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Wissen & Umwelt

Affe und Mensch - wo ist der Unterschied?

"Die Intelligenz eines Gehirns hängt nicht von seiner Größe ab, sondern von seinen Fähigkeiten", sagen Forscher des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie, die jetzt für ihre Arbeiten ausgezeichnet wurden.

Afe und Mensch Rücken an Rücken vor rot-grünem Hintergrund (Foto: MPI)

Leipzig, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Es treten gegeneinander an: Greta, Menschenkind, zweieinhalb Jahre alt, und Frodo, Schimpanse aus dem Leipziger Zoo. Esther Herrmann, Forscherin in der Abteilung für Entwicklungspsychologie, will mit ihnen einen Test machen: Wie unterscheidet sich die Intelligenz des Menschen von der des Affen?

Intelligenztest zwischen Mensch und Schimpanse

Erste Aufgabe: Rechnen. Wer erkennt, welche von zwei Mengen die größere ist? Die Verhaltensforscherin stellt Greta zwei Kunststoffteller hin. Auf dem einen liegen zwei Würfel, auf dem anderen sechs. Greta soll den Teller auswählen, auf dem mehr Würfel sind. Klare Aufgabe, klare Reaktion: Greta greift ohne Zögern zum Sechs-Würfel-Teller.

Dann ist Frodo an der Reihe. Statt Würfel bekommt er Rosinen, eine Süßigkeit, der er nur schwer widerstehen kann. Auch Frodo nimmt sich zielsicher den Teller mit der größeren Anzahl.

Ergebnis: Beim Verständnis von Zahlen und Mengen schneiden Kind und Affe gleich gut ab.

Es folgt Test Nummer zwei: Wer kann besser mit einfachen Werkzeugen umgehen? Wer weiß, wie man sich mithilfe eines Stöckchens die Banane angeln kann, die sonst unerreichbar wäre? Bei dieser Aufgabe ist Frodo überlegen.

Schimpansenfamilie (Foto: picture alliance/dpa)

Gleiche Intelligenz?

Weit über hundert solcher Untersuchungen hat die Leipziger Forscherin mit Kindern und Schimpansen durchgeführt. Insgesamt, so Herrmanns Ergebnis, schnitten die Schimpansen dabei genauso gut ab, wie zweieinhalbjährige Kinder.

Sind Kinder und Schimpansen also gleich intelligent? "Nein", erklärt Herrmann. "Der Unterschied zeigt sich, wenn es um kommunikative Fähigkeiten geht." Sie deutet auf einen von zwei umgedrehten Bechern und Greta versteht sofort, wo das versprochene Stückchen Banane versteckt ist. Herrmann: "Sie versteht diese Zeigegeste als Hinweis, etwas zu finden."

Besondere Fähigkeit des Menschen

Anders Schimpanse Frodo. Er kann mit solchen Zeigegesten nichts anfangen und greift wahllos nach dem einen oder dem anderen Becher, bis er zufällig den mit dem Bananenstück findet. Auf dem Gebiet der Kommunikation ist der Affe eindeutig schlechter als das Kind, so das Resultat der Forscherin.

Kein Zufall, bestätigt Monika Keller vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung dieses Ergebnis. Der Mensch sei in ganz spezieller Weise an seinem Gegenüber orientiert. "Das lernen wir von klein auf", so die Psychologin; "wenn Eltern auf etwas zeigen, folgt das Kind mit dem Blick. Das scheint eine Fähigkeit zu sein, die uns Menschen wirklich charakterisiert."

Die Kunst der Nachahmung

Links: Kopf eines blonden Kindes Rechts: Kopf eines Affen (Foto: MPI)

Offensichtlich sind Menschen klüger als Schimpansen. Aber worin besteht ihre intellektuelle Überlegenheit? Eine naheliegende Vermutung ist, dass Menschen ganz einfach grundsätzlich intelligenter sind. Dazu passt die Tatsache, dass das menschliche Gehirn durchschnittlich etwa dreimal so groß ist wie das eines Menschenaffen.

Aber wie sich die kognitiven Fähigkeiten der Affen tatsächlich von den menschlichen unterscheiden, konnte bisher niemand genau sagen. Esther Herrmann hat deshalb einen Intelligenztest entwickelt, der für Mensch und Tier gleichermaßen anwendbar ist. Sechzehn Aufgaben hat sie entwickelt, um die kognitiven Fähigkeiten von Kindern und Menschenaffen systematisch zu vergleichen.

Zum Beispiel wenn es ums Lernen durch Nachmachen geht: Ein durchsichtiges Plexiglasrohr, darin ein Stück Banane - wie bekommt man es heraus? Forscherin Herrmann macht es vor: durch leichtes Klopfen. Greta macht es nach - mit Erfolg. Frodo dagegen hat nichts kapiert und fuchtelt frustriert mit dem Rohr in der Gegend herum.

Schimpansen brauchen das nicht

Was den Menschen auszeichnet, sagt Herrmann, sei offenbar eine spezielle Form von Intelligenz - soziale Intelligenz nennt sie es: die Fähigkeit, von anderen zu lernen.

Dazu Bildungsforscherin Keller: "Menschen erwerben im Verlauf ihrer Entwicklung die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen und ihre gedankliche Welt zu verstehen" - und damit könnten sie auch sich selbst verstehen, Bewertungen vornehmen und das Verhalten von anderen zu bewerten. "Das sind natürliche Eigenschaften," so Keller, "die Tiere nicht besitzen".

Den Grund dafür sieht Verhaltensforscherin Herrmann in der Evolution: "Schimpansen brauchen diese Fähigkeiten nicht, um in ihrem Lebensraum angepasst zu sein, die brauchen ganz andere Fähigkeiten." Sie müssten etwa wissen, wo sie das Futter finden, und bräuchten deshalb ein gutes räumliches Verständnis. "Natürlich haben Schimpansen auch soziale kognitive Fähigkeiten, aber nicht solche, die so extrem auf das kulturelle Leben gemünzt sind."

Das Geheimnis: soziale Intelligenz

Fazit: Menschen sind nicht unbedingt intelligenter als Schimpansen. Aber sie besitzen eine andere Form von Intelligenz. Eine, die sich schon bei kleinen Kindern äußert: Mühelos gelingt es ihnen, neues Wissen und neue Fertigkeiten zu erwerben, indem sie mit anderen kommunizieren und die Verhaltensweisen anderer nachahmen.

Autor: Klaus Dartmann

Redaktion: Judith Hartl

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