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Deutschland

AfD-Auftrieb mit Hilfe der Medien?

Welchen Anteil tragen Medien am Erfolg der AfD? Muss in Zukunft über jede Provokation berichtet werden ? Medienwissenschaftler sind derzeit gefragt und fordern einen fairen und verantwortlichen Journalismus.

Alexander Gauland und Alice Weidel nehmen ihre Position vor den Mikrofonen und Kameras der Parlamentskorrespondenten ein. Ungewohnt wirkt er noch, der blaue AfD-Aufsteller im Reichstagsgebäude, vor dem sich die beiden platzieren. Kommt jetzt der nächste Knüller, der nächste Skandal, zumindest ein harter Hieb gegen Merkel oder Flüchtlinge?

"Wir werden unsere Dinge klar und deutlich aussprechen. Aber natürlich in der Form so, wie es der Parlamentarismus erfordert", sagt Alexander Gauland stattdessen eher leise und klingt dabei leicht genervt. Es ist nicht das erste Mal, dass der Vorsitzende der AfD-Fraktion im künftigen deutschen Bundestag sagt, dass seine Partei sich der parlamentarischen Debattenkultur verpflichtet fühle.

Überall war AfD

Und doch wollen es ihm viele auch an diesem Mittwochmorgen, Tag drei nach der Wahl, nicht so recht glauben. Denn im Wahlkampf waren es die schrillen Töne, etwa die Verunglimpfung von Moslems oder dem politischen Gegner, mit denen die AfD auf sich aufmerksam gemacht hat.

Das klingt weniger skandalös als vieles, was man sonst von Markus Frohnmaier, im Wahlkampf Sprecher der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel, lesen und hören konnte. Frohnmaiers Tweet ist aber aufschlussreich, seine Freude dürfte echt sein. Im Ersten, im Zweiten, auf Facebook, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und auch in den Angeboten der DW: überall war die AfD präsent.

Urteil: mitschuldig

"Wenn ich mich auf den Marktplatz stelle und laut schreie, kann ich doch nicht den Anspruch erheben, beachtet zu werden. Das kann doch wohl nicht wahr sein." Kai Hafez klingt ernsthaft bestürzt, wenn man ihn zum Thema "die AfD und die Medien" befragt. Denn in einem ist sich der Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt sicher: "Die Medien sind Mitschuld am Aufstieg der AfD. Absolut."

Erstens hätten Journalisten die AfD über Gebühr beachtet, so Hafez: "wesentlich mehr als andere kleine Parteien wie die Linke oder die Grünen. Zweitens und wahrscheinlich noch verheerender: Man hat Themen, die die AfD setzen wollte, immer wieder aufgegriffen, auch ohne Beteiligung von AfD-Vertretern." So habe es im vergangenen Jahr allein 50 Talkshowrunden zum Thema Flüchtlinge im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen in Deutschland gegeben.

Anne Will: nüchtern-sachlich, kritisch

Die Redaktion der Talksendung "Anne Will" weist auf Anfrage der DW darauf hin, dass im Jahr 2017 bisher nur zwei AfD-Vertreter in ihrer Sendung zu Gast waren. "Unsere Haltung gegenüber der AfD ist, wie gegenüber den Vertretern aller anderen Parteien auch, ein nüchtern-sachlicher, kritischer Umgang", so das Statement ihrer Redaktion. Auch in Zukunft werde man darauf achten, "dass - in der Summe der Sendungen - die Vertreter aller Parteien angemessen zu Wort kommen."

Hafez kritisiert jedoch auch, dass Journalisten im Gespräch mit Vertretern der etablierten Parteien zu sehr die Perspektive der AfD eingenommen hätten. So etwa beim letzten TV-Duell zwischen Merkel und Schulz, das von vier TV-Journalisten der öffentlich-rechtlichen sowie privaten Sender moderiert wurde. "Da haben die Themen der AfD das Gespräch dominiert."

Deutschland ARD-Talkshow Anne Will mit Nikab-Nora (picture-alliance/dpa/NDR/Wolfgang Borrs)

Erhalten die Themen der AfD zuviel Raum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Szene aus einer Diskussion in der Talkshow "Anne Will" 2016

Skandale zu sehr beachtet

Hafez sagt, dass sich bei den Sendern und in den Redaktionen Grundlegendes ändern müsse. Journalisten und ihre Chefs seien viel zu sehr darauf fixiert, die Zahl an Lesern, Zuschauern und Nutzern zu maximieren, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen, die nicht auf Werbeeinnahmen angewiesen sind. "Was Sensation erzeugt ist marktgerecht, hat Nachrichtenwert - das wissen auch die Populisten", so Hafez. "Und darum sagen sie solche fürchterlichen Dinge, weil sie wissen dass die Medien darauf reagieren."

Kai Hafez, Kommunikationswissenschaftler Uni Erfurt (Universität Erfurt)

Weg von der Skandal-Berichterstattung: Kai Hafez fordert ein Umdenken der Journalisten

Hafez empfiehlt einen anderen Ansatz: "Die klassische Öffentlichkeitstheorie fragt nicht, was gut am Markt funktioniert, sondern fragt, was politisch bedeutsam ist. Danach wäre die AfD nur dann interessant, wenn sie einen substanziellen Beitrag zur Politikgestaltung in Deutschland liefert.

Die Keule: Politische Korrektheit

In Zukunft also einfach einmal mehr Zurückhaltung? Setzen sich die Medien damit nicht dem Vorwurf aus, als "Systempresse" abweichende Meinungen zu verschweigen? Ja, der Rechtspopulismus versuche, sich "doppelt abzusichern", sagt Hafez. "Er reizt einerseits die Medien in ihren Marktreflexen. Auf der anderen Seite sichert er sich ab vor Nichtbeachtung durch den Vorwurf, es herrsche politische Korrektheit." Darauf jedoch dürften sich die Medien nicht einlassen.

Die ersten Auftritte der AfD-Politiker im Bundestag finden große Beachtung. Wenn die AfD-Fraktion sich zu den Graubrot-Fragen des politischen Geschäfts positionieren muss, zu den Untiefen der Rentengesetzgebung oder des Gesundheitssystems in Deutschland etwa, dann könnte es sein, dass die Aufmerksamkeit für die AfD auch von alleine nachlässt.

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