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Asien

Afghanistans Bildungskrise ist weiblich

Die NATO bereitet den Abzug ihrer Kampftruppen vor. Ab 2014 sollen die Afghanen selber für Sicherheit und Ordnung sorgen. Aber das setzt voraus, dass es ausreichend gebildete Bürger gibt, die den Staat tragen können.

Die Schülerinn einer Grundschule in Laghman, Afghanistan, malt ein Bild (Foto: DW)

Ein Schulbesuch ist in Afghanistan für Mädchen keine Selbstverständlichkeit

"Eine wichtige Voraussetzung für die Zukunft eines stabilen und sicheren Afghanistans ist der Aufbau eines gerechten und nachhaltigen Bildungswesens", lässt die Bundesregierung über ihr Online-Portal verkünden. Dort findet sich auch der aktuelle "Fortschrittsbericht Afghanistan". Danach hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bislang "rund 70 Millionen Euro zur Stärkung des afghanischen Bildungssektors investiert". Weitere 29,5 Millionen Euro seien in die berufliche Bildung geflossen. Das Auswärtige Amt habe seit 2002 "über 30 Schulen aus Mitteln des Stabilitätspakts neu gebaut und Hunderte von Schulen mit Ausstattungsmaterial, Zelten sowie kleinen Baumaßnahmen unterstützt." Außerdem weist die Bundesregierung auf die Partnerschaften zwischen deutschen und afghanischen Universitäten hin.

Das Recht auf Bildung

Nach Angaben der Vereinten Nationen hat sich die Zahl der afghanischen Schulkinder seit dem Sturz der Taliban vor knapp zehn Jahren mehr als versiebenfacht - von damals rund 900.000 auf heute sieben Millionen. Es gibt neue oder sanierte Schulen und Universitäten. Es gibt neue Straßen und Stromleitungen. Vor allem die Hauptstadt Kabul boomt. Das Land hat eine neue Verfassung und gewählte Volksvertreter.

Doch eine "andere Messlatte für Demokratie ist die Gleichberechtigung von Frauen", sagt Sima Samar. Die Vorsitzende der Unabhängigen Afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) sieht die Entwicklung ihres Landes skeptisch. "Ohne gleiche Rechte für Frauen gibt es keine Demokratie." Und ohne das Recht auf Bildung für Frauen könne sich das Land nicht nachhaltig entwickeln, was sich auch an der weiterhin dramatisch hohen Mütter- und Kindersterblichkeit ablesen lasse. Nach UN-Angaben stirbt jede elfte Frau während der Schwangerschaft oder durch die Geburt. Jedes fünfte Kind stirbt noch vor dem fünften Lebensjahr. Viele Todesfälle könnten nach Meinung der promovierten Medizinerin Sima Samar durch eine entsprechende Grundbildung verhindert werden.

Drei Frauen mit Burka vor einer Mauer aus Lehm (Foto: dpa)

Bis heute leben Frauen in der patriarchalisch geprägten Stammesgesellschaft im Schatten der Männer

Unsichtbar hinter hohen Mauern

Doch Bildung für Frauen hat in Afghanistan keine Tradition. Als die Taliban das Land regierten, war Bildung für Frauen offiziell verboten. Die neue afghanische Verfassung von 2004 garantiert den Frauen zwar Gleichberechtigung und das Recht auf Bildung. Aber die Realität sieht vor allem auf dem Land weiterhin ganz anders aus. Afghanistans patriarchalisch geprägte Stammesgesellschaft wird durch kulturelle und religiöse Vorstellungen so verstärkt, dass Männer wie selbstverständlich über Frauen bestimmen. Mehr als 30 Jahre Dauerkrieg haben für große Armut, chronische Unterentwicklung und hohe Mauern gesorgt, hinter denen Frauen fast unsichtbar leben.

Zwar gehen inzwischen rund 2,5 Millionen Mädchen zur Schule, aber die allermeisten dürfen nur die Grundschule besuchen. Kommen sie in die Pubertät, sind sie bis zur Hochzeit an das väterliche Haus gebunden. Die Familienehre, das Familieneinkommen, der gesellschaftliche Druck, die Länge des Schulwegs und die Sicherheitslage entscheiden über die Dauer ihres Schulbesuchs. Afghanische Mädchen werden traditionell sehr früh verheiratet. Nur zehn Prozent besuchen eine weiterführende Schule, bei den Jungen sind es etwa 21 Prozent. In drei Vierteln aller afghanischen Distrikte gibt es bis heute keine weiterführenden Schulen für Mädchen.

Stagnierende Bildung

Sima Samar von der afghanischen Menschenrechtskommission macht die anhaltende Gewalt und neue internationale Prioritäten dafür verantwortlich, dass "der Bildungssektor stagniert". Zu Beginn ihres Engagements sei es der internationalen Gemeinschaft auch darum gegangen, "die Frauen in Afghanistan zu ermächtigen und die Menschenrechte zu schützen". Doch heute gehe es um "eine schnelle Versöhnung ohne klare Vorbedingungen, ohne klare Verantwortung, ohne Gerechtigkeit und Transparenz, und ohne den besonderen Schutz der Frauen", sagt Sima Samar. "Heute geht es darum, mit den Taliban zu verhandeln."

UNICEF-Schule für Mädchen in Afghanistan (Foto: UNICEF)

Für die große Mehrheit der Mädchen, die überhaupt zur Schule gehen dürfen, endet der Bildungsweg nach der Grundschule

Nach Angaben des afghanischen Bildungsministeriums können nur 12 Prozent aller Frauen über 15 Jahre lesen und schreiben. Bei den Männern sind es 43 Prozent. Die nationale Alphabetisierungsrate liegt bei 28 Prozent.

Lieber Fahrer statt Lehrer

Doch auch die Jungen leiden darunter, dass die Hälfte der rund 12.000 Schulen im Land bis heute reine Provisorien sind. Der typische Unterricht findet in überfüllten Klassen auf dem Fußboden statt. Mädchen und Jungen werden getrennt voneinander im Schichtbetrieb unterrichtet, oft weniger als vier Stunden am Tag. Es gibt nicht genug Lehrmaterial, viele Bücher sind veraltet. Die Lehrer sind in der Regel schlecht ausgebildet, weniger als 20 Prozent haben studiert. Viele sind demotiviert, weil sie schlecht bezahlt werden. Rund 70 Prozent aller Lehramtsstudenten, die 2009 ihren Abschluss an der Universität für Bildung in Kabul gemacht haben, arbeiten heute für ausländische Hilfsorganisationen - nicht als Lehrer, sondern als Bürokraft, Übersetzer oder Fahrer, weil sie damit besser verdienen.

In den besonders umkämpften Gebieten im Süden und Osten des Landes ist an einen regulären Schulbetrieb längst nicht mehr zu denken. Fast zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban geht es für viele Afghanen zu allererst weiter um das Recht auf Leben. Damit bleibt die Frage offen, auf welchem Fundament das neue Afghanistan gebaut werden soll.

Autorin: Sandra Petersmann
Redaktion: Esther Felden