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Politik

Afghanistan: Entführungen als lukratives Geschäft

Politische Entführungen in Afghanistan liefern in letzter Zeit internationale Schlagzeilen. Im Land selbst führen sie dazu, dass kriminelle Banden animiert werden, Entführungen als ein lukratives Geschäft zu betrachten.

Markt in Kabul, Quelle: AP

Möglicher Tatort: Marktszene in Kabul

Entführungen in ihrer unterschiedlichen Prägung haben in Afghanistan inzwischen neue Dimensionen erreicht. Standen zunächst politisch motivierte Entführungen auf der Tagesordnung, sind nun auch kriminelle Banden am Werk, die Kidnapping als ein lukratives Geschäft entdeckt haben. In den Großstädten Herat im Westen und Kandahar im Süden und nicht zuletzt auch in der Hauptstadt Kabul, häufen sich kriminelle Fälle, in denen Geschäftsleute dadurch erpresst werden, dass man ihre Kinder oder Verwandten entführt.

Selbst bei politischen Entführungen, wie im Fall der 23 Südkoreaner im August, spekulieren die Entführer auf ein hohes Lösegeld. Ihnen ist bewusst, dass ihre Forderungen etwa nach einem Abzug der ausländischen Sicherheitskräfte aus Afghanistan oder der Freilassung ihrer Glaubensgenossen aus den Gefängnissen nicht erfüllt werden können, will sich der Staat nicht erpressbar machen will.

Kinder sind häufig die Opfer

"Ich wollte weglaufen. Sie haben mich plötzlich aus vier Himmelsrichtungen eingekreist", schildert Edris, Sohn eines Geschäftsmannes in Kabul, seine Entführung. Sie hätten ihn in ein Auto gezerrt, ihm die Augen verbunden und seien einige Zeit gefahren. "Dann stiegen wir aus dem Wagen und ich wurde in einem Haus in einem Badezimmer eingesperrt und mir wurden Handschellen angelegt."

Die Entführer des dreizehnjährigen Jungen haben sich wiederholt bei seinem Vater, einem wohlhabenden Geschäftsmann in Kabul, gemeldet und Lösegeld gefordert: "Wir haben ihr Kind. Sie müssen unsere Forderungen erfüllen. Sie werden es bereuen, wenn sie die Polizei einschalten", lautete die Botschaft.

Die Täter sind in Banden organisiert

Nach Zahlung einer hohen Summe wurde Edris unversehrt wieder auf freien Fuß gesetzt. Dieser Entführungsfall geschah Anfang August 2007 am helllichten Tag mitten in Kabul. Yar Mohammad Yarmand, Generaldirektor zur Bekämpfung der Kriminalität in der Provinz Kabul, weiß genau, um wen es sich hierbei handelt. "In Kabul gibt es vier Banden", berichtet er. Zwei davon seien mächtig und gut organisiert, die anderen zwei seien quasi Nachwuchsbanden und ahmten nach. "Sie sind noch schwach und sammeln erst Erfahrungen."

Aber auch die Regierung sei zu schwach, um gegen diese kriminellen Banden energisch vorzugehen, so Yar Mohammad Yarmand. Der Leiter der Abteilung Kriminalität und Drogen im Innenministerium, Abdul Manan Farahi, ist jedoch überzeugt, dass die Regierung gegen derartige Kriminalität konsequent kämpft: "Wir haben einige festgenommen. Sie waren mit Kalaschnikows, Pistolen und Handgranaten bewaffnet." Die Waffen hätten sie beschlagnahmt.

Bewährte Taktik

Entführungen sind in Afghanistan kein neues Phänomen. Selbst in Friedenszeiten setzten rivalisierende Clans ihre Forderungen mithilfe von Entführungen durch: Zum Beispiel, wenn es um Wasserrechte ging. Wasserknappheit liefert schon immer Konfliktstoff in den ländlichen Gebieten.

Heutzutage spielt jedoch eine wichtige Rolle, dass durch die mangelnde Autorität des Staates selbst in den Städten durch Entführungen Unsicherheit und Angst erzeugt wird. Das führt wiederum zur Verschlechterung des Investitionsklimas.

Sicherheitsfirmen sind ein Sicherheitsrisiko

Tragisch ist auch, dass einige private Sicherheitsfirmen im Verdacht stehen, in die Entführungsfälle verwickelt zu sein. Es gibt etwa 60 offiziell registrierte Unternehmen: Ihre Sicherheitsleute tragen Waffen, sie tragen Uniformen und verfügen über speziell gekennzeichnete Autos. Sie werden zum Schutz von Immobilien, Geschäften und Banken eingesetzt.

General Ali Shah von der Abteilung zur Bekämpfung der Kriminalität in der Provinz Kabul ist überzeugt, dass einige dieser Sicherheitsfirmen keine weiße Weste haben. "Die Sicherheitsfirmen sind selbst ein großes Problem." Es gäbe eine direkte Verbindung zwischen einigen privaten Sicherheitsfirmen und kriminellen Banden. Kriminelle Banden würden Autos und Waffen der privaten Sicherheitsfirmen benutzen und deren Uniformen anziehen.

Damit werden die privaten Sicherheitsfirmen selbst zum Sicherheitsrisiko. Und nicht zuletzt deshalb, so berichtet Hamidullah Faroghi, Direktor der afghanischen Handelskammer, hätten einige afghanische Händler ihre Zentrale und sogar ihren Wohnsitz von Kabul nach Dubai verlegt.

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