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Kultur

Ai Weiwei: Popstar und Publikumsmagnet

Die weltweit größte Einzel-Ausstellung von Ai Weiwei in Berlin hat Besuchermassen angezogen. Hierzulande gilt er als der "wichtigste chinesische Künstler". Nicht alle können diesen Medien-Hype nachvollziehen.

Andreas Schmid kommt gerade von einem Vortrag aus China zurück nach Berlin. Der Kurator und Künstler kennt die Arbeit und den chinesischen Künstler Ai Weiwei seit langem. "Viele Chinesen können den Hype in Europa um Ai Weiwei überhaupt nicht verstehen", sagt er. In dessen Heimat sei das Image ein völlig anderes als hierzulande. Gerade bei den jüngeren Künstlern gäbe es kaum Verständnis dafür, dass Ai Weiweis politische Konzeptkunst im Westen so bewundert wird, für sie sei er nur "der Größte in Sachen Selbstvermarktung".

Ai Weiwei selbst hatte bis zuletzt gehofft, seine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau auch persönlich sehen zu können. "Kunstwerke herzustellen ist das eine. Aber die Interaktion mit dem Publikum ist genauso Teil meiner Kunst. Dass das nicht möglich ist, ist ein seltsames Gefühl", sagt er bedauernd in einem Interview. Aber die chinesischen Behörden blieben hart: Seinen Pass hat der in Peking lebende Künstler, der zu den bekanntesten chinesischen Gegenwartskünstlern gehört und darüberhinaus als Menschenrechtsaktivist bekannt ist, bis heute nicht zurückbekommen - trotz Solidaritätsaktion deutscher Prominenter, die kurz vor der Eröffnung für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Die Magie des guten Handwerks

Für den Direktor des "Martin-Gropius-Bau", Gereon Sievernich, war die Ausstellung ein Herzensprojekt. Insofern ist er doppelt zufrieden: Wegen des großen Publikumsandrangs mußte sie bis zum 13. Juli verlängert werden. Und die Schlangen vor dem Eingang waren beeindruckend lang. Mehr als 200.000 Besucher aller Altersgruppen besuchten in den drei Monaten die international beachtete Ausstellung. Das überträfe sogar Blockbuster des Hauses, wie die Ausstellungen der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo oder des indisch-britischen Bildhauers Anish Kapoor. Unter den Besuchern seien auch sehr viele chinesische Besucher gewesen. "In China darf Ai Weiwei kein Werk ausstellen. Jeder Museumsdirektor, der etwas kaufen würde von ihm, würde seinen Job verlieren", erklärt Sievernich.

Die spektakulären Arbeiten des chinesischen Konzeptkünstlers fügten sich auch überraschend gut in die Räumlichkeiten des ehemaligen Kunstgewerbemuseums. Obwohl Ai Weiwei das Gebäude auch in seiner Berliner Zeit nie betreten hat, erzählt Susanne Rockweiler, die vom Museum aus engen Mailkontakt mit dem Künstler gehalten hat. Die maßgeschneiderte Konzeption der Gesamtschau zeige auch seine Qualität als Architekt und Künstler, ergänzt sie. Nur so hätten die Kunstwerke ihre eigene Magie entfalten können.

Zentraler Anziehungspunkt war ohne Zweifel die raumfüllende Skulptur im Innenhof: alte chinesische Holzhocker aus der Ming-Dynastie, die in China nicht mehr gebraucht werden. Fotos dieser spektakulären Arbeit verbreiteten sich tausendfach über die sozialen Netzwerke und damit rund um die Welt. Selbst Besucher, die Kunst von Ai Weiwei schon kannten, sind deshalb eigens nach Berlin gereist. Auch in den Medien fand die Ausstellung ein beachtliches Echo. Sogar eine Zeitschrift wie das deutsche Lifestyle-und Promi-Magazin "Gala" veröffentlichte einen Bericht über die Kunstschau des chinesischen Superstars.

Der Künstler als Popstar

Für die Berliner Ausstellung hatte der prominente chinesische Künstler das in deutschen Museen übliche Fotografier-Verbot ausdrücklich aufgehoben. Jeder Besucher durfte fotografieren. Das ist Teil des Konzepts von Ai Weiwei: Für den in seinem Heimatland China festgesetzten Künstler ist der Austausch über soziale Medien wie Facebook lebenswichtig. "Dass ich inzwischen ein weltweites Phänomen bin, habe ich natürlich dem Internet zu verdanken," sagt Ai Weiwei der Zeitschrift Gala. "So viele Leute, wie der Maler Van Gogh in seinem ganzen Leben traf, spreche ich an einem einzigen Tag an. Meine Stimme als Künstler findet Gehör – das wäre früher nicht möglich gewesen."

Während der Berliner Ausstellung polarisierte diese Form der medialen Inszenierung stark: Die Mehrzahl der Besucher war begeistert, vor allem von den großformatigen Raum-Installationen und den politischen Arbeiten, die Kunstszene blieb aber gespalten. Ai Weiwei in diesem Ausmaß als Popstar zu vermarkten, sieht China-Kenner und Kurator Andreas Schmid als Künstler eher zweifelhaft: "Die deutschen Medien stürzen sich auf einen einzigen chinesischen Künstler und lassen die anderen außen vor. Durch die Fokussierung auf ihn wird der Blick auf die aktuelle chinesische Kunst verstellt ."

Botschaften zwischen den Zeilen

Museumsdirektor Sievernich, der Ai Weiwei zur Vorbereitung der Ausstellung mehrfach in seinem Atelier in Peking besucht hat, kann diese Ansicht nicht teilen: "Ich halte Ai Weiwei für den bedeutendsten chinesischen Künstler. Und ich halte ihn auch für den chinesischsten aller chinesischen Künstler. Seine Themen sind immer auf seine Heimat bezogen." Nicht nur in Deutschland, auch in anderen europäischen Ländern, repräsentiere Ai Weiwei die aktuelle chinesische Kunstpraxis. Dabei ist sein künstlerischer Ansatz stark von seiner persönlichen Biographie geprägt: seiner Verhaftung 2011, der Zerstörung seines Ateliers, der radikalen Überwachung durch chinesische Sicherheitsbehörden rund um die Uhr, dem Entzug seines Reisepasses. All das findet sich auch in den Kunstwerken der Berliner Ausstellung wieder - und lässt sich nicht in allen Fällen verallgemeinern für die Situation chinesischer Künstler.

Die große Zahl der Besucher, die via Smartphone und Twitter dafür gesorgt haben, dass die Berliner Retrospektive zur weltweit rezipierten Kunstschau wurde, ist auch für die finanzielle Bilanz der Ausstellung wichtig. Die sonst so großzügigen Industriekonzerne, die zur Verbesserung ihrer Unternehmenskultur gern große Kunstausstellungen sponsern, haben sich diesmal vornehm zurückgehalten – mit Rücksicht auf ihr Chinageschäft. Der gerade zu Ende gegangene Staatsbesuch von Bundeskanzlerin Merkel in China hat gezeigt, dass sich dieses Kalkül ausgezahlt hat.

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