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Welt

Afrika lässt Umweltverpester zahlen

Die Industrienationen verpesten die Luft und treiben den Klimawandel voran - die Rechnung dafür zahlt Afrika. Die kongolesische Firma Novacel tritt als erstes Privatunternehmen in den Emissionshandel ein.

+++CC/Karl Ammann,Rettet den Regenwald e.V.+++ http://www.flickr.com/photos/regenwald/391146595/sizes/l/in/photostream/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/deed.de aufgenommen am 1.1.2001, geladen am 25.10.2010 Kongobecken, Ruanda

Abholzung im Kongobecken

Gauthier Tshikayas Blick schweift über tausende Hektar Hochland: Abgerutschte Hänge, Kahlschlag und kein Baum mehr weit und breit. Tshikaya hat der Abholzung den Kampf angesagt. Er seufzt und holt tief Luft: ”Manchmal fühlt es sich so an, als ob es zu spät sei. Wir müssen rasch handeln“.

Das Bateke Plateau liegt nur 150 km östlich von Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Auf der Hochebene leben mehrere tausend Menschen, die Subsistenzwirtschaft betreiben. Aber sie versorgen auch die Sieben-Millionen-Metropole Kinshasa, die nur unzuverlässig Strom erhält, mit Holzkohle. Die Folge: kahl gerodete Savannen, Erosion und karge Böden.

Agroforstwirtschaft für den Klimaschutz

Maniokmehl ein Grundnahrungsmittel im Kongo Foto: D.Wittek

Maniokmehl ein Grundnahrungsmittel im Kongo

Der traditionelle Chef des auf dem Plateau lebenden Clans, Olivier Mushiete, ein studierter Agrarökonom, entschied, dass es so nicht weitergehen könne. Agroforstwirtschaft soll nun den bitterarmen Menschen auf dem Plateau eine nachhaltige Perspektive bieten, gegen den Klimawandel ankämpfen und zudem dem eigens gegründeten Unternehmen Novacel Geld einspielen. Finanzdirektor Tshikaya erklärt das Prinzip des Projekts: aufforsten und gleichzeitig Landwirtschaft betreiben. Die Methode sei ganz einfach, so Tshikaya: “Wir pflanzen eine Reihe Maniok und eine Reihe schnellwachsender Akazien, die besonders gut Kohlendioxid binden.“ Nach fünf bis sieben Jahren werden die Akazien gefällt und zu Holzkohle verarbeitet. “Ich nenne sie nachhaltige Holzkohle, weil die Akazie nachwachsen kann“, sagt der Finanzdirektor.

Auf 8000 Hektar Land wirtschaftet das Ibi-Projekt - strikt nach dem Kyoto Protokoll. In den nächsten 30 Jahren, so rechnet Tshikaya vor, werden die Akazien von Ibi rund 2,4 Millionen Tonnen Kohlendioxid binden. Dafür erhält das Unternehmen Gutschriften - sogenannte Emissionszertifikate, die bei europäischen Umweltverpestern, die ihr erlaubtes Kontingent an Verschmutzung aufgebraucht haben, begehrt sind.

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Afrika mit seinen geringen CO2-Emissionen als Region weltweit am wenigsten zur Erderwärmung und zum Klimawandel beigetragen hat, jedoch am meisten davon betroffen ist. Doch bei Ibi Bateke können die Treibhausgasproduzenten durch den Kauf von Zertifikaten ihre Luftverpestung wieder ausgleichen. Den Profit streichen die kongolesischen Geschäftsleute des Unternehmens Novacel ein.

Erfolgskonzept

Dorfälteste in ihren gedeihenden Maniok Feldern. Foto: D.Wittek

Dorfälteste in ihren gedeihenden Maniok Feldern

80 Prozent der künftigen Emissionszertifikate aus dem Ibi-Projekt im Kongo sind bereits verkauft: unter anderem an den BioCarbon Fund der Weltbank, an Frankreichs Getränke- und Lebensmittelkonzern Danone, an Orbeo, ein Unternehmen, das mit Zertifikaten handelt, und an die französische Bank Societé Générale. “Unser Traum ist, dass dieses Pilotprojekt eine Erfolgsgeschichte für andere wird“, so Finanzdirektor Tshikaya. Er hofft, dass in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) ähnliche Projekte gestartet werden. Mit Nachdruck sagt er: “Dies ist Teil der Lösung gegen den Klimawandel“. Weiter rechnet er vor: Wenn es im ganzen Land 600 weitere Projekte dieser Größenordnung gäbe, könnte genug Holzkohle für den kompletten Kongo produziert werden. “Dann wären wir einen gewaltigen Schritt weiter im Kampf gegen Treibhausgase und das Abholzen von Regenwald“, meint Tshikaya.

Nachahmer gibt es bereits

Afrikas erstes privates vom Kyoto Protokoll anerkanntes Emissionshandelsprojekt hat bereits Nachahmer gefunden. Ähnliche Unternehmen finden sich unter anderem in Uganda und Nigeria. Auch sie wollen in den nächsten Jahren Zertifiktate auf den Markt bringen.

Dank zahlreicher Workshops stehen auch die Dorfbewohner der Hochebene hinter dem Zwei-Millionen-Euro-Projekt. Ihre eigenen kleinen Äckern bepflanzen sie inzwischen nach der Methode des Ibi-Projekts. Frank Estelle, einer der Dorfältesten, glaubt, dass sie damit die Zukunft ihrer Kinder und der nächsten Generationen weltweit ebnen: “Wir pflanzen Bäume an, die Sauerstoff für unsere Kinder, alle Kongolesen, Europäer, sogar Amerikaner produzieren.“

Positive Effekte für Anlieger

Maniokverarbeitung: Arbeitsplätze für die Frauen im Dorf. Foto: D.Wittek

Maniokverarbeitung: Arbeitsplätze für die Frauen im Dorf

Bereits jetzt, so das Urteil des Dorfältesten, zeige Ibi positive Auswirkungen für die Dorfgemeinschaften, denn das heimische Klima habe sich schon verändert: “Nachdem alles abgeholzt war, wurde es heißer und trockener. Wir konnten kaum noch etwas anbauen.“ Nicht einmal Erdnüsse wuchsen mehr, erzählt Estelle. Holzkohle für den Verkauf in Kinshasa konnten sie ohne Wald auch nicht mehr herstellen. Sie hatten keinerlei Einkommen mehr. Dank des Anbaus von Akazien und Maniok hätten sie nun aber wieder genug zu Essen und könnten sogar Überschüsse produzieren. Die Maniokwurzeln werden zu Mehl verarbeitet, das verkauft wird. Estelle freut sich: “Mit dem Geld können wir unsere Kinder zur Schule schicken und uns statt Strohhütten richtige Häuser leisten.“ Außerdem sei das Klima wieder milder, da die Bäume Schatten spenden.

Wiederherstellung von einheimischem Regenwald

Gauthier Tshikaya Finanzdirektor will einen Teil des Landes in seinen Ursprungszustand zurückversetzen. Foto: D.Wittek

Gauthier Tshikaya will einen Teil des Landes in seinen Ursprungszustand zurückversetzen

Das 2008 gestartete Ibi-Projekt scheint ein Erfolgsprojekt zu werden. Zusätzlich zur Agroforstwirtschaft versucht das Ibi-Team auf zehn Prozent der Projektfläche wieder indigene, hochwertige Tropenhölzer anzupflanzen. Die Methode entspreche der der Agroforstwirtschaft: Tropenhölzer werden von einem Ring Maniok und Akazien beschützt, bis zur Ernte von Akazien und Maniok. Aber dann ist der tropische Baum stark genug, alleine zu stehen. “Wir bezeichnen dies als unterstützte natürliche Regeneration“, sagt Finanzdirektor Tshikaya, denn einmal abgeholzten Regenwald wiederherzustellen sei nun mal unmöglich. Seine Hoffnung sei dennoch, dass auf dem Plateau in 20 bis 30 Jahren wieder ein möglichst ursprünglicher Wald entsteht.

Landwirtschaft, Aufforstung und Emissionshandel in einem - ein Erfolgskonzept von dem alle zu profitieren scheinen: das kongolesische Unternehmen Novacel, die auf dem Plateau lebende Bevölkerung und das Klima.