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Asien

Afghanen sehen demokratische Fortschritte

Die große Mehrheit der Afghanen will laut einer aktuellen Umfrage zur Wahl gehen, und das trotz großer Vorbehalte in punkto Transparenz und Fairness. Viele sehen dem NATO-Truppenabzug mit Sorge entgegen.

Der 20-jährige Aziz aus Masar-i Sharif verbringt den Großteil seiner Freizeit auf Facebook. Obwohl der junge Afghane sonst eher unterhaltsame Kost sucht, ist er seit ein paar Wochen im Wahlfieber. Die Präsidentschaftswahlen am 5. April beschäftigen ihn jeden Tag. Er verfolgt alle Kandidaten und deren Aktivitäten. Wer kann das Land zukünftig besser regieren als es bisher regiert wird? Das ist die Hauptfrage, die ihn und viele andere Landsleute derzeit umtreibt.

Bei einer Umfrage des National Centre for Policy Research (NCPR) in Kabul über Einstellungen zur politischen Entwicklung des Landes, deren Ergebnisse der DW exklusiv vorliegen, gaben rund 75 Prozent der Befragten an, dass sie bei den Präsidentschaftswahlen ihre Stimme abgeben wollen. Mehr als 5000 Menschen in fünf großen Städten und Provinzen wurden im Februar dieses Jahres dazu befragt.

Allerdings: Mehr als die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass die Präsidentschaftswahlen nicht transparent sein werden und bezweifelt ein faires Ergebnis. "Die Bevölkerung will ihre Stimme abgeben, um ihre Verpflichtung als Staatsbürger zu erfüllen. Dass keine Transparenz herrscht, dafür sind sie nicht verantwortlich", sagte Hamidullah Noor Ebad, Direktor des NCPR, der Deutschen Welle. Das Institut ist an die Universität Kabul angeschlossen und wird von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt.

Sorge wegen NATO-Truppenabzug

Karsai beim persischen Neujahrsfest Nourus (Foto: AFP/Getty Images)

Ungewisse Zukunft für Afghanistan: der scheidende Präsident Karsai beim persischen Neujahrsfest Nourus

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage lautet, dass 60 Prozent der Befragten "zufrieden" mit der demokratischen Entwicklung des Landes sind. 2011 waren es nur gut 50 Prozent.

Gefragt wurde auch nach der Einstellung zum beschlossenen Truppenabzug der NATO. Vom kommenden Jahr an sollen keine ausländischen Kampftruppen mehr in Afghanistan stationiert sein. Mehr als die Hälfte der Befragten ist gegen den Abzug. Nils Wörmer, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul: "Obwohl die Bevölkerung zufriedener ist, will sie nicht, dass die Truppen abziehen. Das hat uns überrascht." Dennoch gibt es Erklärungen: Ebenso viele befürchten nämlich, dass bei einem ausländischen Truppenabzug ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte. "Viele sehen auch, dass an einer fortgesetzten Militärpräsenz auch ein Teil der direkten Militärhilfe und möglicherweise ein Teil der Entwicklungshilfe hängen", sagt Wörmer.

Solche Überlegungen könnten auch hinter der 60-prozentigen Zustimmung für eine Unterzeichnung des Sicherheitsabkommens mit den USA stehen, die der scheidende Präsident Karsai nicht mehr ausführen will. Neben guten Beziehungen zu den USA wünschen sich die meisten Afghanen auch bessere Beziehungen zu Indien, Pakistan und Iran. Indien ist der Spitzenreiter in der Beliebtheitsskala. Das Land ist besonders stark in der Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan tätig.

Feindseligkeit gegenüber Pakistan

Afghanische Polizisten nach Angriff auf Gästehaus (Foto: Reuters)

Wähler schützen: die Afghanen wollen sich von Taliban-Terror nicht abhalten lassen

Mit Pakistan dagegen verbinden viele Afghanen traditionell eher Feindschaft und Bedrohung. Die Durand-Linie, die Ende des 19. Jahrhunderts vertraglich gezogene Grenze zwischen dem damaligen Britisch-Indien und Afghanistan, ist einer der Gründe für die ablehnende Haltung gegenüber Pakistan. Trotz des Wunsches nach besseren Beziehungen zum Nachbarn erkennen fast 70 Prozent der Befragten diese Grenze nicht als legitime Grenze zwischen beiden Ländern an. Diese Frage sei zum ersten Mal in die Umfrage einbezogen worden, "damit die internationale Gemeinschaft und andere Länder sehen, dass das ein großes Problem ist", so Noor Ebad vom National Centre for Policy Research gegenüber der DW.

Bisher hat das NCPR zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung sechs Umfragen durchgeführt. Dieses Jahr hat man - anders als früher - darauf verzichtet, nach der Beliebtheit der Kandidaten zu fragen, um Vorwürfe der Einseitigkeit zu vermeiden. Für Aziz und viele andere Afghanen ist das schade. Bei der bisherigen Intransparenz der Wahlen gelten die Studien als eine der wenigen verlässlichen Informationsquellen.

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