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Wirtschaft

Afrikas Wachstum verliert an Tempo

Zwei Jahrzehnte starken Wachstums gehen für Afrika zu Ende, heißt es im neuesten African Economic Outlook (AEO). Ursachen sind die niedrigen Rohstoffpreise und Chinas wirtschaftlicher Richtungswechsel.

Das Wachstum afrikanischer Städte wird Ökonomen zufolge entscheidend sein für die Entwicklung auf dem Kontinent. 2050 würden zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung in Städten leben, heißt es im jährlichen Wirtschaftsausblick, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) und die Afrikanische Entwicklungsbank in Sambias Hauptstadt Lusaka veröffentlich haben. 2015 lebten demnach 472 Millionen der 1,2 Milliarden Afrikaner in Städten.

Die Urbanisierung verändere die afrikanischen Gesellschaften grundlegend. Sie biete neue Möglichkeiten für Wachstum und soziale Entwicklung, sagte der Direktor der OECD-Abteilung für Entwicklung, Mario Pezzini. Dafür müsse man aber in städtische Infrastruktur investieren und die Verbindungen zwischen den Wirtschaftszentren verbessern. Laut dem Bericht stehen zwei Drittel der bis 2050 nötigen Investitionen in die Infrastruktur noch aus.

330 Millionen immer noch extrem arm

Die Ökonomen rechnen für 2016 mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent in afrikanischen Ländern und für 2017 mit 4,5 Prozent. Der Kontinent bleibt nach Ostasien die Region mit den höchsten Wachstumsraten. Dennoch leben laut Weltbank mindestens 330 Millionen Afrikaner in extremer Armut. Besonders Jugendliche sind dem OECD-Bericht zufolge weiterhin arm oder von Armut gefährdet. 2015 lebten etwa 897 Millionen Menschen in afrikanischen Ländern mit geringem Entwicklungsstand. 295 Millionen lebten in Länder mit mittlerem oder hohem Entwicklungsstand.

Seit der Jahrtausendwende ist die Wirtschaft Afrikas im Schnitt um fünf Prozent pro Jahr gewachsen - insofern hat sich die Wachstumsrate deutlich abgeschwächt. Auch die Kapitalzuflüsse haben deutlich nachgelassen - um knapp 13 Prozent gegenüber dem Jahr 2014 auf knapp 189 Milliarden Dollar. Die Autoren erklären diese Wachstumsschwäche einerseits mit dem Verfall der Rohstoffpreise, andererseits mit der Änderung der chinesischen Wirtschaftspolitik, die inzwischen erhebliche Auswirkungen auf andere Kontinente hat.

"Es waren bislang drei Säulen, auf welchen Afrikas beeindruckende Wachstumsstory seit zwei Jahrzehnten ruhten", schreibt Professor Helmut Reisen, einer der Autoren der Studie. "Der Superzyklus mit hohen Rohstoffpreisen als Folge der Urbanisierung und Industrialisierung Chinas, hohe Kapitalzuflüsse und verbesserte Rahmenbedingungen. Der Gegenwind für die afrikanischen Rohstoffländer impliziert nun die Untergrabung der zweiten Wachstumssäule - externe Kapitaleinfuhren."

Niedrige Energiepreise entlasten die Staatshaushalte in Ländern mit hohen Öleinfuhren (Ägypten, Äthiopien, Kenia, Mosambik und Tansania); dem stehen Einnahmeausfälle der Öl- (Angola, Gabun, Kongo, Nigeria und Tschad) und weiterer Rohstoffexporteure (Ghana, Sambia und Südafrika) entgegen.

Von West nach Ost

Niedrigere Rohstoffpreise verschieben damit den Wachstumsschwerpunkt vom Westen in den Osten Afrikas, schreibt Reisen. Und: "Die Investoren werden folgen", ist Reisen überzeugt. "Der traditionelle Fokus Chinas auf Sicherung der Rohstoffquellen Afrikas weicht einer noch zaghaften Erkundung des Potenzials Afrikas als Drehscheibe standardisierter Industriefertigung."

Chinas Handelsaustausch mit Afrika hat sich seit 2000 enorm beschleunigt. Die Dynamik der Schwellenländer hat Afrikas Exporterlöse zwischen 2000 und 2014 vervierfacht (von 124 Milliarden auf 567 Milliarden US-Dollar). Die Gruppe der Schwellenländer kauft inzwischen mehr afrikanische Ausfuhren als die entwickelten Staaten. Erst vor fünfzehn Jahren importierten die Schwellenländer nur 15 Prozent der Exporte Afrikas. Insbesondere China und Indien wiegen bei Afrikas Handelsanteilen und Handelsdynamik heute besonders schwer.

Geld fehlt überall

Die Finanzierung des internationalen Handels ist ein starker Transmissionsriemen zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft. Export- und Entwicklungskredit aus den großen Schwellenländern Brasilien, China und Indien haben seit geraumer Zeit ein wichtiges Vehikel für Afrikas Handelsfinanzierung dargestellt. Schrumpfende Überschüsse in den Leistungsbilanzen und abschmelzende Devisenreserven Chinas und anderer Schwellenländer drohen nun den Umfang ihrer Ausfuhrkredite, rohstoffgesicherten Kreditlinien und gemischten Finanzierungsströme an Afrika zu beeinträchtigen.

Auch die Steuereinnahmen Afrikas werden auf verschiedenen Kanälen durch Chinas neue Ausrichtung beeinträchtigt. Viele Länder Afrikas finanzieren ihre Regierungsausgaben durch Handelssteuern und Zölle. Kollabierende Rohstoffpreise verschlechtern somit Afrikas Fiskalsalden.

Anders als in den rohstoffimportierenden Ländern Afrikas trugen die Rohstofferlöse noch 2013 zu 80 Prozent der Staatseinnahmen und 20 Prozent des BIP in den ölreichen Ländern Algerien, Angola, Guinea, Kongo und Libyen bei. Im Gegensatz dazu ist die Steuerbasis der rohstoffimportierenden Nationen Afrikas breiter und basiert auf Einkommens- und Verbrauchssteuern. Freilich überträgt sich die Konjunkturdelle auch dort negativ auf die Steuereinnahmen.