Agnès Varda ist 90 - und präsentiert ihren neuesten Film | Filme | DW | 30.05.2018
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Geburtstag

Agnès Varda ist 90 - und präsentiert ihren neuesten Film

Mit 89 noch einen Film zu drehen, das schaffen nicht viele. Die Französin Agnès Varda hat es geschafft: "Augenblicke: Gesichter einer Reise" kommt zu ihrem runden Geburtstag ins Kino - Grund genug für einen Rückblick.

Dieses originelle Filmduo dürfte in die Geschichte eingehen. Die Regisseurin Agnès Varda und der Street-Art-Künstler JR haben einen wundervollen, poetischen und dazu humorvollen Film gedreht. Beide zeichneten für die Regie verantwortlich, beide agierten als ihre eigenen Hauptdarsteller. "Augenblicke: Gesichter einer Reise", im vergangenen Jahr in Cannes uraufgeführt, anschließend mit einer Oscarnominierung bedacht, erreicht jetzt auch die deutschen Kinos (Start: 31.5.2018) - einen Tag nach Vardas 90. Geburtstag.

Varda und JR zeichnen ein sensibles Porträt Frankreichs

Das Konzept, das sich die beiden Künstler aus so unterschiedlichen Generationen ausgedacht haben (Varda wurde 1928 geboren, JR 1983), ist so einfach wie effektiv. Mit ihrem Kleintransporter, der wie eine Kamera gestaltet ist, fahren sie durch die französische Provinz. JR fotografiert die Menschen, klebt die überdimensionierten Abzüge auf Hauswände oder drückt sie den darauf Abgebildeten direkt in die Hände. Die Regisseurin spricht mit den Menschen, filmt das Ganze. Entstanden ist so ein Porträt vom Zustand einer Nation im Jahre 2017, es zeichnet das Bild eines Landes zwischen Pessimismus und Lebensmut.

Filmstills - Augenblicke: Gesichter einer Reise (JR-Cinema/Tamaris/Social Animals/A. Varda)

Die beiden Künstler in ihrem Fotografie-Mobil, mit dem sie in Frankreich unterwegs sind

Agnès Varda war stets eine Filmemacherin, die zwischen Dokumentation und Spielfilm pendelte. Sie war immer eine europäische Filmkünstlerin, die sich dem Kommerzkino verweigerte, konsequent ihre eigene künstlerische Linie verfolgte. So überraschte es viele, als die Oscar-Akademie im vergangenen Jahr beschloss, ausgerechnet der Autorenfilmerin Agnès Varda einen Ehrenoscar fürs Lebenswerk zu verleihen: Varda und die glänzend-goldene Statuette aus Hollywood, die wie kaum ein anderer Preis für Glanz und Glamour steht - wie passt das zusammen? 

Autodidaktin hinter der Kamera

Agnès Varda ist Tochter eines Griechen und einer Französin. Geboren wurde sie am 30. Mai 1928 in Brüssel. Aufgewachsen ist sie an der südfranzösischen Küste. Sie ist kein Kind des Kinos, sondern der Literatur, der Fotografie und der bildenden Kunst. Sie kam zum Kino mit nur wenig Erfahrung. Als sie 1955 ihren ersten Film "La Pointe Courte" auf die Leinwand brachte, soll sie zuvor erst zehn Filme im Kino gesehen haben. Eher interessierte sie sich für die großen Schriftsteller, Künstler und Fotografen. "Die Fotografie hört nicht auf, mir beizubringen, wie man Filme macht", hat sie später einmal gesagt. Ihr neuer Film passt also gut ins Werk dieser Regisseurin.

Agnes Varda 1986 (AFP/Getty Images)

Sie war die einzige Frau im Umfeld der Nouvelle Vague: Agnès Varda, hier im Jahre 1986

Später wurde Agnès Varda aber dann doch zu einer Frau des Kinos. Eigentlich wie keine andere in Frankreich, dem Geburtsland des Kinos. Doch Varda stand lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen, Jean-Luc Godard und François Truffaut, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Eric Rohmer. Sie galten als die Revolutionäre des Kinos, als Begründer der berühmten Nouvelle Vague, die zu Beginn der 1960er Jahre für eine Wiedergeburt des französischen Films gesorgt hatte. Von Varda war in diesem Zusammenhang weniger die Rede. Was auch daran lag, dass die 1928 geborene Filmemacherin nicht im Umkreis von Truffaut und Godard verkehrte, die über das Schreiben von Kinokritiken zum Film gekommen waren.

Eine experimentierfreudige Regisseurin

Dabei hätte die Filmgeschichtsschreibung allen Grund gehabt Agnès Varda schon früh zu beachten, schließlich nahm ihr Filmdebüt 1955 vieles vorweg, was ihre männlichen Kollegen ein paar Jahre später in heute berühmten Werken wie "Außer Atem" oder "Sie küssten und sie schlugen ihn" ausarbeiteten: eine unkonventionelle Dramaturgie, filmische Experimente mit Kamera, Schnitt und Montage, ein Zusammenspiel von Spiel- und Dokumentarfilmelementen. "All das Neue, womit die Nouvelle Vague die 'Tradition der Qualität' herausfordern wird, (ist) bereits in Vardas Erstling vorhanden: produktionstechnisch, in der Geisteshaltung und ästhetisch", skizzierten die Kritiker Miriam Fuchs und Norbert Grob später den Werdegang der Regisseurin.

Internationale Filmfestspiele von Cannes - Roter Teppich Visages Villages (picture-alliance/Visual Press Agency/P. Farjon)

In letzter Zeit war Varda oft auf roten Teppichen zu sehen, so auch in Cannes 2017

Und in späteren Jahren wurde Agnès Varda dann auch dazugezählt, wenn von den großen französischen Kinoerneuerern die Rede war - stets mit dem Zusatz: die einzige Frau der Nouvelle Vague. Vielleicht lag es auch daran, dass Varda lange nicht so wahrgenommen wurde: Weil sie eben eine Frau war. Das Schreiben über das Kino war ja auch eher eine Männersache. Das hat sich inzwischen ein wenig geändert. Und so ist auch Varda in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet, geehrt und gefeiert worden.

Ein Oscar für die einzige Frau der Nouvelle Vague

Mit dem Oscar hat Varda nun auch den meisten der Nouvelle-Vague-Heroen etwas voraus: Weder Chabrol noch Alain Resnais, weder Rohmer noch Rivette wurden mit der Trophäe bedacht. Einzig Truffaut bekam 1974 einen für seine "Amerikanische Nacht". Jean-Luc Godard wurde 2010 ein Ehrenoscar angetragen. Der bärbeißige Regisseur machte sich allerdings nichts aus der Auszeichnung, reiste nicht nach Los Angeles um sich die Statuette abzuholen: "Eine so lange Reise für ein Stück Metall?" Die damalige Reaktion des Regisseurs ist legendär.

Agnes Varda 2008 (AFP/Getty Images)

Ganz entspannt blickt Varda im Film "Die Strände von Agnès" auf ihr Leben zurück

Varda zeigte sich dem amerikanischen Filmpreis aufgeschlossener. Sie sei eine kleine Königin am Rande des Kinos, sagte sie in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Die Ehren-Oscars bekämen Leute, die keine Hollywood-Stars und Blockbuster-Filmemacher seien. Dass man sie trotzdem wahrgenommen habe, habe sie sehr berührt.

Der Ehren-Oscar für Varda steht auch für den Wandel der Oscar-Akademie

Die Regisseurin hatte sich in den 1960er Jahren, als sie mit ihrem Mann, dem Regisseur Jacques Demy, einige Jahre in den USA lebte und Filme drehte, beharrlich geweigert, kommerzielle Angebote der großen Filmstudios anzunehmen. Varda legte stets allergrößten Wert auf ihre künstlerische Unabhängigkeit. Hollywood wollte ihr das damals nicht gewähren.

Die Oscar-Akademie hat sich in den vergangenen Jahren allerdings gewandelt. Nach einigen harschen Vorwürfen, sie sei nicht offen genug für Frauen und schwarze Filmemacher, hat sie sich behutsam verändert. Agnès Varda hat von diesem Wandel profitiert. Dafür steht auch die Oscar-Nominierung für Vardas jüngsten Film, die Dokumentation "Augenblicke: Gesichter einer Reise", der jetzt in die deutschen Kinos kommt - einen Tag nach dem 90. Geburtstag dieser großen Filmemacherin.

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