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Afrika

Afrika und das Ende eines Kriegsverbrechers

Mord, Folter, Vergewaltigung - ein internationales Tribunal hat Liberias Ex-Diktator Charles Taylor schuldig gesprochen. Für viele Afrikaner ist das Urteil ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Gerechtigkeit.

Im eleganten dunkelblauen Anzug sitzt er im Gerichtssaal, notiert ab und an ein paar Gedanken, während ein Richter in roter Robe die Anklagepunkte verliest. Charles Taylor, Liberias Ex-Diktator, wirkt teilnahmslos, fast abwesend. Der Richter spricht von Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung, der Rekrutierung von Kindern als Soldaten. Der Tatort: Sierra Leone. Vom Nachbarland Liberia aus soll Taylor die Gräueltaten angeordnet haben. Er ist der erste ehemalige afrikanische Staatschef, der nun von einem internationalen Tribunal für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen wird. Die Urteilsverkündung wird von Fernseh-Teams in die Welt übertragen. Nach gut zwei Stunden steht fest: Taylor ist schuldig.

Gerechtigkeit für die Opfer

Menschen mit Plakaten vor Gerichtsgebäude in Freetown, Sierra Leone (Foto: AP/dapd)

Nach dem Urteil: Erleichterung in Sierra Leone

"Das ist ein Sieg für die Gerechtigkeit", sagte Alpha Sesay der DW. Er hat den Richterspruch live im Gerichtssaal gehört. Der Anwalt und Aktivist aus Sierra Leone beobachtet den Prozess für die Menschenrechtsorganisation Open Justice Initiative. "Für mich als Bürger von Sierra Leone war es immer wichtig, dass der Prozess glaubwürdig und fair ist. Jetzt, wo Taylor verurteilt wurde, bin ich zufrieden, weil hier ein ehemaliger Staatschef, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeordnet hat, zur Rechenschaft gezogen wurde", so Sesay. Nun sei es wichtig, dass auch die Opfer der Gewaltverbrechen in Sierra Leone unterstützt würden und dass auch ihnen Gerechtigkeit widerfahre.

In Liberia, das Taylor von 1997 bis 2003 regierte, spaltet der Prozess die Bevölkerung. Auf den Straßen der Haupstadt Monrovia halten viele Menschen das Urteil für zu streng. "Ich bin enttäuscht", sagte Straßenverkäufer Richard Ellis der DW. "Für mich als Liberianer ist es entmutigend zu sehen, dass unser ehemaliger Präsident so behandelt wird". Ein Passant nannte das Urteil "durch und durch politisch". Andere Liberianer begrüßten den Richterspruch. "Es ist gut, dass er nach Den Haag musste. In diesem Fall hat die Gerechtigkeit gesiegt", sagte Amanda Spence der DW. Für den Rechtswissenschaftler Marcus Jones von der Universität Monrovia sind die unterschiedlichen Ansichten nicht überraschend. "Jeder hat hier seine eigene Meinung. Es gibt Leute, die haben Probleme mit dem Taylor-Regime. Aber es gibt auch andere, die sind ihm gegenüber immer noch loyal".

Von Liberia aus kontrollierte der heute 64-jährige Charles Taylor nach Überzeugung des Gerichts die Rebellen der Revolutionären Vereinten Front (RUF) in Sierra Leone. Der Ex-Diktator sei damit verantwortlich für die Verbrechen der Rebellen, darunter Folter, Vergewaltigung, Verstümmelung und Missbrauch von Kindern als Soldaten. Bei dem Krieg wurden zwischen 1991 und 2001 etwa 120.000 Menschen getötet. Taylors Motiv: Gier. Im Gegenzug für seine Unterstützung hätten die Rebellen den Machthaber mit sogenannten Blutdiamanten versorgt. Taylor war 2003 nach einer Rebellion gegen ihn aus Liberia geflüchtet und 2006 im nigerianischen Exil festgenommen worden.

Urteil mit Signalwirkung

Portrait von Charles Taylor (Foto: picture-alliance/dpa)

Kaltblütiger Machthaber: bis 2003 war Taylor Liberias Präsident

So verfolgten auch viele Nigerianer das Urteil mit Spannung. "Menschen, die Macht ausüben, müssen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Er hat Staatsmittel benutzt, um zu zerstören, zu töten und zu stehlen und ich denke, es ist angemessen, dass er jetzt für seine Verbrechen bezahlen muss", sagte Jibrin Ibrahim vom Centre for Democracy and Progress in Abuja der DW. Der Prozess gegen Taylor sei ein Präzedenzfall. "So viele unserer Staats- und Regierungschefs haben Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Mit dem Urteil setzen wir ein Beispiel: Von jetzt an werden Machthaber, die solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen, auch bestraft", so Ibrahim.

Dass das Urteil der internationalen Gerechtigkeit Vorschub leistet, glauben nicht alle Afrikaner. "Jeder Prozess hängt von den Bürgern ab", sagt Rechtsexperte Marcus Jones aus Liberia. Das zeige sich auch am Beispiel Sudan. Gegen Staatschef Omar Al-Baschir liegt seit Juli 2010 ein internationaler Haftbefehl wegen Völkermordes vor. "Die Bürger dort und die afrikanischen Staatschefs glauben nicht, dass Omar Al-Baschir an ein Tribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgeliefert wird. Und daran ist die ganze Welt schuld", so Jones. Wie viel Schlagkraft das Urteil gegen Charles Taylor tatsächlich hat, wird sich am 30. Mai 2012 zeigen. Dann entscheiden die Richter über das Strafmaß. Die Anklage plädiert auf lebenslänglich.

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