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Politik

Aids: Risiko? Welches Risiko?

Zwischen Thailand und Finnland gibt es ein verbales Hin und Her dank einer unbedachten Aussage. Eigentlich eine interkulturelle Komödie, wenn es nur nicht um Aids ginge. Und um Tausende von Unschuldigen.

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Gewaltige Paare, sie in zu knappen Shorts, er im Mucki-Shirt. Einmal rasch die Vorurteile walten lassen, und sofort kommt man auf nur eine Nation: die Amerikaner. Deutsche dagegen, das sind die mit Schnäuzer und der "Bild"-Zeitung unter einem Arm, ein zu junges Mädel im anderen. Dümmliche Japaner machen den Gänsemarsch durch die Stadt, bewaffnet mit Mini-Elektronikgeräten. Und die Schwarzen erst! Das sind eh' alles Nigerianer und Drogenschmuggler.

Auch in Thailand – oder: gerade hier – plagen Vorurteile das Volk. Wissen zusammengeschweisst aus TV-Serien und elterlichen Warnungen vor den fremden Horden, die das Land seit Jahrzehnten belagern: das kann nicht gutgehen.

Die schwarzen Schafe Finnlands

Für viele Völklein hat so mancher Thai rasch ein abstruses Bild parat. Aber Finnen waren bisher nicht dabei. Das dürfte sich rasch ändern, dank einer unbedachten Aussage einer Beamtin in Helsinki. Die gute Frau ist der Meinung, einen Übeltäter ausfindig machen zu müssen für den Anstieg der HIV-Fälle im eigenen Land. Thailand sein es. Und das wurde auch noch vom finnländischen Gesundheitsministerium prompt veröffentlicht. Kurz vor Beginn der Hochsaison in Thailand.

Das thailändische Gesundheitsministerium ist erbost. Diese Meinung sei geradezu "dumm", so der Kommentar. Schließlich sei jedes Land für seine eigenen Bürger verantwortlich. Man könne von Thailand nicht erwarten, dass es jeden Touristen überwacht. Wer auf riskante Urlaubsbekanntschaften (traditionellerweise in Pattaya und in den Bars von Patpong erhältlich) nicht verzichten könne, der ist sich jedes Risikos bewusst.

Aber eigentlich könne man sich in Thailand gar nicht mehr infizieren. Seit über zehn Jahren laufen hier Kampagnen gegen Aids, die vor allem auf den käuflichen Sex-Sektor zielen. Das Ziel: ein Kondom pro Akt. 100-prozentige Sicherheit.

Terminwarengeschäft Dunkelziffer

Das aber ist bloßes Öffentlichkeitsgetue. Ende 2004 – während einer globalen Aids-Konferenz in Bangkok – gelang es einem kanadischen Journalisten, ungeschützten Sex mit einer Prostituierten auszuhandeln – innerhalb von weniger als einer Minute und mit einem Preisaufschlag von zehn Euro. 800.000 Thais sind offiziell HIV-infiziert. Die Dunkelziffer wird gehandelt wie an der Börse. Unter jungen Schwulen in Bangkok soll bereits jeder Fünfte infiziert sein. Und dann natürlich das schreckliche Mal der Unschuld: Von den 17.000 Neu-Infizierungen 2005 ist jede Dritte eine Frau, dank eines treulosen Ehemanns. Das alte Szenarium – es hat leider nichts vom Horror verloren.

Ob es da auf die paar hundert Finnen ankommt, die das schnelle Glück suchen – und auf die Handvoll, die mit einem unvergesslichen Souvenir abreisen? Oder auf transkontinentale Wortspielchen? Auf Fingerzeige von Beamten?