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Wirtschaft

Air Berlin: Die Karten liegen auf dem Tisch

Air Berlin steht in Teilen oder als Ganzes zum Verkauf. Am Freitag um 14.00 Uhr ist die Frist abgelaufen, innerhalb derer etwaige Interessenten ihr Angebot vorlegen konnten. Eine Entscheidung wird in zehn Tagen erwartet.

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Bieterreigen für Air Berlin

Ein Ex-Rennfahrer, ein Buchautor und eine Reihe von Konkurrenten aus Europa und Übersee - sie eint ein Interesse: Sie wollen sich die Filet-Stücke aus der Konkursmasse von Deutschlands zweitgrößter Fluglinie, Air Berlin, sichern. Und sie sollten über ein Navigationssystem mit akkurater und aktueller Software verfügen. Denn das Objekt ihrer Begierde ist nicht leicht zu finden.

Der derzeit begehrteste Schatz im deutschen Luftverkehr liegt recht gut versteckt. Wer Berlins Innenstadt nach Nordwesten verlässt, passiert ein Gefängnis und Autowerkstätten, bis sich hinter Kleingärten ein achtgeschossiger Bau aus Backstein und Glas erhebt, dessen enges Marmor-Foyer schon sichtlich in die Jahre gekommen ist.

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Dort sitzt Air Berlin, die chronisch klamme, inzwischen insolvente Fluggesellschaft, und verwaltet doch ein ansehnliches Kapital: ihre Start- und Landerechte. Auf sie hat es die Konkurrenz abgesehen, für sie haben die Wettbewerber bis 14.00 Uhr an diesem Freitag ihr Angebot vorgelegt. Dann endete nämlich die Frist für verbindliche Kaufangebote für Unternehmensteile oder die gesamte Airline.

Die Zeit drängt

Sachwalter Lucas Flöther und sein Team müssen nun die vorliegenden Angebote für die Airline als Ganzes oder Teile davon sichten. Dem Gläubigerausschuss soll am 21. September eine Auswertung dazu vorliegen, endgültige Entscheidungen sollen am 25. September fallen - das ist der Tag nach der Bundestagswahl.

Derzeit kann Air Berlin nur dank eines staatlichen Kredits über 150 Millionen Euro weiterfliegen. Wegen sinkender Buchungen und abwandernder Kunden drängt die Zeit, rasch neue Eigentümer zu finden. Die Liste der Interessenten ist ebenso lang, wie die Motive für ihr jeweiliges Interesse unterschiedlich sind.

Lufthansa als erste am Start

Der deutsche Branchenprimus hat frühzeitig den Finger für große Teile von Air Berlin gehoben. Schon seit dem Frühjahr – und damit weit vor der Insolvenz - gibt es Gespräche mit den Berlinern. Die Lufthansa gilt auch als Favorit der Politik, was Konkurrenten wie die irische Ryanair heftig kritisieren. Insidern zufolge bietet Lufthansa für 70 bis 90 Maschinen einen niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag. Darin eingeschlossen sind bereits die 38 Flugzeuge, die Lufthansa von Air Berlin für seine Billig-Tochter Eurowings und die Austrian Airlines gemietet hat. Für attraktiv hält die Lufthansa vor allem Start- und Landerechte in Berlin, Düsseldorf und Mallorca.

Briten wollen Standort stärken

Der Billigflieger Easyjet reichte nach eigenen Angaben eine Offerte für Teile des Kurzstrecken-Angebots von Air Berlin ein. Dies stehe im Einklang mit der Strategie, sich in Deutschland auf bestimmte Städte zu konzentrieren, erklärten die Briten. Wegen einer Reihe von Unsicherheiten rund um die insolvente Airline sei es aber ungewiss, ob es zu einem Deal komme. Easyjet schließt 2018 seine Basis in Hamburg und will nach früheren Angaben seinen Standort in Berlin stärken.

Bietet auch BA mit?

British Airways äußert sich nicht offiziell zum Interesse an Air Berlin. Die British-Airways-Mutter IAG gehört aber nach Ansicht von Branchenexperten und Analysten zusammen mit der Lufthansa zu jenen Airlines in Europa, die am ehesten eine große Übernahme stemmen könnten.

Niki Lauda Fly Niki Airlines (Getty Images/AFP/M. Lima)

Der österreichische Ex-Formel-Eins-Pilot Niki Lauda vor einer Maschine seiner Fluggesellschaft Niki Air.

Das österreichische Angebot

Der Unternehmer Niki Lauda bietet nach eigenen Worten zusammen mit dem Reisekonzern Thomas Cook und dessen Tochter Condor für Teile von Air Berlin. Der Ex-Rennfahrer bestätigte nach Ablauf der Frist nur, dass man geboten habe. Details nannte er nicht. Zuletzt hatte er angekündigt, man werde "um die 100 Millionen" Euro bieten. Thomas Cook äußerte sich zunächst nicht.

Der ehemalige Formel-1-Weltmeister ist an der Übernahme der von ihm gegründeten - und selbst nicht insolventen - Air-Berlin-Tochter Niki interessiert und an weiteren Flugzeugen. Lauda will nach früheren Angaben an einem Konsortium mit Thomas Cook und Condor 51 Prozent der Anteile halten. Angepeilt sind touristische Ziele - vor allem auf der Kurz- und Mittelstrecke.

Berliner Außenseiter

Das Berliner Logistikunternehmen Zeitfracht bietet für die Frachtsparte Leisure Cargo, die Regionalflugtochter Walter (LGW) und die Air Berlin Technik. "Wir gehen fest davon aus, dass wir damit rund 1000 Arbeitsplätze der insolventen Air-Berlin-Gruppe sichern und unsere Zeitfracht-Gruppe zu einem gut etablierten Luftfracht-Carrier ausbauen können", erklärte Firmenchef Wolfram Simon. Den angebotenen Kaufpreis nannte er nicht. Die Offerte sehe nicht vor, weitere Flugzeuge oder Start- und Landerechte zu übernehmen.

Pressekonferenz des Mode-Unternehmens Hans Rudolf Wöhrl (picture-alliance/dpa/N. Armer)

Der fränkische Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl

Der Exot aus dem Fränkischen

Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl bietet bis zu eine halbe Milliarde Euro für Air Berlin. Seine Firma Intro will zusammen mit Investoren oder zusammen mit anderen Fluggesellschaften die insolvente Airline übernehmen. Eine erste Rate von 50 Millionen Euro wäre am Übernahmetag fällig, weitere Tranchen von bis zu 450 Millionen Euro macht Wöhrl aber vom Ergebnis abhängig. Kritiker halten sein Angebot deshalb für eine Mogelpackung. Der Unternehmer hat zudem nicht im Datenraum die aktuellen Zahlen von Air Berlin angeschaut, aber trotzdem bereits sein Angebot abgegeben.

Manager, Hochschuldozent, Publizist - bald auch Luftfahrtunternehmer?

Der ehemalige Energie-Topmanager Utz Claassen interessiert sich einem Medienbericht zufolge auch für Air Berlin. Offiziell will er sich dazu aber nicht äußern. Das "Handelsblatt" berichtete, Claassen habe ein 17-seitiges "Angebot zur Komplettübernahme und expansiven Sanierung der Air Berlin" vorgelegt. Demnach biete der Manager einen Kaufpreis von 100 Millionen Euro und wolle bis zu 600 Millionen Euro zusätzlich an Liquidität zur Verfügung stellen. Die Namen der beteiligten Investoren aus den USA, Großbritannien, Singapur und Deutschland benenne er darin nicht, so das Blatt weiter. Claassen verspreche die Übernahme der gesamten Belegschaft "unter der Voraussetzung angemessener wettbewerbsgerechter Vergütungsstrukturen".

Berlin Thomas Winkelmann (l), Vorstandschef von Air Berlin, und der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Frank Kebekus (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

Thomas Winkelmann (links), Vorstandschef von Air Berlin, und der Generalbevollmächtigte der insolventen Fluglinie, Frank Kebekus.

Keine Fristverlängerung für die Chinesen

Der chinesische Unternehmer Jonathan Pang von der Betreibergesellschaft des Flughafens Parchim in Mecklenburg-Vorpommern erwägt ein Angebot. Sein Anwalt Helmut Naujoks sagte, es gebe eine Fristverlängerung bis zum 21. September. Dem widersprach ein Air-Berlin-Sprecher: "Wir haben keine Fristverlängerung gewährt."

Pang würde bei einer erfolgreichen Übernahme eine Kooperation seiner Logistikfirma Link Global Logistics mit der Fluggesellschaft ausloten, hieß es zuletzt. Dazu könnten auch Air-Berlin-Flugzeuge nach Parchim verlegt werden. Pang hatte 2007 den ehemaligen Militärflughafen in Parchim gekauft, rund 160 Kilometer nordwestlich von Berlin. Das EU-Recht sieht allerdings vor, dass die Mehrheit des Eigentums und die Kontrolle der Airline von Europäern gehalten wird.

Suche nach der "bestmöglichen Lösung"

Es lägen "Angebote mehrerer Bieter" vor, erklärte Air Berlin am Freitagnachmittag. Um welche Bieter es sich handelt, teilte die Airline nicht mit. Der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus erklärte, die Angebote würden nun "sehr sorgfältig" geprüft, dann werde die Auswertung dem Gläubigerausschuss am 21. September präsentiert. Am 25. September tagt der Aufsichtsrat von Air Berlin, danach soll die Entscheidung bekanntgegeben werden.

Air Berlin / Bildschirm / Fluggesellschaft (picture-alliance/dpa)

Unter welcher Flagge geht es weiter? Oder: Wer begrüßt demnächst seine Passagiere unter diesem Logo?

Es werde nun nach "bestmöglichen Lösungen für das Unternehmen und die Mitarbeiter" gesucht, erklärte Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann. Es sollten "so viele Arbeitsplätze wie möglich" gerettet werden.

Die Gewerkschaften sind empört

Besonders die Gewerkschaften sorgen sich um das Schicksal der mehr als 8000 Beschäftigten von Air Berlin - auch bei einer Übernahme zu womöglich schlechteren Konditionen. Nachdem sich schon am Donnerstag abgezeichnet hatte, dass eine Entscheidung über den Zuschlag erst nach der Wahl bekanntgegeben werden soll, übte Verdi am Freitag scharfe Kritik: "Diese Vertagung geht vor allem zu Lasten der Beschäftigten, die endlich Entscheidungen über ihre Arbeitsplätze und über ihre Zukunft wollen", erklärte Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle. Die Nerven lägen bei den betroffenen Beschäftigten blank und sie seien in großer Sorge um ihre Arbeitsplätze.

dk/jj (dpa/rtr/afp)

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