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Asien

Afghanen blicken hoffnungsvoll in die Zukunft

Erstmals seit Jahren sieht die Mehrheit der Afghanen wieder optimistisch in die Zukunft. Laut einer Umfrage sehen 70 Prozent der Bevölkerung ihr Land auf dem richtigen Weg. Deutschland verliert dagegen an Ansehen.

Afghanische Jungs und junge Männer (Foto: AP)

Die Afghanen schöpfen einer Umfrage zufolge wieder Hoffnung

Zweieinhalb Wochen vor der Afghanistan-Konferenz in London veröffentlichten die deutsche ARD, die britische BBC und der US-Sender ABC am Montag (11.01.2010) eine repräsentative Umfrage, aus der ein überraschend positiver Stimmungsumschwung bei der afghanischen Bevölkerung hervorgeht. So sind 70 Prozent der Afghanen überzeugt davon, dass es ihnen trotz anhaltender Gewalt, Armut, Korruption und vieler anderer drängender Probleme im nächsten Jahr besser gehen wird. Im Vergleich zu einer Untersuchung aus dem Vorjahr ist das ein Anstieg um 30 Prozentpunkte. Eine deutliche Verbesserung gegenüber der letzten Umfrage ist ebenso der zuversichtliche Blick auf die Zukunft: 61 Prozent der Befragten (plus 14 Punkte) glauben daran, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird.

Die Hoffnung auf stabilere politische Verhältnisse und eine Schwächung der radikal-islamischen Taliban passt wenig zur aktuellen Stimmung in den USA und Europa, wo sich die Debatten auf einen schnellen Rückzug der Truppen am Hindukusch konzentrieren.

Erleichterung über abgeschlossenen Wahlerprozess

Afghanistans Präsident Hamid Karsai (Foto: dpa)

Präsident Karsai geht mit Vertrauensvorschuss in die zweite Amtszeit

In den Antworten werden der Optimismus und die überraschenden Wahrnehmungen der Befragten deutlich: Trotz der massiven Fälschungen bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen August sind drei von vier Afghanen mit dem Wahlausgang zufrieden, obwohl nur ein gutes Drittel meint, dass Präsident Hamid Karsai sein Amt mit ehrlichen Mitteln angetreten habe. Karsai geht jedenfalls mit einem breiten Vertrauensvorschuss in seine zweite Amtszeit. Die Befragten sind mehrheitlich überzeugt davon, dass ihr Präsident gute Arbeit leiste und trauen ihm zu, die Sicherheit und Stabilität im Lande zu verbessern. Das Ergebnis bringt Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass der von Gewalt und Drohungen begleitete Wahlprozess überhaupt zu einem Abschluss gefunden hat und die Gefahr eines Bürgerkriegs verhindert wurde.

Laut der Umfrage macht sich vorsichtiger Optimismus auch in der Einschätzung des militärischen Konflikts mit den Taliban breit. Im Vergleich zu den Ergebnissen aus der Umfrage im Vorjahr, denen zufolge 43 Prozent der Afghanen eine Stärkung der Taliban sahen, sind es nun nur noch 30 Prozent. Die Aufständischen seien geschwächt, meinen 40 Prozent der Befragten. Damit wächst die Hoffnung, die Taliban könnten besiegt (41 Prozent; plus neun Punkte) oder in eine Verhandlungslösung eingebunden (33 Prozent; unverändert) werden.

Sympathie für Deutschland schrumpft

Ein Bundeswehrsoldat der ISAF-Truppen in Afghanistan (Foto: AP)

Spürbarer Ansehensverlust für Deutschland in Afghanistan

Entgegen des allgemeinen positiven Trends der Umfrage, ist der Wert zur Einstellung gegenüber der Rolle Deutschlands in Afghanistan deutlich zurückgegangen. Vor allem im Norden des Landes, wo die Einsatzgebiete der Bundeswehr liegen, sprechen die Antworten für einen spürbaren Ansehensverlust Deutschlands, das in der Vergangenheit immer herausragend gute Bewertungen bekommen hatte.

Die Zahl der Menschen in den nördlichen Provinzen, die die Sicherheitslage vor einem Jahr noch positiv bewertet hatten, ist um elf Punkte auf 63 Prozent zurückgegangen, während sich die Zahl der Afghanen mit einem negativen Bild von 14 auf 31 Prozent mehr als verdoppelt hat. "Hier zeigt ganz offensichtlich die innerafghanische Debatte um die zivilen Opfer bei dem Luftangriff auf die beiden Tanklastzüge in Kundus Wirkung", erklärt Arnd Henze, der die Umfrage als stellvertretender Auslandschef des WDR betreute. Das Bemühen von NATO und ISAF bei der Vermeidung der zivilen Opfer habe sich verschlechtert, geben 40 Prozent der Befragten im Verantwortungsbereich der Bundeswehr an.

Als gute Nachricht für die Soldaten von Bundeswehr und NATO wurde die Einstellung der Afghanen zu Anschlägen auf ausländische Truppen bewertet: hielt vor einem Jahr noch jeder Vierte solche Anschläge für gerechtfertigt, so ist der Wert in der aktuellen Umfrage auf acht Prozent zurückgegangen.

Stimmung trotzt der Lage

Zu den in der Umfrage festgestellten positiven Trends sagt Arnd Henze: "Die Ergebnisse scheinen zu schön, um wahr zu sein, und widersprechen komplett der politischen Debatte in Deutschland." Die Menschen in Afghanistan bewerten die Situationen nämlich aufgrund ihrer jeweils konkreten Erfahrungen von Krieg, Armut und Bedrohung und nicht anhand der politischen Maßstäbe aus dem Ausland. Für Europa und die USA bedeutet diese hoffnungsvolle Bewertung der Situation die dringliche Aufforderung, sich nicht von Afghanistan abzuwenden und die reale Lage der mehrheitlich positiven Stimmung im Lande anzupassen.

Die Umfrage von ARD, ABC und BBC basiert auf 1554 repräsentativ ausgewählten Afghanen in allen 34 Provinzen des Landes. Die Studie stützt sich auf rund 100 Fragen, die im Dezember in persönlichen Interviews von 168 ausgebildeten Befragern des "Afghan Center for Socio-Economic and Opinion Research" gestellt wurden.

Autorin: Nasirah Raoufi (apn, afp, dpa, epd)
Redaktion: Julia Elvers-Guyot