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Afrikaner fliehen nach Lateinamerika

Weil die Europäische Union ihre Außengrenzen immer weiter abschottet, rücken andere Ziele ins Blickfeld von Flüchtlingen aus den Ländern Afrikas. In Südamerika hat sich die Zahl der Flüchtlinge verdoppelt.

Afrikanische Argentinier posieren für das Foto (Foto: Mariana Russi)

Afrikanische Argentinier

Rush-Hour auf der Avenida Rivadavia im quirlig bunten Viertel Once von Buenos Aires. Auf dem Gehsteig sind alle paar Meter kleine Stände aufgebaut: In Klappkoffern, auf Tüchern, an Regenschirmen hängend, werden hier Schmuck, Uhren und Sonnenbrillen feilgeboten. Einer der Verkäufer ist Koaku Bu Date Rodrigue. Der 25-Jährige ist in der Elfenbeinküste geboren und vor zwei Jahren nach Argentinien gekommen.

Straßenhändler Koaku Bu Date Rodrique sitzt auf einem Bett. (Foto: DW/Anne Herrberg)

Koaku Bu Date Rodrique lebt seit zwei Jahren in Buenos Aires.

"In meinem Land herrscht Bürgerkrieg. Ich wurde gezwungen, bei einer Rebellengruppe zu kämpfen", erklärt Koaku. "Eines Morgens konnte ich fliehen. Ich bin zum Hafen von San Pedro und habe mich dort im Lagerraum eines Schiffes versteckt." Wie lange er dort ausharrte, weiß Koaku nicht mehr. Irgendwann kam er in Argentinien an.

Flüchtlingszahl verdoppelt

Jedes Jahr verlassen hunderttausende Afrikaner ihr Heimatland, viele mit dem Ziel Europa. Doch die EU schottet sich immer mehr ab. "Ich hatte von Europa gehört, aber ich weiß nicht, wie man dorthin kommen soll. Dafür braucht man Geld und Kontakte", sagt Koaku.

Die Folge: Andere Ziele werden in Betracht gezogen, Südamerika zum Beispiel. In Argentinien hat sich die Zahl afrikanischer Migranten und Flüchtlinge seit 2005 mehr als verdoppelt. Über 3000 wurden in den vergangenen fünf Jahren bei der argentinischen Flüchtlingskommission CO.NA.RE registriert. Illegale Einwanderer aus Afrika bilden dort mittlerweile die zweitstärkste Asylbewerbergruppe, die meisten von ihnen kommen aus dem Senegal oder der Elfenbeinküste. Eine ähnliche Entwicklung melden Behörden aus dem Nachbarland Brasilien.

"Wir bemerken einen Anstieg der illegalen Einwanderung aus Afrika seit 2005, als die europäische Grenzschutz-Agentur Frontex ihre Arbeit aufgenommen hat", sagt Marcos Filardi, Flüchtlingsbeauftragter bei der nationalen Rechtschutzstelle Argentiniens (Defensoría General de la Nación).

Endstation Lateinamerika

Marcos Filardi legt einem afrikanischen Flüchtling seine Hand auf die Schulter (Foto: DW/Anne Herrberg)

Marcos Filardi betreut afrikanische Flüchtlinge.

Menschen wie Koaku gehen bei der Flucht über den Atlantik ein hohes Risiko ein. Unter lebensbedrohlichen Umständen treten sie als blinde Passagiere auf Frachtschiffen die teils 20 Tage lange Überfahrt nach Lateinamerika an, immer mit der Angst im Nacken, entdeckt zu werden – und eventuell einfach über Bord geworfen zu werden. In Argentinien erwartet die Flüchtlinge allerdings eine freundlichere Migrations- und Flüchtlingspolitik als in Europa, sagt Filardi: "Innerhalb weniger Wochen erhalten die Asylsuchenden eine Arbeitserlaubnis, kostenlose Gesundheitsversorgung, Sprachkurse und Zugang zu Ausbildung."

In der Theorie beispielhaft – doch die jährlich steigende Zahl an afrikanischen Flüchtlingen ließ auch die argentinische Regierung aufmerksam werden. Besonders im Fall der illegalen Einwanderer aus Senegal, der bisher größten Gruppe. Sie kommen nicht per Schiff, sondern meist – mit einem Visum der brasilianischen Botschaft aus Dakar im Pass – per Flugzeug nach Brasilien, von wo aus sie vermutlich von Schlepperbanden weiter nach Argentinien geschleust werden. "Argentinien hat sich deswegen 2009 an Brasilien gewendet und gefordert, dass deren Botschaft in Dakar die Ausgabe von Visa besser kontrolliert, da klar wurde, dass die Route letztlich nach Argentinien führt", sagt der Flüchtlingsbeauftragte.

Flüchtlingswelle reißt nicht ab

Deborah Munarriz sitzt mit ihren Studentinnen uim einen Tisch (Foto: DW/Anne Herrberg)

Deborah Munarriz und Studentinnen helfen juristisch.

Auch wenn die Zahlen im Vergleich zu Europa überschaubar sind – der Flüchtlingsstrom steigt weiter an, beobachtet Deborah Munarriz. Die Professorin für Flüchtlingsrecht betreut, gemeinsam mit einer Gruppe Studenten der staatlichen Universität von Buenos Aires, Afrikaner, deren Asylgesuch abgelehnt wurde. "Für diese Menschen hat Argentinien keine Lösung – der Staat schaut weg." Auch die Gesellschaft ist den Neuankömmlingen gegenüber zurückhaltender geworden – obwohl sich Argentinien traditionell als Einwanderungsland versteht, erläutert der Flüchtlingsbeauftragte Filardi: "Argentinien hat sich selbst aber immer als ein Land gesehen, das von den Europäern abstammt. Das ist ein Mythos, der jedoch aus ideologischen Gründen aufrechterhalten wurde. Es gibt einen starken Rassismus hier."

Auf der anderen Seite haben die neuen Einwanderer auch ein Umdenken bewirkt. Die Regierung hat nun das Jahr der "Afrikanischen Abstammung" ins Leben gerufen, um diese unterdrückten Wurzeln wieder sichtbar zu machen. Teil davon war, an die Rolle von afrikanischstämmigen Soldaten im argentinischen Unabhängigkeitskrieg vor 200 Jahren zu erinnern. Im gerade in die Kinos gekommenen Kinofilm "Revolution" über den Feldzug des Revolutionärs San Martín hat Kuako eine Statistenrolle übernommen.

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Helle Jeppesen