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Kultur

"Afrika hat ein Imageproblem"

Die Wirtschaft in Afrika entwickelt sich nur langsam. Können in Europa ausgebildete Afrikaner diese Entwicklung beschleunigen? Ein Interview mit dem ruandischen Wirtschaftsförderer Alexis Ruzibukira.

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"Entwicklungshelfer" Alexis Ruzibukira

DW-WORLD.DE: Sie haben in Deutschland Betriebswirtschaft studiert und sind dann nach Ruanda zurückgekehrt. Welche in Deutschland erworbenen Qualifikationen helfen Ihnen bei Ihrem Job bei der Ruanda-Investment, einer staatlichen Agentur für Wirtschaftsförderung, besonders?

Alexis Ruzibukira: Es war wirklich hilfreich in Deutschland gewesen zu sein. Die deutsche Pünktlichkeit, die Zuverlässigkeit, die Zielstrebigkeit - das hat sich mir eingeprägt. Und beim Studium habe ich gelernt, analytisch an Sachen heranzugehen.

Inwiefern profitieren Länder wie Ruanda von Spitzenkräften wie Ihnen, die im Ausland ausgebildet wurden?

Uns fehlen die Fachkräfte, die Erfahrung im Ausland gesammelt haben - ob nun in Deutschland oder in anderen hoch entwickelten Ländern. Es gibt zwar viele Afrikaner, die ins Ausland gehen, aber sie bleiben dann auch da. Wenn sie wenigstens für eine gewisse Zeit in ihr Heimatland zurückkommen würden, und mit ihrem Know-How zur Entwicklung der afrikanischen Länder beitragen, das würde uns helfen. Aber das hängt vom Patriotismus jedes Einzelnen ab, ob er sich "opfern" will und zurückkehrt, statt immer nur zu meckern, dass es hier nicht vorwärts geht. Mein Rat an Kollegen die noch im Ausland sind: Sie sollen das Know-How lernen, und es dann in ihren Heimatländern anwenden und weitergeben.

Haus in Ruanda

Ruanda-Invest soll Geld ins Land holen

Werden die im Ausland qualifizierten "Eliten" in ihren afrikanischen Heimatländern ausreichend gefördert und unterstützt?

Es gibt keine richtigen Programme, um die im Ausland ausgebildeten "Eliten" zu fördern, und auch keine Mechanismen, die es ihnen leichter machen, wieder zurückzukommen. Das einzige, was wir in Ruanda haben, ist eine Abteilung im Außenministerium, die zuständig für die Diaspora ist. Die ist jederzeit kontaktierbar. Außerdem gibt es jedes Jahr eine Konferenz zwischen der ruandischen Regierung und den Diaspora-Vereinigungen. Es ist bei uns aber sicherlich nicht wie in Deutschland. Wenn da ein Entwicklungshelfer nach zwei Jahren aus der dritten Welt wiederkommt, dann kriegt er erst mal eine Überbrückungszeit, um sich wieder in Deutschland zu "integrieren". Das gibt es bei uns so nicht.

Wäre es nicht sinnvoll, dass Entwicklungshilfeorganisationen nicht nur Deutsche einsetzen, sondern auch Afrikaner, die in Europa studiert haben?

Absolut. Ich habe noch nie verstanden, warum deutsche Entwicklungshilfeagenturen immer auf deutsche Entwicklungshelfer setzen. Ich habe mich auch bei mehreren deutschen Organisationen beworben und wurde immer abgelehnt. Warum weiß ich nicht. Es wäre doch viel effektiver, wenn einheimische Entwicklungshelfer eingesetzt würden. Die Einheimischen kennen die Gegebenheiten ihrer Länder, das System, die Menschen und die wichtigen Ansprechpartner.

Wo sehen sie die Möglichkeiten für afrikanische Wirtschaftssysteme, auf dem Weltmarkt mithalten zu können oder zu kooperieren?

Ich denke man sollte uns einfach die Möglichkeiten geben. Wir sind wirtschaftlich schwach entwickelt, wir können nicht mit den Europäern oder den Chinesen konkurrieren. Man sollte uns trotzdem in Abkommen einbinden. Das AGOA-Abkommen, Africa Growth and Opportunity Act, ist ein Angebot der USA an afrikanische Staaten, Waren zollfrei nach Amerika zu exportieren. Meist sind das Textilien. Dieses Abkommen ist sehr vorteilhaft für Afrika, denn da sind wir viel konkurrenzfähiger als die Chinesen oder andere wirtschaftlich besser entwickelte Länder. Und ich könnte mir vorstellen, dass das Abkommen auf längere Sicht auch helfen könnte, Investitionen zu fördern. Amerikanische Firmen könnten nach Afrika kommen und hier ihre Fabriken bauen, um hier für andere Märkte zu produzieren. Das schafft Arbeitsplätze und bringt Devisen für die Entwicklungsländer.

Welche wirtschaftlichen Beziehung gibt es bereits zwischen Ruanda und Europa, speziell zwischen Ruanda und Deutschland?

Alle wirtschaftlichen Beziehungen, die wir mit Europa haben, laufen über das EU-ACP- economic partnership agreement. Ein Abkommen zwischen der EU und den afrikanischen, Karibik- und Pazifik-Staaten. In diese Partnerschaft ist auch Deutschland integriert. Und wir haben seit Jahren partnerschaftliche Beziehungen zum Bundesland Rheinland-Pfalz auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Es gibt zum Beispiel Schulpartnerschaften, Beziehungen zwischen Gemeinden, Krankenhäusern und Kirchen. Und darüber hinaus besteht sogar eine Handelsvereinbarung. Die wollen wir demnächst ausbauen, und unsere Produkte direkt nach Rheinland-Pfalz exportieren und dort verkaufen.

Wo sehen Sie die größten Herauforderungen für Afrika, sich wirtschaftlich zu entwickeln und international zu integrieren?

Ich glaube Ruanda - Afrika insgesamt - hat ein Imageproblem. In Europa sieht man uns immer noch als schreckliches, verhungerndes, armes Afrika. Aber über die afrikanischen Erfolgsgeschichten weiß keiner was, die werden ja auch nie erwähnt. Ruanda zum Beispiel ist jetzt besser dran als vor dem Genozid. Wir haben eine bessere Infrastruktur, die Armuts- und Aidsbekämpfung geht voran. Und wir haben inzwischen eine gute Regierung. Diese Sachen werden nie gezeigt. Wenn die Europäer Ruanda hören, denken sie zuerst an Genozid und Krieg - das ist auch in Asien und Amerika so. Das schlechte Image ist Afrikas größtes Problem. Wenn es uns gelingt zu zeigen, dass es Afrika besser geht, dass es sich weiterentwickelt hat, dass auch mal positive Sachen berichtet werden, dann werden sich vielleicht auch mehr Investoren für afrikanische Länder interessieren.

Die positiven Beispiele für die Entwicklung in Afrika müssen also in Europa durch die Medien stärker publik gemacht werden, um die Investoren auf den Geschmack zu bringen?

Genau so ist das. Wir haben viel zu bieten. Wir haben alles - Bäume, Gold, Petroleum, gute Handwerker, Künstler und Musik. Wir wollen einfach, dass man nicht immer nur die schlechten Nachrichten aus Afrika zeigt, sondern auch mal die guten. Wenn man zum Beispiel heutzutage von Deutschland nach Ruanda fliegen wird, sagt einem der Arzt, dass man zig Impfungen braucht - das stimmt aber gar nicht. Das sind alte Informationen, die längst nicht mehr gültig sind.

Wo sehen sie Ihr Land in fünf bis zehn Jahren?

Wir wollen, das unser Pro-Kopf-Einkommen bis zum Jahr 2020 von aktuell 225 auf 900 Dollar steigt. Und laut Statistik sind wir auf einem guten Weg, das auch zu schaffen. Wir sehen unser Land als Brücke für den Wirtschaftsraum "Great Lakes Region". Denn von Kigali aus ist man in zwei Stunden im Kongo, in Tansania, oder in Uganda. Ich bin zuversichtlich, dass wir das hinkriegen. Die Rahmenbedingungen sind gut, wir haben eine sehr gute Regierung - die den Privatsektor fördert. 2010 sehe ich Ruanda als Musterbeispiel für Frieden und Konfliktlösungen. Ich war 1994 hier, das war die Hölle. Hier war überhaupt nichts. Aber heute, zehn Jahre später, sind die Straßen sauber, man kann Tag und Nacht rausgehen, ohne dass einem was passiert. Die Sicherheit ist gewährleistet. Das ist ein Fundament, auf das man bauen kann.

Alexis Ruzibukira kam 1988 als Flüchtling nach Deutschland. Er bekam eine Aufenthaltsgenehmigung und studierte in Köln Betriebswirtschaft. Im Juni 2004 kehrte der 38jährige in sein Heimatland Ruanda zurück. Heute ist Ruzibukira stellvertretender Generaldirektor der "Ruanda-Investment and Export Promotion Agency" - einer staatlichen Agentur, die die Wirtschaft fördern und ausländische Investoren ins Land holen soll.

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