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Afghanistan

Afghanistan - Es gibt keine sicheren Gebiete

Die Taliban haben sich zu dem tödlichen Anschlag auf das deutsche Konsulat in Masar-i-Scharif bekannt. Afghanistan wird erst dann sicher, wenn es eine politische Lösung gibt, sagt Afghanistan-Experte Thomas Ruttig.

DW: Warum war gerade das deutsches Konsulat Ziel des Attentats?

Ruttig: Man könnte leicht zynisch sagen, dass es relativ spät zum Ziel geworden ist, vor allem wegen der Begründung, die die Taliban nachgeschoben haben, nämlich dass die Bundeswehr auch schon vorher eine Rolle in den militärischen Missionen, bei ISAF und jetzt bei Resolute Support, gespielt hat. Aber bei den Taliban gab es auch immer den Gedanken, der unter allen Afghanen weit verbreitet ist, dass die Deutschen etwas Besonderes sind, und das hat damit zu tun, dass es vor all den Kriegen sehr gute, konstruktive, friedliche Beziehungen gab. Das hat lange vorgehalten. Aber in den letzten Jahren ist der Krieg weiter eskaliert.

Die Taliban haben den Anschlag sogar ausdrücklich damit begründet, er sei ein Racheakt auf amerikanische Luftangriffe auf Kundus gewesen, bei denen auch zahlreiche Zivilisten ums Leben gekommen sind. Das heißt, die Deutschen werden in Mithaftung genommen, weil sie Teil der ausländischen Truppen sind?

Ja, auf diesen Vorfall bezog sich das. Aber wir erinnern uns, dass es 2009 den großen Angriff auf die zwei entführten Tanklastwagen gab, der von einem deutschen Kommandeur angeordnet wurde. Danach hat es keine Racheaktionen gegeben. Deswegen sage ich: Die Taliban haben sich die Deutschen relativ spät als Ziel ausgesucht.

Thomas Ruttig (picture-alliance/dpa/AAN)

Thomas Ruttig: Die Deutschen waren lange etwas Besonderes

Wo haben die Taliban das Sagen und wo die Regierung? Und welche Veränderungen gibt es?

Das hat sich im Laufe der Jahre immer mehr in Richtung der Taliban verschoben. Der Krieg in Afghanistan ist ja ein asymmetrischer Krieg, der zu großen Teilen mit Guerillamitteln, mit terroristischen Mitteln von seiten der Taliban und anderer aufständischer Gruppen geführt wird. Erst in letzter Zeit haben sich auch feste Frontlinien entwickelt, aber längst nicht überall im Land, so dass es schwer ist, in Prozenten zu sagen, wer was kontrolliert. In vielen Gegenden gibt es sehr breite Grauzonen, wo niemand ständig eine Gegend kontrolliert. Und es ist alles im Fluss.

Das Ziel der NATO ist es, dass die afghanischen Sicherheitskräfte das Land selbst stabilisieren können. Deuten die Luftangriffe der Amerikaner darauf hin, dass die NATO-Truppen wieder verstärkt eingreifen, vielleicht eingreifen müssen?

Beides trifft zu, sie greifen ein und sie müssen auch eingreifen. Die Amerikaner, die in Afghanistan die wichtigste Rolle spielen, haben unter Obama versucht, das zurückzufahren. Aber seit Anfang des Jahres kehrt sich das wieder um. Die Fortschritte der afghanischen Streitkräfte sind eben nicht hinreichend. Es reicht eben nicht zu sagen, wie viele Soldaten und Polizisten man ausgebildet hat, es kommt auch auf die Qualität an. Es gibt bei den Afghanen zwei Hauptprobleme: Das eine ist die Koordinierung zwischen den vielen bewaffneten Kräften auf Regierungsseite - Armee, Polizei, der Geheimdienst hat Kampfeinheiten - diese Einheiten machen oft, was sie wollen. Und zweitens ist es eine Frage der Moral: Fühlen diese Soldaten und Polizisten, dass diese Regierung ihre Regierung ist? In der Regierung paralysiert man sich gegenseitig mit Postenverteilungen, und man hat es nicht wirklich geschafft, die Situation im Land sozial, ökonomisch, aber auch, was die Sicherheitslage betrifft, herumzudrehen. Und das drückt auf die Moral von Soldaten und Polizisten.

Wenn alle ausländischen Truppen heute abzögen, könnte sich die heutige Regierung dann überhaupt halten?

Vielleicht könnte sie sich halten. Ein größeres Problem ist: Wenn die Soldaten gehen, geht auch das Geld. Denn es werden die Gehälter der Soldaten und Polizisten, Lehrer und Staatsangestellten immer noch zu einem Großteil aus ausländischen Mitteln bestritten. Wenn das wegfiele, würde die Regierung wahrscheinlich zusammenbrechen.

Was bedeutet die Sicherheitslage im Zusammenhang mit Flüchtlingen für die Frage, ob Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist?

Die Situation verschlechtert sich. Es gibt nicht wirklich Gebiete, die sicher sind; sie sind vielleicht eine eine Weile sicher, aber nicht auf Dauer. Außerdem gehört zur Sicherheit auch die Möglichkeit, den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können. In Europa werden Leute mit solchen Motiven ja immer als Wirtschaftsflüchtlinge abgetan. Aber wir müssen sehen, dass die schlechte sozialökonomische Lage Resultat von 40 Jahren Krieg in Afghanistan ist. Diese beiden Dinge sind schwer voneinander zu trennen. Meiner Meinung nach wäre Afghanistan erst sicher, wenn man zumindest auf dem Weg zu einer politischen Lösung wäre, und damit stehen wir erst am Anfang.

 

Thomas Ruttig ist Ko-Direktor des Rechercheinstituts Afghanistan Analysts Network.

Das Gespräch führte Christoph Hasselbach.

 

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