfurt Henrik Böhme.

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Turbulentes Aktionärstreffen bei der Deutschen Bank

Vor Beginn der Hauptversammlung in der Festhalle in Frankfurt am Main stimmte ein Imagefilm die Aktionäre der Deutschen Bank auf die Veranstaltung ein. Ein schneller Ritt durch 145 Jahre Geschichte des Geldhauses. "Die größte Bank der Welt", so vermeldete es die gezeigte Überschrift aus der Frankfurter Zeitung. Das Problem dabei: Das Faksimile stammt aus dem Jahr 1914. Nimmt man aktuelle Ranglisten der Bankenwelt, dann sucht man die Deutsche Bank vergeblich unter den Top-Instituten. Einzig auf der Liste der sogenannten systemrelevanten Banken haben die Frankfurter einen Stammplatz. Aber mit einem aktuellen Marktwert von um die 20 Milliarden Euro ist das Institut eher ein Übernahmekandidat. Aber offenbar will sich derzeit niemand die Deutsche Bank antun.

Deutsche Bank Protest von Demonstranten

Nur wenige Proteste gab es vor dem Ort der Veranstaltung, der Festhalle in Frankfurt

Buhrufe und Beifall

Entsprechend aufgeladen war die Stimmung der rund 5000 Aktionäre in der gut gefüllten Festhalle. Selbst Jürgen Fitschen, der mit diesem Tag scheidende Co-Vorstandschef, musste wütende Zwischenrufe ertragen, als er auf Reizthemen wie den versprochenen Kulturwandel der Bank zu sprechen kam. Ansonsten gab es für Fitschen, der seit 30 Jahren der Deutschen Bank, wie er sagte, "dienen durfte", viel Applaus zum Abschied. Der so Gelobte mühte sich nach Kräften, den Aktionären zu erklären, was man im abgelaufenen Geschäftsjahr alles getan habe, um wieder in die Spur zu kommen. Man habe immerhin 33 Milliarden Euro erwirtschaftet, der zweithöchste Wert in den vergangenen zehn Jahren. Freilich ist davon nichts übrig geblieben, zu groß sind die Belastungen durch Rechtsstreitigkeiten und Rückstellungen. Wie bekannt, stand unter dem Strich des vergangenen Jahres ein Rekordverlust von 6,8 Milliarden Euro.

Weg von Offshore und Kohle

Auch sei man weiter im Geschäft bei Unternehmensfinanzierungen, so etwa bei der Fusion von AB Inbev und SAB Miller zum größten Brauereikonzern der Welt. Warum die Deutsche Bank nicht dabei war, als es um einen 20-Milliarden-Kredit für Volkswagen ging, sagte Fitschen nicht. Immerhin versicherte er unter Hinweis auf Offshore-Geschäfte, die Bank biete "keine Konten bei Gesellschaften an, bei denen wir die dahinter stehende Person nicht kennen." Auch trenne man sich von ethisch fragwürdigen Geschäften, beispielsweise der Finanzierung von umstrittenen Kohle-Abbau-Methoden mittels Absprengung von Berggipfeln, das sogenannte "Mountain Top Removal".

Cryans Blick nach vorn

In eine ähnliche Kerbe schlug auch John Cryan, nunmehr alleiniger Chef der Deutschen Bank. Er richtete den Blick vor allem nach vorn, wohl auch deshalb, weil der Blick zurück vor allem weh tut. Man genieße eine ganz besondere Aufmerksamkeit, vor allem in Deutschland. Wobei, und damit hatte Cryan die Lacher auf seiner Seite - "genießen wohl eher der falsche Begriff ist." Er fühle sich auch falsch verstanden, wenn man ihn ausschließlich als "Aufräumer oder Sanierer" bezeichne. Wenn es der Bank aber auf dem eingeschlagenen Weg helfe "dann meinetwegen." Was darauf hindeuten könnte, dass Cryan in der Tat nur ein Übergangschef ist, bis es der Bank wieder besser geht. Darauf hoffen vor allem die Aktionäre: Nicht nur, dass sich der Aktienkurs seit Cryans Amtsantritt halbiert hat, auch gibt es für 2015 keine Dividende. Das dürfte im laufenden Jahr nicht anders sein. Trotzdem bekam Cryan Applaus, als er versprach, Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Vertrauen und Gründlichkeit zu pflegen - Tugenden, die einst für die Deutsche Bank gestanden hätten. Da wolle man wieder hin.

Deutsche Bank Paul Achleitner John Cryan Juergen Fitschen

Führungstrio: Die Co-Vorstandsschefs John Cryan (li) und Jürgen Fitschen (re) nehmen Aufsichtsratschef Paul Achleitner in die Mitte

Ärger um ein Leak

Dennoch wirkten die Beruhigungspillen von Vorstand und Aufsichtsrat nur bedingt bei den Aktionären. Viele beklagten vor allem die jüngsten Vorgänge rund um den Rückzug von Aufsichtsratsmitglied und Chefaufklärer Georg Thoma. Der angesehene Wirtschaftsanwalt war Ende April auf Druck seiner Kollegen zurückgetreten, weil diese ihm öffentlich Übereifer bei der Aufarbeitung von Skandalen vorgeworfen hatten. "Dass solche Dinge auf dem offenen Marktplatz ausgetragen werden, zeigt, wie tief wir in diesem ehrenwerten Haus mittlerweile gesunken sind", kritisierte Klaus Nieding, der Vize-Präsident der Aktionärsvereinigung DSW. Ähnlich äußerte sich auch Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment, einem der größten Anteileigner des Instituts. "Die Reputation hat gelitten, das Vertrauen am Kapitalmarkt ist erschüttert, der Aktienkurs ist ein Desaster", so Speich. Die Bank stecke nach wie vor in der größten Krise ihrer Geschichte.

Schweigen für Achleitner

Den "Fall Thoma" hatte auch Aufsichtsratschef Paul Achleitner in seiner Rede thematisiert. Er bedaure, dass dies öffentlich ausgetragen wurde. Aber es habe unterschiedliche Vorstellungen im Aufsichtsrat gegeben, bei denen es eher um die Form als um Inhaltliches gegangen sei. Sodann ging Achleitner in die Offensive und versuchte den Aktionären, die Zweifel an seiner Person haben, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ob er noch der Richtige sei für den Neuanfang bei der Bank? Viel Beifall in der Festhalle. Er glaube schon, so gab Achleitner die Antwort gleich selbst. Kein Beifall in der Festhalle, dafür eisiges Schweigen.

Kein Drama in der Festhalle

Im Verlauf der Debatte wurde dann aber doch schnell deutlich, dass Paul Achleitner nicht befürchten musste, keine Entlastung durch die Hauptversammlung zu bekommen. Die meisten der wichtigen Investmentfonds signalisierten jedenfalls Zustimmung. Am Ende stimmten 87 Prozent der Aktionäre für eine Entlastung, das kann zumindest als Denkzettel gewertet werden, Zustimmungsquoten von unter 90 Prozent sind eher selten. Deutlicher die Zustimmung für John Cryan und seine Vorstandskollegen - hier stimmten 98 Prozent für eine Entlastung. Das war im vergangenen Jahr anders: Nur 60 Prozent stimmten seinerzeit für Entlastung der damaligen Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen - ein historisch niedriges Ergebnis. Zwei Wochen später war Jain weg. Solch ein Drama blieb dieses Mal in der Festhalle aus.

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