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Afrika

Afrika und die Helden der Berufsschule

Eine Bundestagsabgeordnete führt afrikanische Diplomaten ins malerische und wirtschaftsmächtige Südwestfalen. Ein Lehrstück über die Kraft des deutschen Mittelstands.

Dagmar Freitag steht am offenen Fenster der städtischen Galerie von Iserlohn. In der einen Hand ein Handy, mit der anderen lotst sie die Besucher-Delegation zum Empfang des Bürgermeisters. 13 Botschafter aus Ländern des südlichen Afrika sind eigens aus Berlin in den Westen Deutschlands gereist, um den Wahlkreis der Bundestagsabgeordneten kennen zu lernen. Dagmar Freitag, SPD-Politikerin, leitet die Parlamentariergruppe der SADC-Staaten, der Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen Afrika. Und sie hat ein Programm ganz nach den Wünschen der afrikanischen Diplomaten zusammengestellt: erfolgreiche Firmen stellen sich vor, außerdem sind Besuche in der Fachhochschule und der Lehrwerkstatt der Industrie- und Handelskammer geplant. Die Botschafter sollen die Erfolgsmodelle des deutschen Ausbildungs- und Bildungssystems besser kennenlernen.

Ob in Südafrika, Malawi, Mosambik oder in ihrem Heimatland Simbabwe - die Probleme seien überall ähnlich, erklärt Botschafterin Chikwira Ruth Masodzi. "Wir haben zwar Akademiker ausgebildet, aber sie haben keine Relevanz für unsere Industrie". Die Absolventen seien schwer in Jobs vermittelbar. "Die Frage, wie Deutschland qualifizierte Arbeitskräfte findet, interessiert uns alle hier ganz besonders".

Vom Vater zum Sohn zum Enkel

Im Kleinbus bewegt sich die Diplomaten-Delegation durch die Region Südwestfalen. Es ist ein Ausflug in die Provinz. "Provinz" nicht im negativen Sinne - eher mit der Bedeutung: ins wirtschaftsstarke Hinterland, ins Land der tapferen Kleinunternehmer und Mittelständler. Südwestfalen ist die drittstärkste Industrieregion Deutschlands. Nicht etwa wegen großer DAX-Konzerne, nein, hier prägen Automobilzulieferer, metall- oder kunststoffverarbeitende Betriebe mit vielleicht 600 Mitarbeitern die Wirtschaft: seit Jahrhunderten in Familienbesitz, mit Kunden in der ganzen Welt. "Das ist der Markenkern meiner Region", sagt Dagmar Freitag. "Ich möchte natürlich zeigen, dass es hier funktioniert. Das Zusammenspiel von starken mittelständischen Unternehmen, die eng mit der Fachhochschule, aber auch mit der Ausbildungswerkstatt der Industrie- und Handelskammer zusammenarbeiten."

SADC-Delegation besucht Südwestfalen (Foto: Stefanie Duckstein/DW)

Bruno Gantenbrink und Sohn Maximilian, Geschäftsführer der Firma BEGA

Auf die Details kommt es an

Ein Beispiel: der Leuchtenhersteller BEGA. Geschäftsführer Bruno Gantenbrink führt die Delegation durch atmosphärisch illuminierte Showrooms. "Die Dunkelheit ist Dein Freund", sagt Gantenbrink. Erst dann könne Licht richtig wirken. Neben ihm steht Maximilian, sein Sohn. In Kürze wird er die Firma übernehmen. Mit Außenbeleuchtungen für Museen, Hotelanlagen oder Kirchen hat sich der Ausbildungsbetrieb international einen Namen gemacht. In der Lagerhalle stapeln sich haushoch Kartons für den Export in die USA, nach Europa oder in den Nahen Osten. Und während in der Werkhalle die Turbinen und Gebläse immerfort neue LEDs und Halogenlampen freigeben, spricht Gantenbrink vom Erfolg und wie das alles möglich ist - für ein kleines mittelständisches Unternehmen: "Das gehört auch zu unserer Firmen-Philosophie: Wir achten auf jedes kleinste Detail, um die Qualität zu verbessern. Das muss der Käufer natürlich auch zu schätzen wissen, denn er muss es bezahlen."

SADC-Delegation besucht Südwestfalen (Foto: Stefanie Duckstein/DW)

SADC-Botschafter im Gespräch mit BEGA-Geschäftsführer Bruno Gantenbrink und Parlamentarierin Dagmar Freitag

Das duale Ausbildungssystem aus Berufsschule und praktischer Lehre im Betrieb würde Tswelopele Moremi, Botschafterin von Botswana, am liebsten in ihre Heimat exportieren. Jugendliche schulisch auszubilden, sie gleichzeitig über mehrere Jahre an ein Unternehmen zu binden und sie später vielleicht sogar zu übernehmen: eine ideale Kombination, so Moremi. "Wir haben ein zentrales Problem: Wir finden keine qualifiziert ausgebildeten Arbeitskräfte mit entsprechendem technischem Know-how, so dass sie sofort angestellt werden oder sich sogar selbständig machen könnten." Deshalb sei ein gutes Ausbildungssystem entscheidend für die gesamte Region des südlichen Afrika. "Das müssen wir unterstützen."

SADC-Delegation besucht Südwestfalen (Foto: Stefanie Duckstein/DW)

Mit Vollgas ins Berufsleben: Studenten der Fachhochschule Südwestfalen im Abgaslabor

Helden der Akademie

Ihren Nachwuchs rekrutieren die Firma BEGA und all die anderen Unternehmen der Region aus der nahegelegenen Fachhochschule Südwestfalen. Ingenieurswissenschaften, Betriebs- oder Agrarwirtschaft: die etwa 13.000 Studenten profitieren vom wirtschaftsstarken Umfeld. "Bei uns in Südafrika unterrichten die Universitäten in einer pedantischen, praxisfernen Art und Weise", erklärt Botschafter Makhenkesi Arnold Stofile. "Der Chef von BMW in Johannesburg hat sich erst kürzlich beklagt über die Arbeitsunfähigkeit unserer Akademiker. Sie sind kenntnisreich über diese und jene Theorie. Aber für die praktische Arbeit sind sie nicht zu gebrauchen."

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