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Asien

Afghanistans Journalisten unter Druck

Seit dem Sturz der Taliban 2001 erlebt Afghanistan einen Boom im Mediensektor. Doch Gewalt gegen Journalisten und der bevorstehende Abzug der internationalen Truppen bedrohen die neue Freiheit.

In Herat demonstrieren Journalisten und Aktivisten der afghanischen Zivilgesellschaft vor dem Gebäude der lokalen Regierung (Foto: DW)

Bildergalerie Afghanistan Gewalt gegen Journalisten

Die heutige Medienlandschaft Afghanistans ist in der Geschichte des Landes ohne Beispiel: Die Menschen erhalten Informationen von 200 Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen, 44 Fernsehsendern, 140 Radiosendern und acht Nachrichtenagenturen. Während der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 hatte es neben "Radio Scharia" keine weiteren Medien im Land gegeben. Seit dem Sturz der Gotteskrieger ist die Medienlandschaft aufgeblüht - nicht zuletzt durch die schützende Präsenz und die finanzielle Unterstützung westlicher Staaten. Doch nun ist sie wieder in Gefahr.

Taliban-Angriffe nehmen zu

Im Krankenhaus in Herat: ein verletzter Journalist (Foto: DW)

Reporter Ali Asghar Yacubi hat überlebt

Erst kürzlich schossen Unbekannte in der westlichen Stadt Herat auf einen Journalisten. Ali Asghar Yacubi war gerade in seinem Auto unterwegs, als zwei vermummte Männer ihn auf einem Motorrad verfolgten und das Feuer eröffneten. Yacubi, der für ein lokales Radio in Herat arbeitet, wurde ins Krankenhaus gebracht. Er überlebte den Schuss in die Brust.

Die Gewalt gegen afghanische Journalisten habe extrem zugenommen, beklagen Medienmacher. Urheber seien hauptsächlich die Taliban, die immer  wieder afghanische Journalisten, vor allem Frauen, angreifen. Die Aufständischen kritisieren "unislamische" Inhalte, also eine Berichterstattung, die ihrer islamistischen Ideologie zuwider läuft. Journalisten werfen der Regierung und den Behörden vor, solchen Verletzungen der Pressefreiheit in Afghanistan tatenlos zuzuschauen. Auch im Fall Yacubi habe sich die Polizei nicht um eine Verfolgung der Täter gekümmert.

In Herat demonstrierten daher kürzlich Dutzende von Journalisten und Aktivisten der afghanischen Zivilgesellschaft  vor dem Gebäude der lokalen Regierung. Sie trugen schwarzes Klebeband über dem Mund und  forderten auf Transparenten den Schutz der Meinungs- und Pressefreiheit in Afghanistan.

"Schwerwiegende Folgen"

Demonstration in Kabul. Auf dem Transparent steht: Wir verurteilen Gewalttaten gegen Reporter (Foto: DW)

Journalisten protestieren in Kabul gegen die Einschränkung der Pressefreiheit

"Wenn die Regierung nichts zum Schutz der Journalisten unternimmt, wird sich die Gewalt gegen Medienmacher weiter verschlimmern", befürchtet der Journalist Shapoor Saber. Das werde schwerwiegende Folgen für die Medien haben: "Die Journalisten können dann nicht mehr frei berichten, sie sind gezwungen, Selbstzensur zu betreiben - darunter leidet die Qualität der Berichterstattung."

Zwar setzen sich einzelne lokale Organisationen für die Rechte von Journalisten ein. Aber sie stehen ziemlich alleine da. Das "Zentrum für den Schutz von afghanischen Journalisten" ist eine davon: "Allein im April haben wir bereits acht Angriffe auf afghanische Journalisten registriert, davon vier in der Provinz Herat. Unbekannte schlugen auf Journalisten ein, und auf Ali Asghar Yacubi wurde sogar geschossen", sagt Khalil Amiri, Vorsitzender der Vereinigung. "Hinzu kommen etliche Drohungen, mit denen sich die Journalisten von Medienunternehmen und Nachrichtenagenturen tagtäglich konfrontiert sehen."

Zensur durch Politiker und Geistliche

Mullah Khaliqdad und Mullah Abdul Hosain, Mitglieder des afghanischen Religionsrates (Foto: DW)

Angehörige des nationalen Religionsrates üben Einfluss auf Berichterstattung aus

Die internationale Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) beobachtet diesen Trend zur Gewalt gegen Journalisten in Afghanistan schon seit einiger Zeit. Benjamin Ismail, ROG-Regionalreferent für Asien, sieht die Verantwortung dafür jedoch nicht nur bei den Taliban: "Auch afghanische, lokale Behörden, Polizei oder sogar Regierungsvertreter setzen die Journalisten unter Druck. Einzelne Politiker greifen zum Beispiel zur Zensur, um die Verbreitung eines 'negativen Image' zu verhindern."

Auch islamische Gelehrte üben indirekt - über die Regierung - Einfluss auf die Berichterstattung aus, so Ismail. Vor kurzem erst erließ Präsident Hamid Karsai auf Druck der Ulama, dem nationalen Religionsrat, ein Dekret, das die Ausstrahlung "unislamischer und obszöner" Fernsehsendungen verbietet. "Es ist nicht das erste Mal, dass unter dem Vorwand des Islam die Pressefreiheit eingeschränkt wird", so Ismail. "Solche Vorfälle häufen sich in den letzen Jahren. Sie untergraben die afghanische Demokratie."

Furcht vor Truppenabzug

Ein afghanischer Journalist filmt afghanische Soldaten und Taliban (Foto: EPA)

"Unter dem westlichen Truppenabzug wird die Arbeit der Journalisten leiden"

Im Pressefreiheits-Index  von "Reporter ohne Grenzen" landete Afghanistan im Jahr 2013 auf Platz 128. "Das ist verglichen zu den Nachbarstaaten relativ gut", sagt Benjamin Ismail. Iran belegt Platz 174 und Pakistan Platz 159. Jedoch warnt der Asien-Experte von "Reporter ohne Grenzen" vor zuviel Optimismus und blickt eher skeptisch in die Zukunft: "Der Abzug der internationalen Truppen im Jahr 2014 ist ein großes Problem für die Medien in Afghanistan." Der Grund: Sie finanzieren sich hauptsächlich über Hilfsgelder der internationalen Gemeinschaft. 

"Mit dem Abzug wird auch die finanzielle Unterstützung versiegen", prognostiziert Ismail. "Die afghanischen Medien werden als erste den Abzug und mögliche Konsequenzen, wie zum Beispiel eine Rückkehr der Taliban an die Macht, spüren."  Erste Anzeichen zeigten sich bereits Anfang des Jahres: Zwei Medienunternehmen mussten aufgrund von fehlenden Geldern schließen, und es wurden 30 gewalttätige Angriffe auf Journalisten registriert. Für die Entwicklung der Medien in Afghanistan sind das keine guten Vorzeichen.

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