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Asien

Afghanistan in Gefahr

Anschläge in Kabul, neue Kämpfe in diversen Provinzen Afghanistans: Tag für Tag belegen Nachrichten, dass das Land am Hindukusch längst noch nicht befriedet ist. Wenig Fortschritt, viele Rückschläge, meint Günter Knabe.

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Das Alltagsleben in Kabul wirkt friedlich und normal. Zumindest in Teilen der afghanischen Hauptstadt und bei Tag. In anderen Teilen sieht die Stadt ganz anders aus. Mehrere große Stadtviertel im Westen sind ein einziges Ruinenfeld. Aber die Lebenskraft der Afghanen scheint ungebrochen. Hilfe erhalten sie von Dutzenden ausländischer privater und staatlicher Organisationen auf ihrem Weg in die neue Normalität. Da hat es auch schon einigen Fortschritt gegeben. Das ist erfreulich, aber alles in allem bis jetzt noch sehr bescheiden und vor allem weitgehend auf die Hauptstadt beschränkt.

Obendrein ist das wenige an Wiederaufbau gefährdet. Das scheinbar normale Kabuler Alltagsleben wird zunehmend unterbrochen durch Mordanschläge und Bombenexplosionen. Der Schein der Normalität weicht Nervosität, steigender Spannung und zunehmender Verunsicherung.

Auch die 4500 Soldaten der ISAF (International Security Assistance Forces) sind offenkundig nicht imstande, für wirkliche Sicherheit in der Hauptstadt zu sorgen. Ihr Mandat ist ohnehin auf Kabul beschränkt. Die Macht von früheren Mudschahedin-Kommandanten und jetzigen Provinz-Fürsten und die sehr einträgliche Rauschgift-Produktion können sie in keiner Weise beenden oder auch nur eindämmen.

Das kann erst recht nicht die Übergangsregierung unter Präsident Hamid Karsai. Auch seine Macht, wenn er denn überhaupt eine hat, reicht nicht über Kabul hinaus. Fast alle wichtigen Positionen in seiner Regierung sind besetzt von Tadschiken, die als Sieger über die Taliban den Löwenanteil der Macht für sich beanspruchen. Das macht Karsai bei den Paschtunen, zu denen er selbst gehört, immer unbeliebter. Sie werfen ihm vor, dass sie als größte ethnische Gruppierung im Vielvölkerstaat Afghanistan kaum mehr Einfluss haben. Karsai ist umgeben von Tadschiken und wird beschützt von Amerikanern. Diese ausländische Leibwache schmerzt die Afghanen, die so stolz waren auf ihre Unabhängigkeit, und so etwas stärkt die Fundamentalisten. Deren Gedankengut beeinflusst noch immer unzählige Afghanen, auch wenn die Taliban weitestgehend vertrieben sind.

Der Kampf gegen diese abschreckenden Ideen in den Köpfen ist weitaus schwieriger als der militärische Kampf gegen die Taliban und das Al-Kaida-Netzwerk, auf den sich die Amerikaner noch immer konzentrieren. Dabei beweisen Angriffe auf die US-Spezialtruppen und das Entdecken von immer neuen Waffenlagern in den Provinzen an der Grenze zu Pakistan fast täglich, dass dieser Kampf noch andauert. Und so lange muss, nach Meinung der Amerikaner, der zivile Wiederaufbau in den Provinzen hintanstehen.

Die amerikanische Regierung macht auch keinen Hehl mehr daraus, dass nach der Beseitigung der Taliban und der Zerstörung des El-Kaida-Netzwerks wieder die Interessen in den Vordergrund treten werden, die Afghanistan vor dem 11. September für Amerika wichtig gemacht hatten: Es ist der sichere Zugang zu den riesigen Erdgas- und Erdölreserven im nördlichen Nachbarstaat Turkmenistan.

Wenn Washington sich aber nur um die militärischen Aspekte in Afghanistan kümmert und einzig darauf setzt, mit Waffengewalt den Kampf in Afghanistan zu gewinnen, dann ist das gefährlich zu kurz gedacht. Der Kampf um ein dauerhaft stabiles Afghanistan wird in den Köpfen der Afghanen entschieden. Wenn die Mehrheit von ihnen nicht für den materiellen Wiederaufbau und die Schaffung einer zivilen Gesellschaft in Afghanistan gewonnen werden kann, dann sind auch Amerikas Pläne einer Ölpipeline durch Afghanistan gefährdet. Die bisherigen kleinen Fortschritte beim Wiederaufbau Afghanistans würden vernichtet. Die zahlreichen Rückschläge würden sich zu einem Rückfall in Bürgerkrieg und Chaos verdichten und alles, was bisher auch mit Geld und Unterstützung aus Deutschland und Europa erreicht wurde, würde zunichte gemacht.