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Kultur

Adorno-Preis für Butler löst Kontroverse aus

Die Philosophin Judith Butler ist in Frankfurt mit dem Adorno-Preis ausgezeichnet worden. Mehrere jüdische Gruppen sind verärgert über die Entscheidung zugunsten einer scharfen Kritikerin israelischer Politik.

Als die Stadt Frankfurt bekanntgab, dass Judith Butler für ihren herausragenden Beitrag zur Philosophie mit dem Adorno-Preis ausgezeichnet werden soll, brach ein von Polemik beherrschter Krieg der Worte zwischen Butler und ihren Kritikern aus.

Butler, Professorin für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Berkeley in Kalifornien, erlangte besondere Berühmtheit mit ihren Theorien über Geschlecht und sexuelle Orientierung, darunter "Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity" (1990) und "Undoing Gender" (2004).

In jüngster Zeit hat Butler sich auch als namhafte politische Aktivistin und Kritikerin der Politik des Staates Israel im Nahen Osten hervorgetan und ist eine lautstarke Befürworterin von "Boycott, Divestment and Sanctions (BDS)" - Boycott, Desinvestition und Sanktionen, einer Bewegung, die nicht-gewaltsame Strafmaßnahmen gegen Israel durchsetzen will.

Krieg der Worte

Porträt von Theodor Adorno (Foto: Jüdisches Museum Frankfurt, sw)

Theodor Adorno

Im Gedenken an den deutschen Philosophen und Theoretiker Theodor W. Adorno werden mit dem Adorno-Preis herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Musik, Literatur, Philosophie und Film gewürdigt. Der Preis wird alle drei Jahre vergeben. Die diesjährige Entscheidung zur Preisverleihung wurde am 31. Mai 2012 bekanntgegeben. Ein Sturm der Entrüstung folgte sogleich. Nun hat Butler den Preis am Dienstag (11.09.2012) in der Frankfurter Paulskirche in Empfang genommen.

In einem Kommentar der israelischen Zeitung "Jerusalem Post" vom 26. August 2012 attackierten jüdische und israelische Akademiker und Intellektuelle die Entscheidung, den Adorno-Preis an eine solch prominente Kritikerin israelischer Politik zu vergeben.

Im Mittelpunkt dieses Kommentars steht die offene Unterstützung von Butler für die BDS-Bewegung. Gerald Steinberg, Professor für Politische Wissenschaften an der Bar-Ilan Universität im israelischen Ramat Gan, beschrieb die BDS-Kampagne als "moderne Verkörperung von Antisemitismus".

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierte mit Empörung. Generalsekretär Stephan Kramer bedauerte die Entscheidung der Preisverleihung an "eine bekennende Israel-Hasserin", insbesondere da der Adorno-Preis ja an einen deutsch-jüdischen Philosophen erinnern solle, der vor dem Nazi-Regime fliehen musste. Die Preisvergabe an Butler könne wohl kaum als "bloßer Fehlgriff" betrachtet werden, sagte Kramer.

Monopolisierung und Dämonisierung

Auf "Mondoweiss", einer jüdischen Nachrichtenseite im Internet, veröffentlichte Butler, eine jüdische Amerikanerin russisch-ungarischer Herkunft, eine ausführliche Stellungnahme. Tief verletzt von der scharfen Kritik an ihr bezeichnete sie diese als "eine Taktik, die darauf abzielt, Menschen zum Schweigen zu bringen".

"Es ist falsch, absurd und schmerzlich, wenn irgendjemand behauptet, dass diejenigen, die Kritik am israelischen Staat üben, antisemitisch oder, falls jüdisch, voller Selbsthass seien. Man versucht, diejenigen, die eine kritische Auffassung vorbringen, zu dämonisieren und so ihre Sichtweise zu diskreditieren", schrieb Butler. Ihren Kritikern warf sie außerdem vor, das Recht, im Namen von Juden zu sprechen, für sich alleine zu beanspruchen.

Felsendom und Omar-Moschee hinter Stacheldraht (Foto: dapd)

Zentrum mehrerer Weltreligionen: Felsendom und Omar-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem

Einen besonderen Zankapfel stellen die Äußerungen von Butler zu den Palästinenser-Organisationen Hamas and Hisbollah dar, die sie 2011 bei einer Antikriegsveranstaltung machte: "Es ist extrem wichtig, Hamas und Hisbollah als linksgerichtete soziale Bewegungen zu verstehen, die auch zu einer weltweiten linken Bewegung gehören."

In ihrer Stellungnahme auf "Mondoweiss" argumentierte Butler, dass einige ihrer Äußerungen so aus dem Kontext gerissen worden seien, dass ihre Bedeutung verfälscht worden sei. Butler hob hervor, dass sie gewaltlosen Widerstand vertrete und keinesfalls die Hamas und Hisbollah sanktioniere.

"Angesichts meines geschichtlichen Hintergrunds ist es mir als Jüdin wichtig, "mich gegen Ungerechtigkeiten auszusprechen und alle Formen von Rassismus zu bekämpfen", sagte Butler.

"Viel Wind um nichts"

Marlene Streeruwitz, österreichische Autorin und Mitglied der Adorno-Preisjury, verteidigte die Preisverleihung an Butler. Sie sei erstaunt über den Aufruhr, den sie mit einer "Brandmarkung" gleichsetzte, und lobte Butler "für ein Riesenwerk und eine Stellungnahme zur Welt, die sehr komplex und differenziert" sei.

Auch der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) hat die Entscheidung für Butler begrüßt. Er nannte Butler "eine der maßgeblichen Denkerinnen unserer Zeit". An der Flut von Kritik gegen Butler sei überraschend, "dass die Kritik so scharf ausgefallen ist und nicht zwischen einzelnen Aussagen Butlers und ihrem Gesamtwerk differenziert wird", sagte er.

Der bedeutende deutsche Militärhistoriker Michael Wolffsohn sagte der Deutschen Welle, er betrachte die gesamte Kontroverse als "viel Wind um nichts".

Porträt Günter Grass (Foto: dapd)

Günter Grass wehrte sich gegen Antisemitismus-Vorwürfe

Auch andere Gegner der israelischen Regierung haben einen Sturm der Empörung ertragen müssen. Im März 2012 löste der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisgewinner Günter Grass mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" eine heftige Kontroverse aus. Er hatte darin Israel vorgeworfen, eine Bedrohung des Weltfriedens darzustellen.

Die Entscheidung der Preisvergabe für Butler kommt zu einer Zeit, in der die deutsch-jüdischen Beziehungen ohnehin schon angespannt sind. Ende Juni 2012 entschied ein Gericht in Köln, die Beschneidung von Jungen sei Körperverletzung, was einen Sturm des Protests von Juden und Muslimen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit auslöste. Sowohl Islam als auch Judentum sehen Beschneidungen aus religiösen Gründen vor.

Kritik am Nationalismus

Theodor Adorno wurde 1903 in Frankfurt am Main geboren und hatte von Kindheit an eine komplizierte Beziehung zu seinen jüdischen Wurzeln. Adorno war ein prominentes Mitglied der "Frankfurter Schule", einer Gruppe von Wissenschaftlern, die als Gründer der so genannten Kritischen Theorie gelten. Adorno unterhielt enge Beziehungen zu den Philosophen Max Horkheimer, Ernst Bloch und Walter Benjamin.

Als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus musste Adorno Deutschland 1934 verlassen und ins Exil gehen. Berühmt geworden ist sein Ausspruch "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch", der in seinem Werk "Kulturkritik und Gesellschaft" (1951) erschien. Hier beschrieb er ein Gefühl, das er später bereute. Sein Leben lang blieb er sehr misstrauisch gegenüber allen Erscheinungsformen des Nationalismus.

Nach seiner Rückkehr ins Deutschland der Nachkriegszeit unterrichtete Adorno von 1949 bis zu seinem Tod 1969 an der Frankfurter Goethe-Universität. Ihm zu Ehren vergibt die Stadt Frankfurt seit 1977 alle drei Jahre am 11. September - Adornos Geburtstag - den mit 50.000 Euro dotierten Adorno-Preis. Unter den vorherigen Preisträgern sind unter anderem Jürgen Habermas (1980), Jean-Luc Godard (1995), Jacques Derrida (2001) und Alexander Kluge (2009).

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