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Amerika

Agrobusiness auf Kosten der Menschenrechte

Kolumbien will in den nächsten Jahren zum führenden Palmölexporteur aufsteigen. Doch die agroindustriellen Ambitionen gehen einher mit massiven Menschenrechtsverletzungen und verursachen nachhaltige Umweltschäden.

Palmölplantagen in Kolumbien, Foto: Jochen Schüller

Palmölplantagen verdrängen Kleinbauern und bedrohen die Artenvielfalt

Präsident Álvaro Uribe hat eine Vision: Sechs Millionen Hektar Land will er in Kolumbien mit Ölpalmen bepflanzen. Über diese Aussichten freut sich vor allem der Verband der Palmölproduzenten, Fedepalma. 2006 hatte der Unternehmerverband den Wahlkampf Uribes mit großzügigen Summen unterstützt – eine Investition, die sich gelohnt hat, wie sich jetzt zeigt.

Schon jetzt sind in Kolumbien rund 360.000 Hektar Land mit Palmenplantagen bepflanzt. Zu den klimatisch günstigsten Regionen für die Ölpalmenmonokulturen zählt unter anderem der Chocó im Nordwesten Kolumbiens, an der Grenze zu Panama. Doch bevor die Palmen hier aus dem Boden schossen, lebten zehntausende Kleinbauern in der Region. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie mit dem Anbau von Nahrungsmitteln, hauptsächlich für den Eigenbedarf. Die Überschüsse wurden auf den lokalen Märkten verkauft.

Im Chocó leben überwiegend Afrokolumbianer. Die Enkel und Urenkel der einstigen Sklaven sind die Verlierer in dem ungleichen Konkurrenzkampf zwischen Kleinbauern und dem Agrobusiness um Land. "Das fing Ende der 1990er Jahre an", so der Kolumbienexperte Jochen Schüller von der Hilfsorganisation Brot für die Welt. "Bei einer Militäroperation 1997 sind rund 20.000 Menschen vertrieben worden. Im Chocó sind mittlerweile 30.000 Hektar Urwald zerstört und Palmölplantagen angelegt worden."

Landgrabbing, der neue Kolonialismus?

Kleinbauern in der Region Chocó , Foto: Jochen Schüller

Viele Kleinbauern in der Region Chocó haben ihr Land verloren

Zwischen 15 und 20 Millionen Hektar wurden seit 2005 laut UN-Schätzungen von Dritt-Welt-Ländern an andere Staaten oder private Investoren verkauft oder verpachtet. Das entspricht einem Fünftel der europäischen Ackerflächen. Dabei geht es den Investoren um die langfristige Sicherung von Nahrungsmittelproduktion und in zunehmendem Maße auch um nachwachsende Rohstoffen zur Energieerzeugung. Doch die agrar-industrielle Nutzung der Flächen geht häufig zu Lasten von Kleinbauern, die ihre Existenzgrundlage verlieren.

"Dort, wo Ölpalmen angebaut werden, können keine Nahrungsmittel angebaut werden", bringt Christiane Schwarz von der Menschenrechtsorganisation Kolko e.V. die Situation auf den Punkt. Die großflächigen Monokulturen bedrohen die biologische Vielfalt in der Region Chocó im Nordwesten Kolumbiens. Palmen benötigen trockenen Boden, die Entwässerungskanäle in den Plantagen trocknen den sumpfigen Boden aus und lassen den Grundwasserspiegel sinken. Dadurch wird auch die Landwirtschaft auf umliegenden Flächen gefährdet.

Und wer nicht von selbst das Land verlässt, dem wird häufig mit Waffengewalt klar gemacht, wer das Sagen in der Region hat: Zehntausenden Kleinbauern wurden gewaltsam von ihrem Land vertrieben und haben ihre Existenzgrundlage verloren. Viele Bauern sind in nahegelegene Ortschaften oder auch in die Elendsviertel der größeren Städte gezogen, wo sie das Heer der Arbeitslosen und Armen verstärken. Nur vereinzelt habe es Widerstand gegen den Landraub gegeben, so Christiane Schwarz von Kolko e.V. "Einige Gemeinden haben sich während der Vertreibung zusammengeschlossen und versucht, auf ihr Land zurückzukehren. Das ist seit 2000 der Fall, in mehreren Schritten. Einige der Rückkehrergemeinden werden von der kolumbianischen christlichen Organisation Justicia y Paz begleitet." In der Region engagieren sich auch Mitglieder der Internationalen Friedensbrigaden, die Bewohner der Friedensdörfer durch ihre Anwesenheit schützen. "Sie leisten auch Hilfe, zum Beispiel in juristischen Fragen, sowohl in Kolumbien als auch vor dem interamerikanischen System", so Schwarz.

Frucht der Ölpalme, Foto: Jochen Schüller

Die Frucht der Ölpalme liefert den begehrten Rohstoff für die chemische und Nahrungsmittelindustrie

Vor dem Hintergrund des wachsenden Energiebedarfs bei gleichzeitig endlichen fossilen Rohstoffvorräten wird die weltweite Nachfrage nach Palmöl weiter zunehmen. Allein Deutschland führt jährlich 950.000 Tonnen Palmöl für Lebensmittel, Kosmetik und zur Energiegewinnung ein und ist damit der fünftgrößte Importeur weltweit. Ein Viertel aller kolumbianischen Exporte geht nach Deutschland. Das Ziel der EU, bis 2020 einen Anteil von 10 Prozent Agrokraftstoffen am Gesamtkraftstoffverbrauch zu erreichen, hat den Palmöl-Boom weiter beschleunigt. Für Michael Windfuhr von Brot für die Welt ist das eine einseitige Politik. Er und andere Hilfsorganisationen fordern von der EU, die Beimischungsverordnung für Biosprit nicht weiter auszudehnen. "Wir tragen durch solche Prozesse zu weiteren Landvertreibungen bei", so Windfuhr. "Dann haben wir zwar ein ökologisches Gewissen, wenn wir Biosprit als ökologisch sinnvolle Alternative verwenden. Aber in Wirklichkeit schaffen wir dadurch gravierende soziale und ökologische Probleme."

Straffreiheit für Paramilitärs

In Kolumbien gibt es etwa vier Millionen Binnenvertriebene, die Schätzungen zufolge zwischen bis zu sechs Millionen Hektar Land verloren haben. Ein Großteil dieser Fläche soll sich in der Hand von Paramilitärs und ihrer Strohmänner befinden. In dem vor drei Jahren eingeleiteten Demobilisierungsprozess für die Angehörigen rechtsgerichteter Todesschwadronen ist nicht vorgesehen, dass dieses Land den rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben wird.

Nur in wenigen Fällen werden die Menschenrechtsverbrechen, Vertreibungen, Enteignungen und der illegale Anbau von Ölpalmen gerichtlich verfolgt. "Die Palmölproduzenten haben Paramilitärs angeheuert und angestiftet, die Menschen zu vertreiben", sagt Jochen Schüller von Brot für die Welt. Die Generalstaatsanwaltschaft hat jetzt gegen 23 Unternehmer Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ihnen werden Vertreibung, Menschenrechtsverletzungen und Anstiftung zu Mord und Totschlag vorgeworfen.

Zertifizierte Palmölproduktion

Um der Kritik an den Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen zu begegnen haben Palmölproduzenten, Umweltorganisationen und Palmölindustrie einen Runden Tisch für Nachhaltiges Palmöl (RSPO) gegründet. Der RSPO hat Umwelt- und Sozialstandards erarbeitet, die für nachhaltiges Palmöl mindestens erreicht werden müssen. Dazu zählt unter anderem, dass kein Urwald für die Anpflanzung von Ölpalmen gerodet wird.

Doch Michael Windfuhr von Brot für die Welt glaubt nicht an die Durchsetzbarkeit dieser Kriterien in Kolumbien. "Wenn Kolumbien ein Rechtsstaat wäre, dann würde es gar nicht dazu kommen, dass man den Menschen das Land wegnimmt und dort illegale Plantagen anlegt. Aber de facto stellen wir fest, dass in vielen ländlichen Regionen diejenigen, die die Waffenmacht haben, sich durchsetzen. Es herrscht eine weitverbreitete Straflosigkeit. Die Zahl der Vertreibungen, der Bedrohungen und Tötungen, das alles trägt in Kolumbien in hohem Maße zur Kriminalisierung des ländlichen Raums bei."

Präsident Uribe will die geplante Ausweitung der Anbaufläche für Ölpalmen auf rund sechs Millionen Hektar mit großzügigen Staatskrediten und Steuervergünstigungen fördern. Durch diese Pläne sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen über 100 Reservate indigener Völker in ihrer Existenz bedroht.

Autorin: Mirjam Gehrke
Redaktion: Ina Rottscheidt

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