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Asien

Agent Orange: Giftiges Erbe in Vietnam

Rund 50 Jahre nachdem die USA tonnenweise hochgiftiges Entlaubungsmittel über Vietnam versprühten, beteiligen sie sich nun erstmals an der Beseitigung der Umweltschäden. Verantwortung übernehmen sie weiter nicht.

Der 10. August ist in Vietnam "Orange Day“. Es ist ein Gedenktag, der an die größte Katastrophe des Landes erinnert. Denn an diesem Tag vor 51 Jahren begannen die USA im Vietnamkrieg die Operation Erntehelfer. In den Sechzigerjahren versprühte die US-Armee die giftige Chemikalie Agent Orange aus Flugzeugen um den dichten Dschungel zu entlauben. Der diente den feindlichen Truppen des nordvietnamesischen Vietcongs als Versteck, der Bevölkerung aber auch als Lebensgrundlage. Zurück blieb eine breitflächige Vergiftung durch das im Agent Orange enthaltene Dioxin, das für Missbildungen und Krebserkrankungen verantwortlich gemacht wird. Noch heute leidet das Land unter den Folgen.

Im Zuge des ideologischen Ost-West-Konfliktes froren die Beziehungen zwischen den USA und Vietnam 1975 mit dem Kriegsende und der amerikanischen Niederlage ein. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges Mitte der Neunzigerjahre näherten sich die beiden Länder wieder an. Die US-Regierung zahlte rund 50 Millionen Euro für soziale und Umweltprojekte. Doch erst im Jahr 2011 starteten beide Staaten ein gemeinsames Projekt, an dem sich die USA direkt beteiligen. In Danang begannen vietnamesische Behörden damit, das Gelände des ehemaligen US-Luftwaffenstützpunktes von Minen und Blindgängern zu räumen. Rund ein Jahr später konnten nun die eigentliche Aufräumarbeiten beginnen. Amerikanische Firmen tragen den Boden ab, um das Dioxin durch extreme Erhitzung unschädlich zu machen.

Vietnamesisches Kind im Rollstuhl (Foto: AP)

Viele Vietnamesen leiden noch heute unter den Folgen des Einsatzes von Agent Orange.

Gemeinsame Zukunft?

Bei der feierlichen Eröffnung der Entgiftungsaktion sagte US-Botschafter David Shear: “Das Dioxin im Boden hier ist ein Erbe der schmerzhaften Vergangenheit, die wir teilen. Doch das Projekt, das wir heute Hand in Hand mit den Vietnamesen ausführen, ist, wie Außenministerin Clinton sagte, 'ein Zeichen der hoffnungsvollen Zukunft, die wir gemeinsam aufbauen'.“

Unterstützer der Betroffenen sehen das Projekt eher als unzureichende, wenn auch wichtige Geste. "Den höchsten Nutzen davon haben die amerikanischen Firmen, die diese Giftbeseitigung vornehmen“, sagt Stefan Kühner von der Freundschaftsgesellschaft Vietnam. "Die Betroffenen aber, die Opfer, die seit Jahren leiden – und das sind etwa vier Millionen – haben im Moment noch keine Aussicht auf Hilfe."

Währenddessen kündigte US-Botschafter Shear an, dass die US-amerikanische Entwicklungsorganisation USAID bis Ende September ein neues Programm zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung starten werde.

Sorgloser Umgang mit den giftigen Chemikalien

Besonders hoch ist die Dioxinbelastung vor allem auf den ehemaligen Luftwaffenstützpunkten der US-Armee, wo das Agent Orange für den Einsatz umgefüllt wurde. "Bei diesen Umladeprozessen wurde fürchterlich geschlampt“, erklärt Kühner. "Da ist massenweise von dieser Flüssigkeit ins Erdreich geflossen, da sind Fässer von den Lkw gefallen und geplatzt.“ In Lagerstätten seien Fässer durchgerostet und teilweise auch vergraben worden. Die Giftkonzentration übersteigt an diesen Orten den erlaubten Wert um das 400fache. "Das Gift fließt dann teilweise in kleine Teiche, in denen die Bevölkerung fischt und Enten züchtet.“ So war es bis vor fünf Jahren auch in Danang. Dann wurde das Gebiet abgesperrt.

Vietnamesische Kinder auf einem Feldweg (Foto: dpa)

Auch viele Felder sind durch Agent Orange vergiftet.

Doch auch der Rest des Landes ist großflächig verseucht. Nach europäischen Standards müssten hier riesige Gebiete, die auch landwirtschaftlich genutzt werden, gesperrt werden, sagt Kühner. Doch in Vietnam fehle es auch an Messmethoden und Messwerkzeugen, um das im Einzelnen nachweisen zu können. "Es sind ja tausende von Quadratkilometern besprüht worden" so Kühner. "Aber wo sollen die Leute hingehen, wo sollen sie ihren Reis anbauen?“

Trotz des Millionen-Engagements in Vietnam weigert sich die US-Regierung noch immer, die umfassende Verantwortung für die Folgen des Gifteinsatzes zu übernehmen. "Wenn die Amerikaner zugeben, dass sie verantwortlich sind, dann kommen sie um Schadensersatzforderungen nicht herum“, sagt Kühner. "Und dann geht es nicht nur um ein paar Millionen.“