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Asien

Afghanische Ortskräfte protestieren in Kundus

Am Bundeswehrstandort Kundus haben afghanische Ortskräfte für besseren Schutz von der deutschen Seite demonstriert, etwa durch Asylgewährung. Sie sehen sich von der Bundeswehr im Stich gelassen.

"Was soll aus uns werden, wenn die Bundeswehr abzieht?" Diese Frage stellen sich die meisten der afghanischen Dolmetscher der Bundeswehr in Kundus. Etwa 30-40 junge Männer haben sich am Dienstag (14.05.2013) zum zweiten Mal binnen zwei Wochen vor dem Bundeswehrlager im Norden Afghanistan versammelt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und zu protestieren. Alle haben Angst um ihre Zukunft; auf der einen Seite droht ihnen Arbeitslosigkeit, anderseits werden sie von den aufständischen Taliban bedroht. Sie gelten als Verräter und Ungläubige, weil sie schon seit vielen Jahren mit den deutschen Soldaten zusammen gearbeitet haben.

Der afghanische Dolmetscher Assadullah Rezwan ist einer von ihnen. "Seit mehr als vier Jahren arbeite ich beim Wiederaufbau-Team Kundus im Bereich des Militärs", erzählt Rezwan der Deutschen Welle. "Wegen dieser Zusammenarbeit wollte mich eine Gruppe von Aufständischen entführen. Sie riefen mich an und bedrohten mich."

Rezwans Vertrag mit der Bundeswehr ist jetzt seit drei Monaten nicht verlängert worden. Seine deutschen Kollegen ziehen im Laufe des Jahres ab und er bleibt zurück. Rezwan sagt, er vertreibt sich seine Zeit im Fitnessstudio, aber auch dort sei er nicht sicher. Auch seine Familie lebe in Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte.

Deutsche Politik sichert Unterstützung zu

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) (Foto: dpa)

Innenminister Friedrich: "Wir lassen niemenden im Stich"

In den vergangenen Wochen haben deutsche Politiker gefordert, die afghanischen Helfer nicht allein zu lassen und nach Deutschland zu holen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Unterstützung der Bundesrepublik für die Helfer zu. Jedoch gebe es Einschränkungen. "Es muss eine Einzelfallprüfung geben. Ganz klar ist: Wenn jemand in Gefahr ist in Afghanistan, weil er für Deutschland gearbeitet hat oder überhaupt, weil er bedroht ist, dann kann er natürlich aus humanitären Gründen zu uns nach Deutschland kommen", stellt Friedrich klar. Es gebe aber auch viele Fälle, in denen die Helfer einen neuen Job anderswo möchten. "Und dann gibt es auch einige, denen reicht es völlig, aus der Gefahrenzone zu sein. Auch das unterstützen wir. Wir lassen niemanden im Stich."

Eben dieses Gefühl aber haben die afghanischen Übersetzer in Kundus. "Wir haben schon mehrmals bei den Deutschen auf unsere Gefährdung hingewiesen, aber sie haben nicht reagiert", klagt Rezwan. "Wir sind alle zu Hause eingesperrt, weil unsere Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Wir fordern von den Deutschen, dass sie uns eine Lösung bieten. Wenn sie uns nicht helfen wollen, sollen sie es uns sagen."

Bundeswehr weist Vorwürfe zurück

Ausbildung afghanischer Soldaten durch die Bundeswehr in Kundus (Foto: dpa)

Ausbildung afghanischer Soldaten durch die Bundeswehr in Kundus

Oberstleutnant Marco Schmidl vom ISAF-Regionalkommando Nord weist zurück, dass sich die Bundeswehr um die Sorgen der afghanischen Mitarbeiter nicht kümmere. Die Bundeswehr nehme ihre Aufgabe als Arbeitgeber ernst und prüfe jeden Einzelfall, aber: "Wir sind nicht die, die das entscheiden können. Wir nehmen die Anträge der Mitarbeiter auf und leiten diese weiter. Mehr können wir in diesem Fall nicht tun", stellt der Bundeswehroffizier gegenüber der Deutschen Welle klar.

Assadullah Rezwan sagt hingegen, bereits vor einer Woche hätten die Dolmetscher protestiert und es sei ihnen eine Antwort innerhalb einer Woche versprochen worden. Eine Woche später herrsche weiterhin Funkstille. Die meisten seien jetzt langsam unruhig, so Rezwan.

Aber die Behörden in Deutschland wollen nichts überstützen. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan in seiner jetzigen Form endet 2014. Christian Schmidt, Parlamentarischer Staatssekretär der CDU im Verteidigungsministerium, mahnt deshalb zur Weitsicht. "In Afghanistan ist nicht alles schlecht und es ist nicht alles gut", sagte Schmidt im Deutschlandfunk. In der Entwicklungspolitik habe Deutschland weiterhin hohen Bedarf an unterstützenden Ortskräften, und das gelte weiterhin auch für die Bundeswehr.

Kabul bremst Ausreisewillige

Einer der protestierenden Dolmetscher in Kundus (Foto: DW)

Kabul möchte Fachkräfte wie diesen Dolmetscher lieber im Land behalten

Ebenfalls Bedarf hat auch die afghanische Regierung. Sie befürchtet einen "Brain Drain" und möchte die Mitarbeiter der ISAF ungern gehen lassen, so der Sprecher des afghanischen Außenministeriums, Janan Mosazai. "Wir brauchen diese ausgebildeten Fachkräfte in Afghanistan, aufgrund ihrer Erfahrung, ihres Wissens und ihrer Fremdsprachenkenntnisse", so Mosazai gegenüber der Deutschen Welle. "Sie sind ein wichtiger Bestandteil für den Wiederaufbau in Afghanistan und das haben wir auch den betroffenen Ländern, die Asylanträge erhalten, mitgeteilt."

Für Asadullah Rezwan ist das unverständlich. Die afghanische Regierung könne ihn und seine Familie nicht beschützen. Vor allem ist er aber von der Bundeswehr enttäuscht. "Wir haben damals einen Vertrag mit der Bundeswehr abgeschlossen, weil wir dachten, sie werde sich als Gegenleistung auch um uns kümmern." Rezwan ist wütend: "Hätte ich gewusst, dass sie uns so im Stich lassen, hätte ich nie angefangen, mit ihnen zu arbeiten."

Oberstleutnant Schmidl spricht von einer "sehr hohen Erwartungshaltung" bei den afghanischen Ortskräften, die "nicht der Realität" entspreche. Viele der afghanischen Mitarbeiter stellten sich das sehr einfach vor: "Heute sagen sie, dass sie bedroht sind, und morgen fliegen sie nach Deutschland. So einfach ist das nicht."

Noch bleibt die Bundeswehr in Afghanistan. Als erster Standort wurde Faisabad bereits im vergangenen Jahr an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Kundus soll in diesem Jahr folgen. Über Asylanträge solle "zeitnah" an der Übergabe entschieden werden, so Innenminister Friedrich. Bisher seien es etwa 30 Fälle, die für ein Asylverfahren in Betracht gezogen werden.

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