1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Afrika

Afrika stolpert ins digitale Zeitalter

Der 17. Juni sollte das Ende des analogen Fernsehens in Afrika besiegeln. Doch kaum ein Land schaffte die Umstellung. Klare Fahrpläne gibt es nicht.

Der Stichtag stand seit Jahren fest: Am 17. Juni 2015 sollte die analoge Fernsehübertragung in Afrika abgeschaltet werden. Ab dann sollte Fernsehen in Afrika nur noch digital funktionieren. So hatte es die Internationale Telekommunikationsunion der Vereinten Nationen (ITU) für alle Länder des afrikanischen Kontinents festgelegt. Durch die digitale Übertragung sollten Antennen und Satelliten mehr Programme in besserer Qualität empfangen können.

Doch es kam anders. "Die Frist ist verstrichen - und es ist nichts passiert." So bringt die südafrikanische Kommunikationswissenschaftlerin Julie Reid auf den Punkt, was in ihrem Land aus der Umstellung geworden ist. Ihre Diagnose: Fehlende Führung und mangelnde öffentliche Aufklärung. Schon vor einigen Monaten habe das Kommunikationsministerium eingestanden, dass es die Frist nicht einhalten könne. Südafrika ist damit - trotz seiner wirtschaftlichen Stärke - eines von zwölf afrikanischen Ländern, die die Umstellung noch nicht einmal begonnen haben. Abgeschlossen ist sie laut ITU bisher nur in fünf Ländern auf dem Kontinent: Ruanda, Tansania, Malawi, Mauritius und Mosambik.

Lagos Photo Festival - Afrika zwischen Megacity und Dorfleben

Analoge TV-Übertragung adé? Nur Ruanda, Tansania, Malawi, Mauritius und Mosambik senden bereits digital.

Tatsächlich hatte die ITU afrikanischen Ländern angeboten, bei Bedarf einen Aufschub bis 2020 zu gewähren - dem Jahr, in dem auch Lateinamerika die Umstellung durchführen will. "Die südafrikanische Regierung hätte eine Verlängerung der Frist beantragen müssen. Das ist aber nicht geschehen", so Reid im DW-Gespräch. Eine weitere in einer Reihe von Pannen, die sich im Vorfeld des Stichtags in Behörden und Rundfunkanstalten abspielten. Wie es weitergehe, sei nun völlig unklar, so Reid. Wird es eine neue Frist geben? Bis wann muss die Umstellung geschafft sein? Fragen, auf die es bislang keine Antworten gibt.

Kosten fürs Publikum

Reid engagiert sich in Pretoria in der Right2Know Campaign (Recht auf Wissen, kurz R2K) für eine bessere Aufklärung der Bürger. Auch die Kosten der Umstellung seien für die Bürger ein Problem, sagt sie. Wer über kein digital kompatibles Fernsehgerät verfügt, benötigt einen Decoder - ein Gerät, das rund 50 US-Dollar kostet. Keine Selbstverständlichkeit, findet Reid: "In Südafrika steigen zurzeit die Preise für alle Grunddienstleistungen - obwohl die Mehrheit der Bevölkerung arm ist. Nun sollen sie für etwas so grundlegendes wie einfache Kommunikationsdienste zahlen." Die Regierung verspricht fünf Millionen kostenfreie Decoder - diese Zahl sei aber bei Weitem nicht ausreichend, sagt Reid.

Satellitenschüsseln auf dem Dach eines Hochhauses in KairoKairo - Fernsehempfang Foto: Matthias Toedt

Satellitenschüsseln auf einem Wohnhaus in Kairo

Zusätzliche Kosten für die Umstellung sind ein Schreckgespenst für Menschen auf dem ganzen Kontinent. Auch dreitausend Kilometer weiter nördlich stellen sich Menschen die gleichen Fragen: In Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, kostet ein mit der digitalen Übertragung kompatibles Fernsehgerät rund 300 US-Dollar, unerreichbar für viele Einwohner wie Guy Asalako. "Das Monatsgehalt der Mittelklasse liegt zwischen 70 und 90 Dollar", sagt er. Der Zeitpunkt für die Umstellung sei einfach noch nicht gekommen. "Wir gehen das zu schnell an."

Faule Kompromisse

Einer der größten Medienmärkte auf dem Kontinent ist Nigeria - ein weiteres Land, das die Umstellung nicht innerhalb der Frist geschafft hat. Ein Grund dafür seien die politischen Entwicklungen im Land, sagt Auwalu Salihu, Sprecher von Nigerias Nationaler Rundfunkkommission (NBC). Seit Präsident Goodluck Jonathan die Präsidentschaft von seinem kranken Vorgänger Umaru 'Yar Adua übernommen habe, habe Nigeria vor vielen Problemen gestanden. Ein Fingerzeig auf die Sicherheitskrise und die Bedrohung durch die Terrormiliz Boko-Haram. Als Ausrede lässt Salihu das aber nicht gelten: "Es ist eine Schande für unser Land, dass wir die Frist nicht einhalten konnten", sagt er.

Megacity Lagos Foto: dpa

Selbst das mediale Schwergewicht Nigeria hinkt bei der Digitalisierung hinterher

Nach Ablauf der Frist ist das Problem vertagt. Zunächst einmal werden Kompromisse geschlossen - und die Fernsehzuschauer dürften nicht viel mitbekommen. Auch für Journalist Boubacar Diallo im benachbarten Niger bleibt erst einmal alles beim Alten. "Wir sind noch nicht bereit und arbeiten weiter wie bisher", sagt Diallo der DW. Weil seinem Fernsehsender das nötige Equipment fehle, habe der zuständige Minister angeordnet, für eine bestimmte Zeit wie gewohnt weiterzumachen. Nur wisse man nicht, wie lange.

Die Medienstiftung für Westafrika brachte ihr "tiefes Bedauern" über die fehlenden Fortschritte bei der Umstellung zum Ausdruck. Und einige Konsequenzen gibt es dann doch, wie Auwalu Salihu von der NBC in Nigeria sagt: "Wenn unser analoges Signal mit irgendeinem digitalen Signal in Konflikt gerät, haben wir nicht mehr den Schutz von der Internationalen Telekommunikationsunion. Dann muss unser analoges Signal abgeschaltet werden."

Wenn das Ende des analogen Zeitalters schließlich kommt, ist es wahrscheinlich, dass weitere Einschränkungen im Programm folgen werden. Denn die Kehrseite aller Vorteile ist, dass die Netzbetreiber die Preise für die Übertragung erhöhen können - Kosten, die kleinen Fernsehsendern zum Verhängnis werden könnten.

Mitarbeit: Uwais Idris, Maxwell Suuk

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links