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Welt

Afrikas erster Märtyrer

Der charismatische Anführer der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung Patrice Lumumba wurde zum Opfer im Kampf um die Freiheit des Kongo von Belgien. Ein kurzes Leben, das eine lange, schmerzhafte Geschichte offen legt.

Patrice Lumumba (Foto: AP)

Patrice Lumumba

Patrice Lumumba, geboren am 2. Juni 1925 in der Provinz Kasai, ermordet am 17. Januar 1961: Sein Geburtsname ist Tasumbu Tawosa. Erst später nennt man ihn Lumumba, was so viel heißt wie "Aufrührerische Massen". Lumumba, der Idealist, der Unbequeme. Der Freiheitskrieger, der zwischen alle Fronten gerät – vor allem zwischen die Fronten der ökonomischen und militärischen Blöcke, um mitten hinein zu stechen in brutale Interessenskonflikte um Bodenschätze. Gold, Diamanten, Uran, Kupfer. Und das in der Hochphase des Kalten Kriegs, in der noch dazu die Machtversessenheit der belgischen Kolonialherren ihren Höhepunkt erreicht und überschritten hat.

Finger in die Wunde

Patrice Lumumba (Foto: AP)

Patrice Lumumba 1960, ein Jahr vor seinem Tod

Aus dem kleinen Postbeamten von Stanleyville, dem heutigen Kisangani, wird bald einer der Gründer des Mouvement National Congolais – und damit einer der Wortführer der Unabhängigkeitsbewegung des Kongo. Aus den ersten Parlamentswahlen vom 25. Mai 1960 geht Lumumbas Partei als stärkste politische Kraft hervor. Als am 30. Juni 1960 der Kongo seine Unabhängigkeit von Belgien erlangt, wird Lumumba – trotz großen Widerstandes der weißen Siedler und der führenden Oberschicht des Landes – erster Ministerpräsident der in die Freiheit entlassenen jungen Republik. Staatspräsident wird Joseph Kasavubu.

Schon während des Festaktes zur Unabhängigkeitsfeier tritt Lumumba als entschiedener Verfechter afrikanischer Freiheit und Würde hervor. In einer Rede widerspricht er dem belgischen König Baudouin I., der die "Errungenschaften" und die "zivilisatorischen Verdienste" der Kolonialherrschaft lobt. In Anwesenheit des Königs und der versammelten Honorationen aus dem In- und Ausland prangert Lumumba - an König Baudouin gewandt - die Unterdrückung, Missachtung und Ausbeutung durch die belgische Kolonialverwaltung an. Manche sagen Lumumba habe mit dieser Rede schon sein Todesurteil unterschrieben.

Die Belgier entlassen den Kongo durch die lange Kolonialherrschaft völlig unvorbereitet in die Unabhängigkeit. Während der Kolonialzeit hatte sich das "Mutterland" kaum um gerechte Zustände, soziale Wohlfahrt, medizinische Versorgung oder das Bildungssystem geschert. Es gibt keine afrikanischen Offiziere, im gesamten Staatsdienst sind nur drei Afrikaner in leitenden Positionen tätig und landesweit gibt es lediglich 30 Kongolesen mit akademischer Ausbildung. Der Kongo sollte von Belgien und seiner Infrastruktur abhängig bleiben – auch nach der Unabhängigkeit. Denn so lässt sich der Kongo kontrollieren – und weiter für belgische und westliche Interessen an den strategisch wichtigen Mineralressourcen ausbeuten.

Pulverfass Katanga

Die belgische Regierung betrachtet Lumumba als eine Gefahr, da er als Sozialist die reichen Bergbau- und Plantagen-Gesellschaften verstaatlichen will. Die Spannungen werden immer größer, als sich die rohstoffreiche Südprovinz Katanga unter dem Separatisten Moise Tschombé von Kongo abspaltet - am 11. Juli 1960, also nur wenige Tage nach der "Geburt" des unabhängigen Kongo.

Lumumbas Versuch, die verschiedenen Kräfte des Landes nach staatssozialistischem Prinzip zu einen, scheitern – auch am Nein aus den USA. Dann macht Lumumba einen seiner vielleicht größten Fehler: Er bittet kurzerhand die Sowjetunion um Unterstützung. Der US-Geheimdienst CIA macht ihn daraufhin zum Staatsfeind. Katanga wird zum Pulverfass für Lumumba, der sowohl die Dynamik des Kalten Kriegs als auch die Rohstoffgier der großen Mächte unterschätzt – aber auch den Machthunger seiner kongolesischen Widersacher.

Revolution frisst ihre Kinder

Patrice Lumumba wird 1961 verhaftet (Foto: AP)

Mit gefesselten Händen wird Patrice Lumumba abgeführt

Kasavubu und sein früherer Weggefährte Oberst Joseph Mobutu verbünden sich gegen ihn. Mobutus Aufstieg zum Oberkommandierenden der Armee bedeutet Lumumbas Fall. Am 14. September 1960 putscht sich Mobutu an die Macht – Drahtzieher auch hier: die USA. Kasavubu bleibt offiziell Staatsoberhaupt. Lumumba steht unter Hausarrest, kann fliehen und wird bald darauf festgenommen. Der 1. Dezember 1961 ist Lumumbas letzter Tag in Freiheit. Mit zwei seiner Getreuen wird er an den Erzfeind Tschombé nach Katanga ausgeliefert.

Am 17. Januar 1961 werden sie von katangischen Soldaten unter belgischem Kommando erschossen und zunächst an Ort und Stelle vergraben. Um die Tat zu vertuschen, werden die Leichen wenige Tage später exhumiert. Lumumbas Leichnam wird zerteilt, mit Säure aufgelöst und schließlich verbrannt.

Schatten der Kolonialmacht

In ihrem Schlussbericht kommt eine Untersuchungskommission zu dem Ergebnis, dass der belgische König Baudouin von den Plänen zur Tötung Lumumbas wusste. Der Mord an dem Hoffnungsträger soll direkt von Belgien und den USA angeordnet und vom amerikanischen Geheimdienst CIA und örtlichen, von Brüssel finanzierten, Helfern ausgeführt worden sein. Andere Dokumente legen nahe, dass US-Präsident Eisenhower schon im August 1960 der CIA den Befehl erteilt hat, Lumumba mittels Gift zu liquidieren.

Lumumbas Erbe

"Afrika aber hat jetzt seinen verratenen und geschundenen Heiland", schreibt der "Spiegel" im Januar 1961. Und Jean-Paul Sartre brachte es auf den Punkt: "Seitdem Lumumba tot ist, hört er auf, eine Person zu sein. Er wird zu ganz Afrika".

Die tragische Figur Lumumba bewegt die Gemüter heute noch so wie sie es gestern getan hat. Lumumba stört. Er ist die offene Wunde der afrikanischen Kolonialgeschichte. Er wirft Fragen auf über unser Zeitalter, über vergangene und gegenwärtige Fehler. Über den Umgang mit Afrika, über westliche Unehrlichkeit, Gier – und Heuchelei.

"Das Schicksal von Patrice Lumumba wirkt bis heute nach wie eine Prophezeiung", sagt der Regisseur Raoul Peck, der selbst im Kongo gelebt und einen Dokumentarfilm über Lumumba gedreht hat. Einen Film über den ersten Ministerpräsidenten des Riesenlandes, das einmal "Belgisch Kongo" hieß, dann "Zaire", und heute "Demokratische Republik Kongo" – wobei Demokratie, sagt Raoul Peck, im Kongo bis zum heutigen Tag nicht mehr sei als eine Idee ohne Tradition. Er mag Recht haben. Die Lumumba-Statue in Kinshasa steht bis heute wie ein nicht eingelöstes Versprechen an einem riesigen Verkehrskreisel. Stolz, aber hilflos. Und stumm. 50 Jahre nach der Unabhängigkeit.

Autor: Alexander Göbel

Redaktion: Katrin Ogunsade