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Europa/Zentralasien

Aigul Bazarova aus Kasachstan

Die 25-jährige Fernsehjournalistin sehnt sich nach einer kritischen und unabhängigen Berichterstattung in ihrem Land. Ein zehnwöchiges Training der DW Akademie in Bischkek hat sie darin bestärkt.

Aigul Bazarova aus Ust-Kamenogorsk arbeitet als Redakteurin beim Fernsehsender "Kasachstan" (KTRK). Von Juni bis August 2014 nahm die 25-Jährige an der Sommerakademie für zentralasiatische Journalisten der DW Akademie und der OSCE Akademy in Bischkek teil. In dem zehnwöchigen Training, das bereits zum fünften Mal stattfand, erhalten Journalistinnen und Journalisten aus der Region eine fundierte praktische Ausbildung in allen Mediengattungen.

Ihr Einstieg in den Journalismus war ein Sprung ins kalte Wasser…
Aigul Bazarova: Allerdings! Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Schritte in eine für mich damals unbekannte Welt. Obwohl ich keine Vorerfahrung hatte, gab mir der Direktor von KTRK eine Chance: 'Du hast weder theoretisches Wissen noch praktische Kenntnisse - aber Du möchtest etwas lernen. Dann mal los!' Mit diesen Worten schickte er mich in die Nachrichtenredaktion. Die Koordinatorin wies mir einen Stuhl zu, aber keinen Tisch. Toller erster Arbeitsplatz... . Neben meinem Stuhl hing eine Tafel, vor der immer wieder Leute standen, aufmerksam draufschauten und diskutierten. Und mich begutachteten.

Wie haben Sie schließlich Ihren Platz in der Redaktion gefunden?
Nachdem ich eine Weile lang die Leute vor der Tafel mit der Themenplanung beobachtet hatte, wurde mir langweilig und ich entschied, selbst etwas vorzuschlagen. Die ersten Themen wurden abgelehnt, was ja auch zu erwarten war, aber irgendwann hieß es schließlich: Komm, jetzt machen wir mal etwas zusammen! Ich war damals 19 Jahre alt und habe die wichtigste Entscheidung meines Lebens getroffen. Und habe es in den sechs Jahren danach nie bereut. Journalismus ist meine Berufung. Heute arbeite ich als Nachrichten-Redakteurin in einem sehr freundlichen Team. Außerdem habe ich einige eigene Sendungen. Im Moment startet gerade mein neues Projekt "Syrgalym", eine Fernsehsendung für junge Frauen.

Wie steht es um die Pressefreiheit in Kasachstan?

Aigul Bazarova und Lydia Rahnert, Projektmanagerin DW Akademie (Foto: DW Akademie).

Sommerakademie in Bischkek: Aigul Bazarova und Lydia Rahnert, Projektmanagerin DW Akademie

Eigentlich entwickeln sich die Medien in Kasachstan ganz gut - es gibt einige neue, digitale Formate. Also dürfte man sich eigentlich nicht beschweren. Doch leider sind unsere Medien überhaupt nicht unabhängig. Kritik gegenüber der Regierung und dem Parlament darf nur "auf Anordnung" geäußert werden, Kritik gegenüber dem Präsidenten findet gar nicht statt. Im Prinzip soll nur über Positives berichtet werden - damit werde auch ich als Fernsehredakteurin immer wieder konfrontiert. Aber solange die sozialen Probleme in Kasachstan anhalten, ist Kritik zwingend notwendig. Leider fehlt den "Regierenden" hier die professionelle Distanz - sie nehmen das immer sehr persönlich.

Ist wenigstens eine kritische Wirtschaftsberichterstattung möglich?
Die Geschäftsbeziehungen in Kasachstan funktionieren nach dem Prinzip "Ich dir - du mir", wobei auch Familienbeziehungen eine große Rolle spielen. Wenn zum Beispiel ein "wichtiger" Bauunternehmer mithilfe von Steuergeldern Projekte im sozialen Wohnungsbau plant, allerdings die Bauzeit nicht einhält, Gehälter nicht rechtzeitig zahlt oder gar ganz verschwindet, so wird darüber nicht berichtet. "Freedom House" hat Kasachstan 2014 als "nicht frei" eingestuft. Von 197 Ländern belegt unser Land auf dem sogenannten "Freedom House"-Index den 187. Platz - damit sind wir innerhalb eines Jahres sogar um fünf Plätze abgerutscht. Die unabhängigen, oppositionellen Zeitungen wie "Prawda Kasachstana", "Prawdiwaja gazeta" und "Aschyk alan" müssen immer wieder ihre Arbeit einstellen. In 2013 wurden nach Angaben von "Adil soz", einer internationalen Stiftung zum Schutz der Pressefreiheit, zehn Journalisten in Kasachstan überfallen, 21 Redakteure wurden zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen, 14 Webseiten wurden verboten. In solchen Momenten möchte ich manchmal alles hinwerfen und mich in einer Ecke verstecken, um das ganze "Gute" nicht sehen und hören zu müssen.

Welche Rolle spielen dabei die kasachischen Journalisten?

Aigul Bazarova Journalistin in Kasachstan

"Ich möchte mich aus dem Schatten befreien" - Fernsehjournalistin Aigul Bazarova

In Kasachstan werden die Medien als "vierte Gewalt" bezeichnet, als "Brücke" zwischen den Machthabenden und den Bürgern. Die Politiker sind bei uns sehr schlau - den einheimischen Medien werden durch "Staatsaufträge" quasi die Hände gefesselt. Ohne diese "Staatsaufträge", wo es um mehrere Millionen Dollar geht, kann keine Redaktion, kein Fernsehsender angemessene Gehälter zahlen oder eine technische Ausstattung gewährleisten. Willst du gut leben, so machst du ruhig die Arbeit, die Dir vorgelegt wird. Dabei verlieren die Medien aber ihre Glaubwürdigkeit und die damit verbundene Hoffnung der Bevölkerung. Besonders beschämend ist es in der Regionalberichterstattung. Die Journalisten dort benehmen sich wie treue Hündchen, die ihrem Herrchen hinterher hecheln. Nicht, weil sie überzeugt davon sind sondern weil es eben so üblich ist. Ab und zu kommt ein "ukas", eine Anordnung, in der drinsteht, worüber gesprochen und geschrieben werden darf und worüber nicht. Findet zum Beispiel ein Treffen eines Bürgermeisters oder Abgeordneten mit den Bürgern statt, so werden negative Äußerungen der Bevölkerung rausgeschnitten und stattdessen die Dankesreden von vorher geschulten Personen ausgestrahlt.

Was ist die größte Herausforderung für Sie als Journalistin?
Ich möchte eine Journalistin sein, die für die Belange und Interessen der Bevölkerung einsteht. Deshalb sehe ich als Vertreterin eines Landes mit "nicht freien" Medien die größte Herausforderung darin, mich aus dem Schatten zu befreien und dabei die Menschlichkeit nicht zu verlieren.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Medienlandschaft ändern?
Wir müssen frei atmen können. Ich habe Mitleid mit den Leuten, vor allem mit der Landbevölkerung, wo Ungerechtigkeit und Arbeitslosigkeit besonders hoch sind. Wir müssen endlich unabhängig werden.

Was konnten Sie von der Sommerakademie für zentralasiatische Journalisten mitnehmen?

Sommerakademie

Gestärkt in den journalistischen Alltag: Teilnehmer der Sommerakademie für zentralasiatische Journalisten

Ich bin sehr dankbar, dass ich daran teilnehmen konnte. Ich habe während der zehn Wochen einiges gelernt und mir dadurch neue Ziele und Pläne stecken können. Ich weiß jetzt genau, in welche Richtung ich mich als Journalistin weiter entwickeln möchte. Wir hatten sehr erfahrene Trainer. Sie haben unseren Wunsch, als Journalisten zu arbeiten, gestärkt. Und sie haben uns beigebracht, in Teams zu arbeiten. Dank der Akademie kann ich jetzt in vielen Mediengattungen arbeiten: Ich habe gelernt, was einen guten Artikel ausmacht, wie man Themen findet und umsetzt, wie man Hörfunkbeiträge lebendig vertont, indem man den Text "spürt". Und ich habe gelernt selbst einen Beitrag zu drehen, einen Protogonisten zu finden, ihn ins Bild zu setzen und anschließend selbst zu schneiden. In meinem Sender wird erst der Text geschrieben und dann geschnitten. Hier habe ich es genau anders herum kennen gelernt, was spannend und durchaus erfolgreich war. Ganz neue Möglichkeiten eröffnete mir die Abschluss-Woche der Sommerakademie: Mit Hilfe der Trainer habe ich einen Blog für junge Frauen gestaltet. Ich will Frauen auf dem Land zeigen, wie sie sich entwickeln können und ihnen Möglichkeiten aufzeigen, aus der ländlichen Armut zu entfliehen.

Was haben Sie von den anderen Teilnehmern gelernt?
Geduld. Respekt. Hingabe. Und die Welt in all ihrer Schönheit zu sehen. Jeder Teilnehmer der Sommerakademie hatte einen eigenen Charakter, ein anderes Denken und Fühlen. Ich bin ihnen sehr dankbar. Vielen Dank, meine Freunde! Dafür, dass ihr ehrlich zu mir wart und mich unterstützt habt. Ich werde diese Wochen nie vergessen. Ich habe viel Neues und viele Menschen kennen gelernt, aber auch viel über mich selbst erfahren.

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