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Kultur

Adrenalin im Arm

Wenn sie am Wettkampftisch steht, vergisst sie den Alltag, ihre Kinder und den Haushalt. Petra Spatz aus Erlensee ist dreifache Weltmeisterin im Armwrestling. Marcus Bösch hat sie besucht. Und hatte zu kämpfen.

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Schieben, Drücken und Wuchten

Wie eine menschliche Kampfmaschine sieht die Frau, die die Gartenpforte öffnet, nicht aus. Kein burschikoses Mannsweib im Holzfällerhemd, sondern eine gelernte Krankenschwester mit mächtiger blonder Lockenmähne. Adrett gekleidet, so steht die dreifache Armwrestling-Weltmeisterin Petra Spatz im Vorgarten ihres lachsfarbenen Eigenheims im Einzugsgebiet von Hanau und bittet mich zu Kaffee und Apfelkuchen herein.

Der absolute Wille

Petra Spatz, Weltmeisterin im Armwrestling

Da kann Frau Spatz nur lachen

"Alles was man zum Armwrestling braucht ist ein 1,04 Meter hoher Wettkampftisch mit Griffen und Ellenbogenpolstern und natürlich den absoluten Willen zum Sieg", erklärt die zweifache Mutter im Wohnzimmer. Wir sitzen auf einer blauen Kunstledercouch zwischen Katzenkratzbaum und türkis gerahmtem Phantasieposter. "Der ganze Alltag, die Kinder und der Haushalt, das alles ist dann plötzlich vollkommen weg, wenn ich zum Kampf gehe. Da höre ich nichts mehr, da sehe ich nichts mehr. Die Kraft des ganzen Körpers liegt dann im Arm", sagt Frau Spatz und schenkt Kaffee nach.

Natürlich sei das schon stressig, sechs Mal die Woche zwei bis drei Stunden Training, der Vereinsvorsitz im Armwrestling-Club "Over the Top" und dann noch die Nachwuchsarbeit. "Aber das ist meine Welt, da fahr' ich dann auf ein Turnier und da bin ich dann die Petra Spatz wie man sie kennt - als Wettkämpferin."

Hometrainer und Raufasertapete

Um sich von der netten Frau von nebenan in die gefürchtete Weltmeisterin der Masterklasse zu verwandeln, nimmt Frau Spatz jetzt die Brille ab, verschwindet kurz ins Schlafzimmer und zieht ihr Wettkampf-Dress an. Nationalflagge und Namenszug zieren das weiße Poloshirt unter dessen Ärmeln sich durchtrainierte Oberarme abzeichnen.

Im Keller hat sich Frau Spatz vor Jahren einen improvisierten Trainingsraum eingerichtet. Zwischen Waschküche und Vorratsraum betreten wir das kleine Zimmer. Kühl, dunkel und ganz ruhig ist es hier auf den knapp zwölf Quadratmetern. Ein lila Hometrainer steht links in der Ecke, eine Bierbank mit enormem Ghetto-Blaster neben der Tür, auf die Raufasertapete hat Frau Spatz Urkunden, Poster und Medaillen aus 17 Jahren aktiver Laufbahn mit Tesafilm geklebt. Zwei Wettkampftische stehen in der Mitte des kargen Raums.

Wie eine Wand aus Beton

"Gekämpft wird im Stehen - das ist viel dynamischer als beim Armdrücken", erklärt die Weltmeisterin und stellt sich an einen der Tische. "Ganz einfach alles. Ellenbogen auflegen, Schultern gerade und mit der anderen Hand am Griff festhalten", sagt sie, stellt sich mir am Tisch gegenüber und reicht mir die Hand.

Die Erleichterung über die nicht gerade Furcht einflößend dimensionierte Hand weicht schnell der Verzweifelung. Denn absolut unmöglich erweist es sich nun, den Arm der 1,67 großen Frau auch nur ein Stück nach rechts zu bewegen. Ich schiebe und drücke meine rechte Hand mit aller Gewalt und könnte ebenso gut versuchen eine Wand aus Stahlbeton zu verrücken. 20 grausame Sekunden vergehen bevor Frau Spatz lächelt, Luft holt und meinen kompletten Arm dann mit einem Ruck auf den Tisch wuchtet. "Perfekt um Aggressionen aus dem Alltag abzubauen, oder?"

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