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Asien

Afghanistan übernimmt das Kommando

USA und NATO wollen ab Juli Afghanistan die Verantwortung für die Sicherheit übergeben. Bis 2014 soll der Prozess im ganzen Land abgeschlossen sein. Ist Kabul bereit für diese Verantwortung?

Im Gleichschritt marschiert die Armee an einer Tribüne vorbei (Foto: DW)

Die afghanische Armee vor großen Herausforderungen

"Ja, wir schaffen das" – mit diesem Slogan zieht die afghanische Regierung seit einigen Monaten von Provinz zu Provinz. Kabul will Stärke und Selbstbewusstsein demonstrieren: Jetzt, wo der Prozess der Sicherheitsübergabe offiziell beginnt, soll keiner an der Entschlossenheit der afghanischen Polizei und Armee zweifeln. In fünf Städten und zwei Provinzen sollen afghanische Einheiten ab Juli die Kontrolle übernehmen. "Wir sind bestens vorbereitet", sagt der Sprecher des afghanischen Innenministeriums Seddiq Seddiqi. "Die afghanischen Sicherheitskräfte haben längst ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt, zum Beispiel in der Haupstadt Kabul. Dort haben sie die Verantwortung vor zwei Jahren bereits probehalber übernommen."

Überschaubares Risiko?

Demonstranten vor dem Hintergrund des Bamian-Tals (Foto: DW)

Demonstranten protestieren in Bamian gegen die Sicherheits-Politik der Regierung

Die internationalen Schutztruppen werden auch weiterhin in den von Afghanen kontrollierten Gebieten präsent und im Notfall einsatzbereit sein, erklärt Seddiqi. Zudem zählen die Gebiete, die ab Juli dem Kommando der afghanischen Sicherheitskräfte unterstellt werden, zu den ruhigsten, meint er. Das Risiko sei also überschaubar.

Doch mancher Lokalpolitiker, fernab von Kabul, macht sich Sorgen, ob die Lage auch nach dem Abzug der ausländischen Truppen stabil bleibt. Muhammad Asef Mubalegh, stellvertretender Gouverneur der Provinz Bamian, meldet Zweifel an: "Unsere Sicherheit hängt von der Lage in den Nachbar-Provinzen ab. Falls es nicht zu einer Stärkung der Polizei und Armee im ganzen Land kommt, können wir die Sicherheit Bamians nicht garantieren." Ähnlich äußern sich auch die Verantwortlichen in den anderen Orten, die für die Übergabe vorgesehen sind, wie Herat im Westen, Mazar-e Scharif im Norden sowie Lashkargah und Mehtarlam im Süden und Osten des Landes. Sie klagen zudem über fehlende Ausrüstung der lokalen Polizei.

Was kommt nach dem Abzug?

Zwei Taliban Kämpfer mit Gewehren über der Schulter (Foto:AP)

"Die Taliban sind immer noch stark"

Auf ein weiteres, seiner Ansicht nach viel größeres Problem, weist Qayum Momand, Politikexperte vom "Afghan Research and Development Institute" in Kabul hin: "Viele Mitglieder der jetzigen Armee und Polizei fühlen sich verschiedenen politischen Gruppen verpflichtet und nicht der ganzen Nation. Solange es aber in Afghanistan keine nationale Armee und Polizei gibt, das heißt, Einheiten, die sich dem afghanischen Volk verpflichtet fühlen, wird es in Afghanistan keine Sicherheit geben."

Auch dieses Problem sei bekannt, sagen die Politiker aus Kabul. In einem zerstrittenen und armen Land wie Afghanistan könne man nicht von heute auf morgen eine schlagkräftige und loyale Armee aufbauen. Nicht einmal mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft. Kabul mag in diesem Punkt recht haben, sagen Beobachter, doch sie werfen der Regierung von Präsident Karsai vor, in Sicherheitsfragen nicht die Wahrheit zu sagen. Die Regierung verschweige zum Beispiel, wie gefährlich und stark die Taliban wirklich sind, sagt Qayum Momand: "Die Regierung sagt, dass sie die Taliban erheblich geschwächt hat, doch das Gegenteil ist der Fall. Wir sehen doch, dass die Taliban nicht nur im Süden und Osten, sondern jetzt auch im Norden des Landes aus einer Position der Stärke heraus handeln."

Große Verunsicherung

Ein alter Mann mit Turban, hinter ihm steht ein Junge (Foto: DW)

Viele Menschen blicken skeptisch in die Zukunft

Die fehlerhafte Informationspolitik der afghanischen Regierung verunsichere die Menschen zunehmend, meint Politikexperte Momand. Die Unsicherheit unter den Afghanen ist in der Tat angesichts der schlechten Sicherheitslage und der NATO-Abzugspläne sehr groß. Viele Menschen fragen sich, ob der Prozess der Sicherheitsübergabe beginnt, weil ihre Regierung stark genug ist, oder, weil die Helferstaaten nach zehn Jahren genug haben von ihrem Land? Eine überzeugende Antwort auf diese Frage haben sie bislang nicht erhalten.

Autor: Ratbil Shamel

Redaktion: Ana Lehmann