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Skurrile Ortsnamen

Afrika liegt in der Uckermark

Wüssten Sie, wo der Kongo liegt? In Schleswig-Holstein - und ganz bestimmt nicht in Afrika, das liegt knappe 400 Kilometer südöstlich an der polnischen Grenze. Von skurril benannten Orten und ihren Einwohnern.

Wer schon immer einmal nach Afrika reisen wollte, braucht sich beim nächsten Wochenendausflug einfach nur ins Auto zu setzen und nach Brandenburg zu fahren: Vorbei an idyllischen Wäldern und Seen führt die Landstraße 241 auch nach Afrika. Afrika - das ist eine Sandstraße mit vier Bauernhäusern und einem kleinen Bächlein. "Das Besondere an unserem Afrika ist, dass man einfach mal durchfahren und reinschauen kann", erklärt Bürgermeister Kai Herrmann stolz. Eigentlich ist er der Bürgermeister der Gemeinde Flieth-Stegelitz, zu der der Ortsteil Afrika gehört. "Aber den Bürgermeister von Afrika, den gibt es nur einmal - zumindest kenne ich keinen anderen."

Gleißende Hitze in Afrika

Laut der Kölner Boulevardzeitung "Express" sind hier die Sommertemperaturen im europäischen Vergleich am meisten gestiegen: um ganze vier Grad in den vergangenen 50 Jahren. Reiner Zufall? Wahrscheinlich ja. Denn der Ursprung des Ortsnamens ist ein ganz anderer: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließen sich hier Flüchtlinge aus Pommern nieder. Aus Mangel an Baumaterialien errichteten sie in Gruben windschiefe Holzhütten. "Die leben ja wie in Afrika", sagte man sich unter Stegelitzern - und so kam der Flecken in der Uckermark zu seinem Namen.

Deutschland Afrika in der Uckermark (picture-alliance/ZB/P. Pleul)

Afrikanische Temperaturen in der Uckermark? Eher selten

Ihren skurrilen Namen hat die Ortschaft bisher noch nicht als Tourismusmagnet genutzt. Eine Sache jedoch ist bei Souvenirjägern heiß begehrt: "Regelmäßig wird uns das Ortsschild entwendet", klagt Herrmann, "bisher haben wir noch keine Lösung gefunden, um es dauerhaft vor Diebstahl zu schützen." Doch die Afrikaner sind kreativ und haben schon etliche Male ein buntes Ersatzschild gebastelt.

Ärger kann solch ein Name auch für Postkunden bedeuten: Vor einigen Jahren kam ein Paket, das aus Sachsen in die Lüneburger Heide geschickt wurde, mit neun Monaten Verspätung an. Der Grund: Das Paket hatte einen 5.000 Kilometer langen Umweg über Zentralafrika genommen - die Empfängeradresse lautete "Göhrde, Kamerun". Aufmerksame Postbeamte im afrikanischen Kamerun schickten es zurück - und so fand es schließlich seinen Weg zur Empfängerin.

Wunsch und Spott als Namensgeber

Namensgebungen dieser Art sind in Deutschland nicht selten. Rendswühren in Schleswig Holstein hat nicht einmal 800 Einwohner. Aber in dem Dorf finden sich gleich zwei große afrikanische Staaten: Kongo und Kamerun. Häufig handle es sich bei solchen Namen um sogenannte Wunsch- oder Spottnamen, weiß Kirstin Casemir, Leiterin der Forschungsstelle "Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe" an der Universität Göttingen. "Meistens sind dies sehr kleine Orte, Ortsteile oder Einzelhöfe." Hier haben im 19. Jahrhundert Leute gelebt, die ursprünglich den Wunsch hatten, auszuwandern - zum Beispiel in die ehemalige deutsche Kolonie Kamerun: "Weil sie es nicht geschafft haben, sondern irgendwo gestrandet sind, haben sich die Anwohner über sie lustig gemacht: 'Guck mal, der ist nicht einmal bis nach Kamerun gekommen, sondern sitzt jetzt hier in der Einöde in Schleswig Holstein.'" Deshalb finden sich viele dieser Ansiedlungen entlang der Küstenlinie Deutschlands.

Deutschland Campingplatz Kamerun bei Waren (picture-alliance/dpa/K. Schindler)

Zwei Kamerunerinnen aus Waren an der Müritz unterstützten das afrikanische Land bei der Fußball-WM 2002 gegen Deutschland. Kamerun unterlag 0:2

Oft sollen solche Namen auch einfach die Abgelegenheit einer Ortschaft betonen. Afrikanisch inspirierte Ortsnamen in Nordrhein-Westfalen hingegen gehen häufig auf eine plakative Beschreibung ihrer Anwohner aus der Zeit der Industrialisierung zurück: Eisenbahner, Schlosser, Kumpels, Arbeiter in Ziegeleien hatten vom Ruß häufig eine geschwärzte Haut. "Schwarz wie Kamerun" waren sie in den Augen der Spötter.

Deutsche Kolonien - gleich um die Ecke

Tatsächlich ist gerade Kamerun ein besonders beliebter Namenspatron für deutsche Ortschaften: Gleich elfmal gibt es diesen Ortsnamen in der Bundesrepublik. Als deutsche Kolonie war Kamerun den Leuten Ende des 19. Jahrhunderts eben ein Begriff. Alle Zeitungen berichteten zu der Zeit davon, wie der Afrikaforscher Gustav Nachtigal in Kamerun die deutsche Flagge gehisst hatte.

So kam auch das "Forsthaus Kamerun" in Bayreuth zu seinem Namen. Es war 1848 auf einem Hügel inmitten von Wiesen und Wäldern erbaut worden. Eines Tages, während der Wagner-Festspiele 1884, unternahm der Verlobte von Kosima Wagners ältester Tochter einen Ausflug. Von Hunger und Durst getrieben, fanden er und sein Freund Bewirtung bei der Gemahlin des Försters. Angetan von dem idyllischen Plätzchen, verkündete er: "Eine richtige Entdeckung haben wir da gemacht. Wie der Nachtigal in Afrika!" Und so nannten die beiden Entdecker das Forsthaus "Neu-Kamerun".

Heute ist das Haus eine Gaststätte - und das einzige Haus im Bayreuther Ortsteil Kamerun. Zu den zwei Kamerunern hier gehört Inhaberin Kirstin Förster. Noch heute kämen Besucher der Wagner-Festspiele bei ihnen unter, sagt Förster, die die Wirtschaft zusammen mit ihrem Lebensgefährten betreibt. Regelmäßig ziehe das Ortsschild am Fuße des Hügels neue Besucher an: "Neulich kam ein Student aus Kamerun vorbei - und der fand es total lustig, dass es hier in Deutschland ein kleines bisschen Afrika gibt." Mit italienischer Küche, versteht sich.

Deutschland Kolonialgeschichte Kamerun Flaggenhissung mit Gustav Nachtigal (Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt/Main)

Im Juli 1884 hisste Reichskommissar Nachtigal die deutsche Flagge in Kamerun. Das Jahr markierte den Beginn deutscher Kolonialherrschaft in Afrika.

Politisch korrekte Neger

Oberneger, Mittelneger, Unterneger reihen sich im Umland der nordrhein-westfälischen Kreisstadt Olpe aneinander. Neger, der Zusammenschluss der drei Dörfer, hat rund 400 Einwohner. Eine davon ist Maria Witt. Ihre amtliche Postadresse lautet "Negertalstraße 1, Olpe, Unterneger" - wenn Touristen sie darauf ansprechen, nimmt sie es mit Humor, wie sie dem Deutschlandfunk verrät.

Aber wer gibt einer Ortschaft solch einen Namen? "Wenn man den Leuten erklärt, wo man wohnt, dann benutzt man markante Orte wie: an einem Berg oder einem Tal", so die Ortsnamensforscherin Kirstin Casemir. "Diese Namen verfestigen sich dann im Laufe der Zeit." Der Ortsname "Neger" wurde erstmals 1468 in historischen Dokumenten erwähnt. Er geht zurück auf zwei Bäche, die in zwei "Neigen" ins Tal flossen. Eine Ähnlichkeit zur Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen, die heute als rassistisch gilt, ist also rein zufällig. Müssten solche Orte im 21. Jahrhundert nicht trotzdem umbenannt werden? "Straßen kann man vielleicht umbenennen, aber bei Orten geht das nicht so einfach", erklärt Casemir im DW-Gespräch. "Die sind in der Regel zu festgeschrieben und zu lange im Gebrauch, als dass man sie ändern kann."

Mitarbeit: Hilke Fischer

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