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Politik

Agentenaustausch im Eiltempo

Der Kalte Krieg ist längst vorbei, aber das Strippenziehen hinter den Kulissen haben die USA und Russland nicht verlernt. Im Eiltempo fädelten sie einen Agentenaustausch ein, um ihre Beziehungen nicht zu gefährden.

Auf dem Symbolbild zum Thema Spionage ist ein Mensch zu sehen, der konspirativ in ein Fernglas schaut (Foto: Bilderbox)

Die USA und Russland überraschen mit einem spektakulären Agentenaustausch

Die USA und Russland haben sich auf den größten Agentenaustausch seit dem Kalten Krieg verständigt. In der Nacht zum Freitag (09.07.2010) schoben die amerikanischen Behörden zehn in den USA festgenommene russische Spione ab. Sie verließen New York via Wien in Richtung Moskau, wie aus Behördenkreisen verlautete. Russland hat seinerseits Inhaftierte freigelassen, die wegen Spionage verurteilt worden waren.

Die russsische Spionin Anna Chapman im Portrait, lustwandelnd am Broadway (Foto: AP)

Sie gilt als die moderne "Mata Hari": die russische Agentin Anna Chapman, die jetzt ebenfalls ausgetauscht wird

Nur Stunden vor ihrem Abflug hatten die in den USA enttarnten Spione vor einer New Yorker Richterin zugegeben, für die russische Regierung gearbeitet zu haben. Für jeden einzelnen stand ein Anwalt auf und antwortete auf die Frage, ob sie die Anklage akzeptieren, mit einem knappen "Ja". Die meisten hatten sich als Amerikaner getarnt. Vor Gericht hießen "Richard" und "Cynthia Murphy" wieder Wladimir und Lydia Guryew, "Donald" und "Tracey" wurden wieder zu Andrej und Elena. Die in der amerikanischen Presse als "schöne Spionin" bekannt gewordene Anna Chapman heißt allerdings wirklich so. Auch zwei weitere der zehn Agenten spionierten unter ihren tatsächlichen Namen. Die Zehn waren vergangene Woche nach langwierigen Ermittelungen festgenommen worden.

Hohn und Spott

Es herrschen allerdings Zweifel, ob die Spione tatsächlich eine Gefahr für die innere Sicherheit der USA darstellten. US-Medien zufolge hätten sie in ihrer fast zehnjährigen Tätigkeit in dem Land nicht wirklich echte Geheimnisse ans Licht gebracht und doch eher ein sehr bequemes Leben in den USA geführt. US-Medien sprechen gar von "Stümper-Spionen". Schon jetzt sei die Affäre eine "Blamage" für den russischen Geheimdienst, meint die russische Zeitung "Wremja Nowostej".

Der Physiker Igor Sutjagin hinter Gittern in einem russischen Gerichtssaal (Foto: AP)

Igor Sutjagin bestritt bis zuletzt, für die CIA gearbeitet zu haben

Russlands Gegenleistung

Im Gegenzug begnadigte Kremlchef Dmitri Medwedew vier Russen, die für den Westen spioniert haben sollen. Noch in der Nacht zum Freitag unterzeichnete Medwedew die Dokumente, mit denen der angebliche CIA-Agent und Nuklear-Experte Igor Sutjagin, die mutmaßlichen Doppelagenten Alexander Saporoschski und Sergej Skripal sowie Gennadi Wasilenko begnadigt wurden. Zuvor hatten sie in einem Gnadengesuch an Medwedew ihre Schuld eingestanden. Allerdings sollen sie dabei stark unter Druck gesetzt worden sein. So hatte Sutjagin, der bereits seit fast elf Jahren in einem nordrussischen Straflager gefangen war, seine Schuld früher stets bestritten. Er soll Informationen über die russische Raketenabwehr sowie über Atom-U-Boote an eine britische Agentur mit Kontakten zum US-Geheimdienst übergeben hatte. Die anderen drei Männer saßen ebenfalls bereits seit mehreren Jahren in Haft.

Spionage-Skandal kommt zur Unzeit

Für beide Regierungen kommt der Spionage-Skandal zur Unzeit, beide sind daran interessiert, dass das "Tauwetter" nicht gefährdet wird. So hatte US-Präsident Barack Obama noch kurz vor den Festnahmen der Spione Medwedew im Weißen Haus empfangen - ihn seinen "Partner und Freund" genannt und über die Kalte-Kriegs-Vergangenheit gescherzt. Da beide Politiker mittlerweile ein Twitter-Konto besäßen, könnten sie ja "endlich die Roten Telefone wegwerfen". Medwedew habe den Agentenaustausch auf höchster Ebene mit US-Präsident Barack Obama abgesprochen, hieß es in Moskau. Der Austausch in Wien ist inzwischen wahrscheinlich abgeschlossen. Eine russische Regierungsmaschine und ein amerikanisches Charterflugzeug hoben am Freitagmittag in Wien nach rund einstündigem Aufenthalt wieder ab. Ob die Geheimagenten wirklich an Bord der Flugzeuge waren und diese auch gewechselt haben, wurde zunächst offiziell nicht bestätigt. Die Fluginformationssysteme hatten beide Maschinen nicht verzeichnet.

Agentenaustausch im Jahr 1986 auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin (West), (Foto: ap)

Agentenaustausch im Jahr 1986 auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin (West)

Die schnelle Rückkehr nach Russland werde "durch den neuen Geist der russisch-amerikanischen Beziehungen und das hohe Niveau des gegenseitigen Verständnisses der Präsidenten beider Länder" möglich, verlautete aus dem Kreml. Vertreter beider Staaten hatten wiederholt erklärt, die Affäre werde sich nicht negativ auf die Beziehungen zwischen Moskau und Washington auswirken. Und wie zur Bekräftigung der These billigte der Auswärtige Ausschuss der Duma am Donnerstag den START-Abrüstungsvertrag zwischen Moskau und Washington.

Autor: Marcus Bölz (apn, dpa)
Redaktion: Martin Schrader

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