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Asien

Afghanen suchen Heilung in Indien

Tausende Afghanen reisen jeden Monat nach Indien um sich dort in Krankenhäusern behandeln zu lassen. Mangelhafte medizinische Versorgung und falsche Behandlungen im eigenen Land lassen die Zahl weiter wachsen.

"Die Ärzte in Afghanistan diagnostizierten einen Tumor und operierten sofort", berichtet Mohammad Nabi aus Balkh im Norden Afghanistans. Der 56-jährige liegt in einem Krankenhausbett in Indiens Hauptstadt Delhi. Er zeigt auf eine große Narbe am Hals. Nach der Operation hatten ihm Freunde geraten, sich in Indien weiter behandeln zu lassen. Er nahm die Strapaze einer langen Reise in Kauf: "In diesem Krankenhaus haben die indischen Ärzte mir zu meinem Entsetzen klar gemacht, dass da nie ein Tumor war. Ich hatte lediglich geschwollene Lymphknoten", sagt er und fügt betroffen hinzu: "Ich wurde betrogen. Leider ist das Gang und Gäbe in Afghanistan". Mohammad Nabi hat inzwischen graue Haare und hört nur noch schlecht. Die Operation hat an ihm gezehrt und er wirkt sichtlich erschöpft. In Indien werde ihm nun wirklich geholfen, da ist er sich sicher.

Gesundheitstourismus boomt

Gesundheitstourismus von Das Max Hospital in Indien (Foto:Max Hospital, Neu Delhi, Indien)

Das Max Hospital in Indien hat sich auf afghanische Patienten spezialisiert

In dem indischen Krankenhaus sieht man überall afghanische Gesichter. Einige der allein reisenden Männer und Frauen haben einen indischen Übersetzer dabei. Immer mehr Afghanen suchen in Neu Delhi eine medizinische Behandlung. Fast alle gehen nach Lajpat Nagar, einen Vorort der Hauptstadt Delhi, der für seine hohe Beliebtheit bei Afghanen auch als "Klein Afghanistan" bezeichnet wird. Die Krankenhäuser dort haben sich mittlerweile auf den großen Andrang eingestellt.

"Täglich kommen etwa tausend Afghanen nach Indien. Etwa 70 Prozent der Reisenden sind Gesundheitstouristen", sagt Ashraf Haidari, stellvertretender afghanischer Botschafter in Indien. Sie suchen Hilfe für Herzkrankheiten, aber auch für alle Arten von neurologischen, orthopädischen, gynäkologischen oder anderen Problemen.

Die meisten seien enttäuscht von den afghanischen Ärzten, so Haidari. Denn für diese stehen nach Ansicht der Patienten finanzielle Interessen an erster Stelle, und nicht das Wohl der Kranken. "Das Gesundheitssystem in Afghanistan weist Mängel auf und hat einen niedrigen Standard", räumt der Diplomat ein. "Viele Operationen können nicht im Land durchgeführt werden". Nach Angaben des afghanischen Gesundheitsministeriums gehen der Wirtschaft des Landes durch die Abwanderung von Patienten ins Ausland jährlich rund 240 Millionen US-Dollar verloren.

Hürden: Geld und Sprache

Ein indischer Arzt untersucht eine Patientin (Foto: AP Photo/Saurabh Das)

Indische Ärzte genießen in Afghanistan hohes Vertrauen

Für die afghanischen Patienten ist eine Reise nach Indien nicht nur anstrengend, sondern auch sehr teuer. Zum Flugticket kommen noch die Kosten für Hotel, Übersetzer und die Behandlung hinzu - insgesamt oft mehrere Tausend Dollar. Daher sind die meisten Gesundheitstouristen begüterte Afghanen. Doch es gibt auch andere: sie verkaufen ihren Besitz um sich eine Behandlung in Indien leisten zu können.

Mohammad Nabi hat Glück. Er kann sich wenigsten den Übersetzer sparen. "Mein Cousin spricht Hindi und hilft uns", berichtet er stolz. "Ohne ihn könnten wir uns nicht verständigen." Der junge Cousin - er ist Anfang 20 - lächelt verlegen. Andere Afghanen buchen über Mund zu Mund Propaganda indische Übersetzer oder wenden sich an das Krankenhaus. Übersetzer haben meist Arbeitsverträge mit den Krankenhäusern. Bhupinder ist einer von ihnen. Monatlich verdient er rund 35.000 Rupien (etwa 410 Euro). Das Geschäft laufe gut, sagt er. "Allein in dieses Krankenhaus kommen in der Woche etwa 150-200 Afghanen.

Homa aus Herat im Westen Afghanistans ist gleich mit ihrer ganzen Familie angereist. Die Mutter von drei Kindern sorgt sich um ihren 12-jährigen Sohn. "In Afghanistan wollten sie ihm die Mandeln rausnehmen, weil er im Winter so oft Halsschmerzen hatte. Zehn verschiedene Antibiotika haben sie meinen Jungen schlucken lassen. Davon ist er nur noch schwächer geworden." In Indien klärten die Ärzte Homa auf, dass ihr Sohn eine Allergie habe und verschrieben ihm entsprechende Medikamente. "Seitdem geht es ihm wieder gut", freut sich die Mutter.

Afghanistans Gesundheitssystem stärken

Die Kinderstation im Maywand-Krankenhaus, Kabul (Foto: dpa)

"Das Gesundheitssystem in Afghanistan hat einen niedrigen Standard"

Homa hätte ihren Sohn auch in Afghanistans Nachbarländern Pakistan oder Iran behandeln lassen können. Doch wie viele ihrer Landsleute hat sie gleich von Anfang an auf Indien gesetzt. Auch wenn in Afghanistans Medien häufig von einer Reise nach Indien abgeraten werde. "Im afghanischen Fernsehen läuft ein Spot, der sagt, dass man in Indien übers Ohr gehauen wird und dass man sich lieber im eigenen Land behandeln lassen soll", berichtet sie. Zudem kursieren Schreckensgeschichten über indische Übersetzer und Ärzte, die die Hilflosigkeit der Menschen ausnutzen. Doch sie ist überzeugt: "Das ist alles Propaganda, damit die afghanischen Ärzte ihre Kunden nicht verlieren."

"Die meisten Afghanen, die den Weg nach Indien unternommen haben, sind zufrieden, weil die Ärzte hier weiter entwickelte Methoden anwenden", meint Gulnash aus der Provinz Faryab im Norden Afghanistans. Der 26-jährige ist mit seinem geistig behinderten Bruder in Neu Delhi. "Die afghanischen Ärzte sollten sich in Indien fortbilden, meint Gulnash. "Dann sind wir nicht mehr gezwungen, nach Indien zu kommen und stattdessen wird unsere eigene Wirtschaft angekurbelt".

Diese Lösung haben beide Länder mittlerweile auch erkannt: Indische Krankenhäuser bieten seit einiger Zeit Weiterbildungsprogramme für afghanische Ärzte an. Und in Afghanistan gibt es Pläne zur Verbesserung des Privatsektors im Gesundheitswesen, wie das zuständige Ministerium kürzlich mitteilte. Bis das afghanische Gesundheitssystem jedoch so weit entwickelt ist, bleibt Indien für Afghanen aber immer noch die erste Adresse für eine gute medizinische Behandlung.

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