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Politik & Gesellschaft

Advent - früher fasten, heute hetzen

Mehr Kaufrausch als Kerzenglanz, mehr Terminhetze als Besinnlichkeit - die Vorweihnachtszeit hat sich vom ursprünglichen christlichen Sinn weit entfernt. Dabei sehnen sich viele nach Ruhe und Licht in dunkler Jahreszeit.

Weihnachtsmarkt 2011 in Darmstadt (Foto: dapd)

Weihnachtsmarkt in Darmstadt

Alle Jahre wieder sieht Deutschland zum Jahresende ganz verändert aus: In den Innenstädten locken Weihnachtsmärkte mit Glühwein und vielen Leckereien zum gemütlichen Essen und Trinken in frischer Winterluft. Im Jahr 2011 meldet ein Onlineportal über 3.400 Weihnachtsmärkte in Deutschland. Kerzen, Kekse, Kitsch, Weihnachtsschmuck und viele weitere Stände mit Geschenken aller Art laden zum Stöbern und Stehenbleiben ein. Rundum sind die Schaufenster der Geschäfte mit Tannengrün, bunten Kugeln oder Weihnachtsmännern dekoriert.

Hunderte Lämpchen und erleuchtete Figuren erstrahlen an einem Haus (Foto/Archiv: AP)

Leuchtend und bunt blinkend durch den Advent

Häuser, Bäume und Einkaufsstraßen sind meist schon vor dem 1. Advent mit Lichterketten behängt. Da klettern riesige leuchtende Weihnachtsmänner an Kaminen hoch, bunte Lichterschlangen und blinkende Rentiere strahlen die ganze Nacht, nicht immer zur Freude der Nachbarn. "Advent? Schon fast wieder Weihnachten? Dann gibt es viel zu tun", denkt mancher, auch wenn er keine Lichtorgel in seinem Garten installieren will. Denn der Advent ist eine ganz besondere, eine ausgefallene Jahreszeit, an die sich viele Rituale und sehr unterschiedliche Erwartungen knüpfen.

Wo wird Weihnachten entschieden?

Screenshot der Warenhandelskette Media Markt mit dem Slogan Weihnachten wird unterm Baum entschieden

Umstrittene Werbekampagne

Auf Plakatwänden, in Fernseh-Werbespots und in den Geschäften wird pausenlos und überall mit "Geschenkideen für Ihre Lieben zum Fest" geworben. Für den Einzelhandel ist der Advent eine der wichtigsten Phasen im Jahr: In den letzten Wochen vor Weihnachten wird erfahrungsgemäß der höchste Umsatz gemacht.

Doch manche Werbung sorgt für großen Ärger. Im Advent 2011 ist es die Kampagne der Elektrohandelskette "Media Markt". Gegen den Slogan "Weihnachten wird unterm Baum entschieden" mit Bildern und Filmen von Geschenkübergaben protestierten einige katholische und evangelische Christen empört.

Bei diesem Blick auf Weihnachten, so fürchten sie, verkomme das Fest zum reinen Anlass für Konsum. "Heiligabend 2011 als widerliche Geschenkorgie im Kreis der Lieben: Ich fass es nicht!", wetterte der evangelische Rundfunkpfarrer Andreas Koch. Der evangelische Dekan Thomas Schwarz äußerte die Sorge, dass mit dem Werbeslogan die Menschen verletzt würden, "die etwa aus finanziellen Gründen keine Geschenke machen können". Katholische und evangelische Christen installierten aus Protest auf dem Netzwerk Facebook die Seite "Weihnachten wird in der Krippe entschieden", um an den christlichen Kern des Weihnachtsfestes zu erinnern. Die Kirchen gehören auch zu denen, die im Advent und zu Weihnachten verstärkt zur Solidarität mit Ärmeren aufrufen. Das katholische Hilfswerk Adveniat etwa sammelt seit 50 Jahren Spenden für Lateinamerika und hat schon mehr als 200.000 Projekte mit gut 2,3 Milliarden Euro gefördert.

Früher wurde im Advent gefastet

Advent kommt vom lateinischen Wort "adventus", also Ankunft, und ist für Christen das Warten auf die Ankunft von Jesus Christus. Schon seit dem 4. Jahrhundert pflegen Gläubige diese Vorbereitungszeit und zwar zunächst als Fasten- und Bußzeit, erläutert der katholische Liturgieexperte Prof. Benedikt Kranemann aus Erfurt. Das Fasten schreibt die Kirche längst nicht mehr vor, doch der Advent soll eine Zeit der inneren Vorbereitung sein. Bei einem Großteil der Gesellschaft, so Kranemann, finde das allerdings heute so nicht mehr statt, in dieser Hinsicht müsse der Advent als ausgefallene Jahreszeit gelten. Trotzdem sei der Advent für viele Menschen etwas besonderes.

Zimtsterne liegen in einer Schale (Foto: dpa)

Zimtsterne - süßes und würziges Gebäck hat im Advent Hochsaison

Auch vom Fasten sind die heutigen Advents- und Vorweihnachtsbräuche Welten entfernt, und das sieht man nicht nur beim großen Schlemmen auf dem Weihnachtsmarkt. Meist schon im September bieten die Geschäfte Lebkuchen, Stollen, Spekulatius, Printen, Zimtsterne und all die anderen würzigen Gebäcksorten an, zu Weihnachten ist oft schon vieles vergriffen. "Alles hat seine Zeit. Advent ist im Dezember", hält die Evangelische Kirche mit einer Initiative dagegen. Die großen christlichen Kirchen waren es auch, die 2009 erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen klagten, dass in Berlin an jedem Adventssonntag die Geschäfte öffnen durften. Die Menschen brauchen gerade im Advent mehr Ruhe, argumentierten sie.

Stress für Erwachsene....

Hunderte Menschen in einem Einkaufszentrum zur Vorweihnachtszeit (Foto: dpa)

Vorweihnachtliche Geschenkejagd in einem Einkaufszentrum

Viele Deutsche sehnen sich auch durchaus nach Ruhe und Besinnung im Advent. Tatsächlich aber fühlen sich viele gehetzt: Da eilen sie von einer vorgezogenen Weihnachtsfeier zur nächsten, machen sich Gedanken, wo in diesem Jahr der Weihnachtsbaum gekauft wird, ob die elektrische Lichterkette noch funktioniert oder ob es echte Kerzen sein sollen. Sie jagen im Vorweihnachtstrubel nach Geschenken für Freunde und Verwandte, von denen nach Weihnachten etliche wieder umgetauscht werden, wie man aus Erfahrung weiß. Und viele Deutsche diskutieren jedes Jahr aufs Neue mit ihren Familien, wer wen wann und wie lange an den Feiertagen besucht und natürlich auch, was es denn diesmal zu essen geben soll.

...Freude bei den Kindern

Zwei Kinder sitzen mit ihren Adventskalendern an einem Tisch mit Adventskranz (Foto: dpa)

Adventskalender versüßen das Warten auf Weihnachten

Die meisten Kinder dagegen genießen das Brauchtum im Advent, das ihnen die Wartezeit auf Weihnachten verkürzen soll: Sie öffnen jeden Tag eines der 24 Fenster in ihrem Adventskalender, freuen sich, wenn sie am 6. Dezember, dem Fest des Heiligen Nikolaus, Süßigkeiten oder kleine Geschenke in ihren Stiefeln finden, wenn sie selber Plätzchen backen dürfen oder oder wenn sie am Adventskranz jeden Sonntag eine weitere Kerze entzünden können. Manche besuchen mit ihren Familien "lebendige Adventskalender" in ihren Kirchengemeinden. Da trifft man sich jeden Tag im Dezember vor einem anderen Haus in der Gemeinde, liest gemeinsam eine Geschichte und singt zusammen Adventslieder, um sich auf den Heiligen Abend am 24. Dezember einzustimmen.

Kinder können sich auch köstlich über das Scherz-Adventsgedicht amüsieren: "Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann hast du Weihnachten verpennt". Aber genau das wird den Kindern sicher zu allerletzt passieren.

Autorin: Andrea Grunau
Redaktion: Nils Naumann

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