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Politik

Afghanisches Fernsehen: "Widerstand müssen wir aushalten"

Najib Roshan, Intendant des staatlichen afghanischen Rundfunks über seine Reform des Radio- und Fersehprogramms und die Widerstände von Staat, Gesellschaft, Warlords und Drogenbossen.

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Radio ist die weitest verbreitete Informationsquelle in Afganistan: Händler in Kabul.

DW-WORLD.DE: Sie sind wahrscheinlich der einzige Intendant auf der Welt, der findet, dass sein Sender ein schlechtes Programm macht. Sind sie frustriert?

Roshan: Nein, Kritik ist ein positiver Aspekt. In den letzten sechs Monaten, seit ich an der Spitze dieses Hauses bin, haben wir eine Menge verändert. Wir haben Holzlager zu Studios umgebaut, wir haben Dekorationen aus dem Ausland geholt, wir haben zwölf neue Sendungen mit ganz neuen jungen dynamischen Leuten konzipiert, und wir haben große afghanische Entertainer aus dem Ausland nach Afghanistan zurückgeholt. Wir sind dabei, uns zu reformieren. Wenn ich als Intendant nicht nach innen kritisch bin, dann kann ich auch in der Gesellschaft nicht kritisch sein.

Auf welche Widerstände stoßen Sie?

Wir müssen eine neue Personalpolitik durchführen. Nämlich drastisch Personal abbauen. RTA hat über 3000 Mitarbeiter, die noch unter den Kommunisten, den Mudschaheddin oder den Taliban eingestellt worden sind. Wir müssen viele entlassen. Und das ist schmerzhaft, dagegen gibt es natürlich Widerstand. Und natürlich - wenn unsere journalistische Tätigkeit kritisch wird, dann wird es Widerstand von den Warlords, den streng Religiösen, den Fanatikern, den korrupten Funktionären innerhalb des Staatsapparats geben. Aber das müssen wir aushalten.

Wie abhängig ist Ihr Sender von der Regierung?

Wir sind ein staatlicher Sender. Wir sind völlig abhängig vom Staatsapparat. Meine Reformen zielen genau darauf, dass wir nicht mehr unter direkter Staatskontrolle stehen, sondern ein öffentlich-rechtlicher Sender werden.

Wie sieht die Kontrolle des Staates aus?

Wir bekommen zum Beispiel manchmal von der Administration des Präsidenten vorproduzierte Nachrichten und die müssen wir dann in unsere Nachrichten einbinden. Aber wir sind im Gespräch mit der Präsidialadministration und wir werden das in Zukunft verhindern. Wir haben unsere Nachrichten überhaupt radikal verändert. Wir haben sie von 45 Minuten auf 15 bis 20 Minuten reduziert, wir produzieren jetzt Nachrichten mit Bildern und sind kritisch geworden auch wenn es noch ein weiter Weg ist bis wir wirklich demokratisch und pluralistisch sind. Für afghanische Verhältnisse war das eine unglaublich große Maßnahme. Wir haben mit dem sensibelsten Teil des Hauses angefangen.

Gibt es gesellschaftliche Tabus an die Sie stoßen?

Selbstverständlich. Es gibt eine Reihe Tabus: Frauenproblematik, Kinderprostitution, Drogenhandel, Korruption im Staatsapparat, Staatsfunktionäre, die in den Drogenhandel verwickelt sind, streng religiöse Fanatiker, die die Religion instrumentalisieren. Das sind Tabuthemen, aber wir werden anfangen auch diese Themen anzutasten, natürlich behutsam und vorsichtig.

Mit welchen Reaktionen rechnen Sie?

Drohungen, Telefonterror, Artikel in den Zeitungen. Sie werden alle möglichen Aspekte nutzen, um uns einzuschüchtern.

Haben Sie die Befürchtung, dass unter diesen Umständen ihre Amtszeit kürzer sein könnte, als sie sich vorstellen?

Ich habe die Vorstellung, dass ich dieses Haus wo weit wie möglich reformieren werde. Aber ich habe mir eine Grenze gesetzt: Wenn zum Beispiel die Menschenrechte in Afghanistan nicht respektiert werden und wir kritisch darüber berichten, und wenn dann der Staat interveniert und versucht, uns zu ändern, dann ist die Zeit für mich gekommen, dass ich Bilanz ziehe und zurücktrete. Ich will dieses Amt nicht um jeden Preis.

Najib Roshan wurde in Afghanistan geboren, und lebte 30 Jahre in Deutschland. Er studierte in Berlin Kommunikationswissenschaften und arbeitete anschließend als freier Journalist in Aachen. 2002 kehrte er nach Afghanistan zurück. Seit sechs Monaten ist er Intendant des staatlichen afghanischen Rundfunks.

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