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Asien

"Afghanische Frauen brauchen Hilfe"

Massouda Jalal, Afghanistans frühere Frauenministerin, spricht im DW-Interview über die schwierigen Lebensbedingungen vieler Frauen in Afghanistan und über ihre Pläne, eine Frauenpartei zu gründen.

Dr. Massouda Jalal, früherere Frauenministerin Afghanistans (Foto: AP)

Dr. Massouda Jalal

Massouda Jalal trat im Jahr 2004 von ihrem Amt als Frauenministerin Afghanistans zurück, um bei den Präsidentschaftswahlen als Kandidatin gegen ihren früheren Chef Hamid Karsai anzutreten. Sie verlor die Wahlen mit großem Abstand. Dennoch reichte allein die Tatsache, dass eine Frau für das höchste Staatsamt kandidierte, um ihren Landsleuten Hoffnung zu geben. Denn Massouda Jalal trat schon damals dafür ein, dass Frauenrechte – einer der wundesten Punkte des vom Krieg erschütterten Landes – endlich stärker geachtet würden.

Heute leitet Massouda Jalal von ihrem Haus im Diplomatenviertel Kabuls aus die gemeinnützige "Massouda Jalal Stiftung". Mit großem Engagement setzt sie sich für die Rechte ihrer weiblichen Landsleute ein. Die frühere Ministerin plant, in wenigen Jahren eine auf die Anliegen von Frauen ausgerichtete politische Partei zu gründen. In einem Wohnzimmerschrank verwahrt sie hohe Papierstapel – sie enthalten die Hälfte der notwendigen 10.000 Unterschriften, um die Partei ins Leben zu rufen.

Deutsche Welle:Was waren die ersten Reaktionen auf die Idee einer Frauenpartei?

Massouda Jalal: Die Menschen wissen, wir werden uns auf die Anliegen von Frauen konzentrieren. Viele sind gekommen, um sich für die Partei registrieren zu lassen.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie der internationalen Entwicklungs- und Hilfsorganisation Oxfam heißt es, 87 Prozent der afghanischen Frauen hätten in ihrem Leben bereits körperlichen, sexuellen oder psychischen Missbrauch erlebt. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der Tatsache, dass es heute in Afghanistan mehr Fälle von Selbstverbrennungen und Selbstverletzungen von Frauen gibt als jemals zuvor?

Frauen, die sich selbst verbrennen, realisieren oft nicht, dass sie ihr Leben lang von Narben gezeichnet sein werden. Ich habe Frauen getroffen, die sich selbst Verbrennungen zugefügt haben, und die dann zusätzlich von ihren Männern noch mit heißem Wasser verbrüht oder mit Säure verletzt wurden.

Die Urheber solcher Selbstverletzungen sind weiterhin an der Macht. Die Opfer, Frauen, haben nicht den Mut, ihr Recht per Gericht einzuklagen. Es herrscht eine gewisse Furcht, die sie noch nicht überwunden haben. Unser Ausweg ist, die Terror-Gruppen zu stoppen, Frauen zu stärken und sie zu ermutigen, in die Politik zu gehen. Wir müssen ihnen mehr Macht geben.

Wie wollen Sie die Frauen stärken?

Wir brauchen psychologische Unterstützung und Gesundheitsversorgung für Frauen. Wir müssen die Beziehungen zwischen Frauen und Männern verändern. Wir sind verpflichtet, unsere Verfassungsgrundsätze in die Praxis umzusetzen. Wir müssen unsere Politik für das Thema Gender - Geschlechterunterschiede - sensibilisieren.

Die Welt sollte dem afghanischen Volk helfen, den Terrorismus loszuwerden und eine zivile Regierung zu bilden, an der Frauen und Männer gleichberechtigt beteiligt sind.

Die Verfassung schreibt die Gleichberechtigung von Männern und Frauen fest, sieht aber auch in gewissen Fällen die Anwendung des islamischen religiösen Rechts der Scharia vor. Wie passt das zusammen?

Wir haben eine Verfassungskrise. Sie zeigt sich darin, dass Frauen als zweitrangig angesehen werden. Die Scharia-Rechtsprechung stärkt die Männer.

In manchen Familien haben die Frauen zumindest die Oberhoheit über die Finanzen.

Es gibt mehr als eine Million männlicher Drogenabhängiger in Afghanistan, und in diesen Familien sind die Frauen die Brotverdiener. Zusätzlich sorgen sie für die Kinder. Aber sie haben trotzdem keine grundlegenden Rechte.

In den vergangenen Jahren hat Afghanistan viele Milliarden Dollar Hilfsgelder erhalten, Einheimische und ausländische Hilfsorganisationen haben sich um die Förderung von Frauen bemüht. Wie beurteilen sie deren Lage heute vor diesem Hintergrund?

Afghanische Frauen leben in der Hölle – sie erwarten nicht, glücklich zu sein. Auch wenn heute mehr Frauen Schulen besuchen und in Industrien wie den Medien arbeiten, ist der Druck gewachsen. Und die besten beruflichen Angebote gehen immer an den Mann.

Der Mann hat zudem die Möglichkeit, andere Frauen zu heiraten. Wir sind also Wegwerfartikel. 60 bis 80 Prozent aller Ehen werden auch heute noch unter Zwang geschlossen, aber ich habe noch nie gehört, dass ein Täter wegen der Heirat mit einem minderjährigen Mädchen zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Gewalt steigt. Innerhalb der Stammesstruktur gibt es nur sehr wenig Raum für Frauen. Es ist eine Männer-dominierte soziale und politische Struktur.

Als Frauenministerin hatten Sie eine sehr exponierte Stellung in Afghanistan. Haben Sie Drohungen erhalten?

Als ich Ministerin war, gab es jeden Tag einen Angriff – ich habe nicht eine Nacht gut geschlafen. Heute gibt es nur sehr wenige Frauen im Regierungspalast, die meisten gehören zu extremistischen Parteien.

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