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Asien

Afghanistan: Erst Flohmarkt, dann Flucht

Trödelmärkte und Second-Hand-Läden platzen in Afghanistan aus allen Nähten. Flüchtlinge verkaufen ihr gesamtes Hab und Gut für einen Spottpreis, um ihre Reise nach Europa finanzieren zu können.

Als Flohmärkte und Second-Hand-Läden das letzte Mal Konjunktur hatten, tobte in Afghanistan ein Bürgerkrieg. Die bitteren Erinnerungen der 1990er-Jahre sind vielen Afghanen noch heute im Gedächtnis. Der Krieg zwang tausende von Familien, ihren Besitz zu verkaufen und in die Nachbarländer zu fliehen. Es war das erste Mal, dass eine Massenflucht aus dem Land stattfand. Heute erinnert in Kabul viel an die Situation von damals. Ein weiteres Mal erlebt Afghanistan einen Exodus - und auch diesmal herrscht ein Boom für Flohmärkte. Diesmal jedoch fliehen die Afghanen nicht nur in die Nachbarländer. Die meisten brauchen Geld für die Flucht in wirtschaftlich reichere Staaten.

Möbel, Küchengeräte und Teppiche auf einem Kabuler Trödelmarkt (Foto: H.Sirat/DW)

Möbel, Elektrogeräte, Teppiche: Fluchtwillige Familien müssen alles verkaufen - und das zu einem Bruchteil des eigentlichen Warenwertes

Als die europäischen Grenzen noch geöffnet waren, lief das Geschäft besonders gut, sagt Abdul Rauf, einer der vielen Flohmarktverkäufer. "Das waren die besten Zeiten für uns. Wir hatten das Gefühl, die ganze afghanische Bevölkerung verlässt das Land, weil so viele Menschen ihr komplettes Mobiliar verkauften. Das ging so weit, dass wir ihnen nichts mehr abkaufen konnten, weil wir gar keinen Platz mehr hatten - und uns das Geld ausging."

Egal ob Teppiche, Kühlschränke, Fernseher oder andere Haushaltswaren: In den Trödelmärkten türmen sich die Gegenstände auf. Zurückgelassene Zeugnisse zurückgelassener Leben. Es gibt kaum einen Zentimeter, der nicht belegt ist. "Außer Kleidung und einigen leichten Gegenständen nehmen die fluchtwilligen Afghanen nichts mit", sagt Shafiq, der ebenfalls Verkäufer ist. "Sie verscherbeln alles und wollen es so schnell wie möglich los werden."

Enttäuschte Rückkehrer

Betten und Kissen auf einem Kabuler Trödelmarkt (Foto:H.Sirat/DW)

Auf vielen Waren bleiben die Flohmarkthändler sitzen. Denn kaum jemand kann sich noch ganze Möbelstücke leisten.

Die Verkäufer erzählen auch von Afghanen, die ihre Häuser und Möbel übereilig zu einem Spottpreis verkauften, dann aber in Europa enttäuscht wurden. Mit leeren Taschen kommen sie zurück nach Kabul und können sich nun nicht mal die billigste und älteste Einrichtung kaufen. "Erst verkaufen sie ihre guten Möbel an uns und dann müssen sie uns alte, billige Ware abkaufen", erklärt Mansur, ein anderer Flohmarktverkäufer. "Die Leute sollten lieber genau überlegen, bevor sie sich entschließen zu flüchten."

Abdul Razaq stimmt ihm zu. Die Menschenschmuggler würden den Flüchtlingen keinen Cent übriglassen. "Ein Afghane, der aus Deutschland zurückkam, sagte mir er habe seine Möbel an uns verkauft und nun müsse er gebrauchte Möbel kaufen, weil der Schmuggler ihm sein ganzes Geld abknöpfte." Abdul Razaq zeigt auf ein neues Sofa, das in Kabul normalerweise rund 400 US-Dollar kostet. Die geflüchtete Familie verkaufte es für 40.

Unsichere Zukunft

Afghanische und pakistanische Flüchtlinge auf Lesbos (Foto:Getty Images)

Endstation Griechenland: Seit die Grenzen in Südosteuropa für Flüchtlinge geschlossen sind, kommen kaum noch Afghanen in Deutschland an.

Der Massenexodus der Afghanen führte dazu, dass auch ein Großteil des Kapitals aus dem Land geschafft wurde. Auf die Wirtschaft und die Kaufkraft der Bevölkerung hat das eine negative Auswirkung, auch auf die Flohmarktverkäufer. Sie kaufen zwar viel, aber die Zahl derer, die ihnen ganze Möbel wieder abkaufen können, ist aufgrund der hohen Armutsrate gering.

Im letzten Jahr haben etwa 250.000 Afghanen das Land verlassen, um nach Europa aufzubrechen. Der Großteil hat in Deutschland und Schweden Asyl beantragt und bisher noch keine positive Antwort erhalten. Viele Afghanen wollen aufgrund der schwierigen Aufnahmebedingungen wieder in ihre Heimat zurückkehren. Anderen droht bei Ablehnung ihres Asylantrags ebenfalls die Ausreise nach Afghanistan. Deutschland hat bereits angekündigt, dass die Mehrheit der Anträge abgelehnt wird. Viele Afghanen in Deutschland beklagen die fehlende Organisation und ihre ungewisse Zukunft. Tausende weitere Afghanen stecken seit diesem Jahr in Griechenland fest, nachdem die Balkanroute geschlossen wurde. Sollten sie in Griechenland keinen Asylantrag stellen, sieht das Abkommen der Türkei und der EU vor, dass sie in die Türkei abgeschoben werden.