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Globale Zusammenarbeit

Agrarmärkte und Welternährung: Die Rolle der Wirtschaft

Steigende Nahrungspreise, wachsende Weltbevölkerung, mehr Hunger in der Welt. Ohne entschiedenes Gegengesteuern wird sich das Problem noch verschärfen, lautet die Prognose des Agrarwissenschaftlers Harald von Witzke.

A shopkeeper arranges rice bags in Jammu, India, Thursday, April 24, 2008. India's federal government is planning to take several steps, including banning the exports of some commodities, to control the rising prices of food, cement and steel, the finance minister said Tuesday. India's key inflation rate surged to a 3-year high of 7.41 percent last month, before dropping to 7.14 percent for the week that ended April 5, according to government data.(AP Photo/Channi Anand)

Professor Harald von Witzke, Agrarökonom an der Humboldt-Universität zu Berlin. Copyright: Harald von Witzke. Zugeliefert von Andrey Gurkov.

DW-Gastautor Harald von Witzke unterrichtet an der Berliner Humboldt Universität

Die internationalen Rahmenbedingungen der Landwirtschaft haben sich dramatisch verändert. Der mehr als einhundert Jahre währende Trend sinkender Agrarpreise ist zu Ende gegangen. Die Jahrtausendwende markiert auch eine Megatrendwende auf den Agrarmärkten, denn seit dieser Zeit sind die Agrarpreise tendenziell gestiegen – wie in der Vergangenheit indes mit starken Schwankungen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Die Agrarpreise werden in der Zukunft deutlich höher sein als in der Vergangenheit, weil die weltweite Nachfrage nach Agrarprodukten stärker steigt als das Angebot.

In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wird sich die weltweite Nachfrage nach Agrarprodukten mehr als verdoppeln. Zum einen führen die wachsenden Einkommen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu höherem Verbrauch pro Kopf. Zum anderen wächst die Weltbevölkerung schneller als bisher gedacht. Die jüngsten Projektionen der Vereinten Nationen lassen ein Szenario mit 10 Mrd. Menschen in 2050 erwarten.

Flächen werden knapp

Newly born babies lie at a government hospital in Hyderabad, India, Monday, Oct. 31, 2011. According to the U.N. Population Fund, there will be a symbolic seven billionth baby sharing Earth's land and resources on Oct. 31. Already the second most populous country with 1.2 billion people, India is expected to overtake China around 2030 when its population soars to an estimated 1.6 billion. (Foto:Mahesh Kumar A./AP/dapd)

Bis 2050 vielleicht 10 Milliarden Menschen?

Der rasch wachsende Bedarf der Welt an Nahrung lässt sich befriedigen durch Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen oder durch Steigerung der Produktivität auf den vorhandenen Flächen. Die erstgenannte Option steht aber nur sehr eingeschränkt zur Verfügung, weil die Flächen, die weltweit für die Agrarproduktion verfügbar werden können, begrenzt sind. Die produktivsten Flächen befinden sich bereits in der landwirtschaftlichen Nutzung. In vielen Teilen der Welt gibt es keine nennenswerten Bodenreserven mehr, die noch mobilisierbar wären; oder, wo es solche Flächen noch gibt – wie etwa die tropischen Regenwälder – sollten diese nicht in die landwirtschaftliche Nutzung überführt werden. Darüber hinaus wird Wasser zunehmend knapper und damit teurer, was das Produktivitätswachstum weiter verlangsamt. Hinzu kommt der Klimawandel, der unter sonst gleichen Bedingungen die Agrarproduktion auf der Welt per Saldo verringern wird. Zu einem der bedeutendsten Bestimmungsfaktoren der Agrarpreise ist indes der Preis von Energie geworden. Zum einen ist die Landwirtschaft ein ziemlich energieintensiver Wirtschaftsbereich. Aber auch der indirekte Einsatz von Energie ist hoch wie etwa bei der Herstellung von Stickstoffdüngern. Steigende Energiepreise führen zu steigenden Kosten und die wiederum verringern das Angebot. Höhere Energiepreise erhöhen auch die Anreize zu einer Ausdehnung der Produktion von Nutzpflanzen für die Herstellung von Bioenergie.

Verdoppelung der Nahrungspreise

Wenn nicht entscheidend gegengesteuert wird, werden nach unseren Analysen die Preise wichtiger Agrargüter bereits gegen Ende dieses Jahrzehnts um 50 bis 100 % über denjenigen liegen, die Anfang des letzten Jahrzehnts geherrscht haben. Dies sind Preiserhöhungen, die den Konsumenten in den reichen Ländern nicht schmecken mögen. Sie hätten allerdings dramatische Auswirkungen auf die unterernährten Menschen der Welt, von denen es bereits heute eine Milliarde gibt. Dies sind Menschen, die über eine Kaufkraft von $ 1,25 oder weniger verfügen und die 75 % oder mehr ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen.

Malgasy farmer Dimasy standing on cutivated land in eastern Madagascar, that used to be rainforest when he was a child.

Neue Flächen für den Nahrungsanbau werden knapp

Zur Lösung des immer drängender werdenden Problems der Unterernährung und des Hungers in der Welt kann die Wirtschaft wichtige Beiträge leisten. Zum einen könnte sie moderne landwirtschaftliche Technologien, wie etwa züchterisch bearbeitetes ertragreiches Saatgut, Mineraldünger oder Pflanzenschutz in all jenen Ländern verfügbar machen, in denen die Landwirte noch keinen ausreichenden Zugang zu diesen Technologien haben. Es verwundert nämlich, dass der Anteil der Mangelernährten ist in denjenigen Teilen der Welt am höchsten ist, in denen die Produzenten den geringsten Zugang zu diesen Technologien haben.

Fehlende Grundlagenforschung

Eine Aufgabe der Wirtschaft ist es, angewandte Forschung zu betreiben, die zu Produktivitätssteigerungen auch in den armen Ländern führt. Dieser Aufgabe kann die Wirtschaft derzeit nicht recht nachkommen. Denn erfolgreiche angewandte Forschung in den Unternehmen erfordert, dass in den Universitäten und anderen öffentlichen Forschungseinrichtungen in hinreichendem Umfang Grundlagenforschung betrieben wird. Das ist aber nicht der Fall, weil die öffentliche Agrarforschung seit Beginn der Überschussproduktion in der EU, den USA und anderswo vernachlässigt worden ist. Außerdem wird die private Agrarforschung seitens der Politik entmutigt, etwa durch unzureichenden Schutz intellektueller Eigentumsrechte in der Pflanzenzüchtung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedenfalls immer wieder, dass die Agrarforschung aus der Sicht der Gesellschaft außerordentlich ertragreich ist.

Volatile Märkte

Neben der Tendenz zu steigenden Agrarpreisen sind auch der Preisausschlag von 2007-08 und der derzeit noch anhaltende Preisausschlag Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Agrarmärkte sind in der Tat für ihre Volatilität bekannt. Hierfür gibt es einige Gründe. Zum einen hängt das Angebot auch von Variablen ab, die schwer vorherzusagen oder zu kontrollieren sind wie zum Beispiel das Wetter oder Pflanzen- und Tierkrankheiten. Mit der zunehmenden Integration der Landwirtschaft in die internationalen Märkte haben diese Einflussfaktoren allerdings an Bedeutung verloren: Schlechte Produktionsbedingungen in einer Region werden häufig durch gute in anderen Regionen ausgeglichen. Zum zweiten sind kurzfristig sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageelastizität gering, so dass kleine Schwankungen von Angebot oder Nachfrage starke Preisänderungen zur Folge haben können. Dies gilt jedenfalls dann, wenn die Mengenänderungen nicht durch Lagerhaltung ausgeglichen werden können.

Preistreiber Spekulation?

Kaum hat die EU der gerechtfertigten Kritik an den Regulierungen der Märkte in der Gemeinsamen Agrarpolitik durch Reformen Rechnung getragen, werden indes schon wieder Stimmen laut, die die Agrarmärkte wieder stärker regulieren wollen, um deren Preisschwankungen einzuschränken. Als Grund hierfür wird angeführt, dass Spekulanten die Preisschwankungen verursacht haben. Dieser Forderung ist aber entgegen zu halten, dass, zum einen, wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, dass die Volatilität monatlicher Preise in den letzten 40 Jahren nicht zugenommen hat und zum anderen, dass Spekulanten keine Preise machen können. Spekulanten wollen Geld verdienen und das können sie nur, wenn sie die künftige Preisentwicklung richtig vorhersehen. Wenn das nicht der Fall ist, verlieren sie Geld und sind schnell vom Markt verschwunden. Außerdem werden an den Terminmärkten Erwartungen über das zukünftige Marktgeschehen gehandelt und keine Waren. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Terminmärkte eine wichtige Rolle für das Risikomanagement seitens der Landwirte und anderer Unternehmen entlang der ernährungswirtschaftlichen Wertschöpfungskette spielen. Dies funktioniert aber nur, wenn es Spekulanten gibt, die bereit sind, das Preisrisiko zu übernehmen.

Pressefotos Welternährungstag Zum Thema: Hunger, Ernährung Bild: Achim Pohl / MISEREOR

Wenn die Preise steigen. können die Armen den Reis nicht mehr bezahlen

Schließlich gibt es auch keine empirische Evidenz, die für die Möglichkeiten einer spekulativen Blase auf den Agrarmärkten spricht. selbst die Preissteigerungen bei Weizen 2007-08 um nicht weniger als 78% lassen sich durch die Veränderung von angebots- und nachfragebestimmenden Faktoren punktgenau erklären. Eine größere Differenz zwischen beobachtetem und erklärtem Preisanstieg, die man dann vielleicht als Hinweis auf einen Einfluss von Spekulation hätte interpretieren können, ergibt sich jedenfalls bei Betrachtung monatlicher Preisdaten nicht.

Preistreiber Energie

Als bei weitem wichtigste Bestimmungsfaktoren des Preisausschlags von 2007-08 ergaben sich der Ölpreis und die Frachtraten, wobei die Frachtraten auch – aber nicht allein – vom Preis für Energie bestimmt werden. Als weitere Variable von einiger Bedeutung stellten sich der Wechselkurs des US$ gegenüber den Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds sowie die von einigen Ländern in dieser Zeit eingesetzten Exportbeschränkungen heraus. Die im Untersuchungszeitraum weltweit hohe Weizenproduktion trug dagegen zu einer Abschwächung des Preisausschlags bei. Die im Untersuchungszeitraum gestiegene Produktion von Nutzpflanzen für die Bioenergieproduktion hatte dabei - entgegen der häufig zu hörenden Meinung - einen nur vernachlässigbar geringen Einfluss auf den Preis in dieser Zeit gehabt.

Brokkoli-Patent steht auf dem Prüfstand Ein Schild mit der Aufschrift Patent liegt am Dienstag (20.07.2010) auf mehreren Brokkoli vor dem Europäischen Patentamt in München (Oberbayern). Die britische Firma Plant Bioscience hatte sich das Verfahren zur Herstellung einer speziellen Brokkoli- Variante 2002 schützen lassen. Am Dienstag (20.07.2010) und Mittwoch (21.07.2010) verhandelt die Große Beschwerdekammer des Europäischen Patentamtes (EPA) in München über das Brokkoli-Patent. Foto: Marc Müller dpa/lby

Wissenschaftliche Forschung ehöht die Erträge

Aufgrund der oben diskutierten theoretischen Überlegungen war zu erwarten gewesen, dass Spekulation keinen bedeutenden Einfluss auf die Agrarpreisentwicklung hatte. Auch die empirische Evidenz spricht nun dagegen. Ferner zeigt unsere Analyse, dass der Preis von Energie, direkt über die Kosten der Agrarproduktion und indirekt über die Transportkosten, zum wichtigsten Bestimmungsfaktor der Agrarpreise geworden ist. Da der Preis für Energie bekanntlich im Zeitablauf stark schwankt, ergibt sich hierdurch eine weitere Quelle von Agrarpreisschwankungen. Umso wichtiger ist es, dass funktionsfähige Terminmärkte als Instrumente des Risikomanagements für die Wirtschaft, einschließlich der Landwirtschaft und aller anderen Glieder der ernährungswirtschaftlichen Wertschöpfungskette, erhalten bleiben.

Professor Harald von Witzke lehrt an der Humboldt Universität Berlin Internationalen Agrarhandel und Entwicklung
Redaktion: Matthias von Hein