Adnan Z. Amin: Klimaschutz braucht ehrgeizigere Ziele bei erneuerbaren Energien | Kommentare | DW | 16.11.2017
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Gastkommentar zur COP23

Adnan Z. Amin: Klimaschutz braucht ehrgeizigere Ziele bei erneuerbaren Energien

Die CO2-freie Energieerzeugung hat mehr Potenzial, als bisher genutzt wird. So werden die Ziele des Vertrags von Paris scheitern, meint der Generaldirektor der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien.

Erneuerbare Energie kontra Braunkohle (Picture alliance/ZB/P. Pleul)

Windräder erzeugen Energie CO2-neutral, Braunkohlekraftwerke hingegen die größten Emittenten von Treibhausgasen

Bei Politikern, Unternehmern und Aktivisten, die bei der UN-Klimakonferenz in Bonn tagen, ist wenig Euphorie zu spüren. Die gab es in Paris, als man sich 2015 auf gemeinsame Klimaziele geeinigt hat. Doch diese wichtige, ja historische Einigung, liegt hinter uns. Vor uns liegt die Aufgabe, sie umzusetzen und nicht nachzulassen beim Klimaschutz.

Die nationalen Klimabeiträge (Nationally Determined Contributions - NDCs) bilden dabei die wesentliche Grundlage. Mit ihnen haben die einzelnen Länder Versprechungen darüber abgegeben, wie sie sich auf den Klimawandel einstellen werden und wie sie Treibhausgase reduzieren werden. Zusammengenommen sollen sie uns den Weg in eine sichere Klima-Zukunft zeigen. 145 von 194 nationalen Plänen sehen dabei erneuerbare Energien als wichtiges Mittel an, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Das ist logisch, denn bei der Energieproduktion entstehen zwei Drittel aller Treibhausgase.

Erneuerbare könnten mehr liefern

Doch in den NDCs zeigt sich weniger Ehrgeiz, als die Erneuerbaren zulassen würden. Denn in diesem Bereich sehen wir jetzt schon beeindruckendes Wachstum und das weitere Potenzial ist unglaublich. Manchmal hinken die NDCs sogar hinter nationalen Aktionsplänen und Gesetzen her. Das mag zum Teil daran liegen, dass man nicht zu viel versprechen wollte. Es kann aber auch sein, dass einige Länder schlicht unterschätzt haben, wie schnell sich der Bereich der erneuerbaren Energien entwickelt.

Adnan Z. Amin (cc-by-nc-nd-IRENA)

Adnan Z. Amin

Allein im Jahr 2016 wurden weltweit 265 Milliarden US-Dollar investiert, mit denen umweltfreundliche Anlagen zur Stromerzeugung mit einer Kapazität von 161 Gigawatt (GW) neu aufgestellt wurden. Ein Rekord, der die Kapazität von rund 161 großen Atom- oder Kohlekraftwerken ersetzt. Die Kosten für die Erzeugung von Wind- und Solarenergie haben in vielen Ländern einen neuen Tiefstand erreicht. Damit ist unzweifelhaft, dass die Erneuerbaren eine sichere, kostengünstige, CO2-arme Energiequelle für Privathaushalte sowie Städte und Gemeinden weltweit sind.

Erneuerbare sind oftmals günstiger

Nicht die Angst vor dem Klimawandel treibt diese Entwicklung voran, sondern nationale Maßnahmen in Verbindung mit fallenden Kosten und einer sich verbessernden Technologie. In vielen Teilen der Welt ist heute mindestens eine Form der Erneuerbaren kostengünstiger als die Energieproduktion durch fossile Träger. Das hat viele Länder dazu motiviert, sie als Motor eines CO2-armen Wirtschaftswachstums zu fördern.

Solarkraftwerk Noor 3 in Marokko (picture-alliance/AP Photo/A. Bounhar)

Solarkraftwerk Noor 3 in Marokko: Spiegel bündeln das Sonnenlicht, das dann eine Turbine antreibt

Infolgedessen boomen die Erneuerbaren. Eine fundamentale Energiewende findet statt. Aber all das geschieht noch nicht in der nötigen Geschwindigkeit, um die Klimakrise wirklich anzugehen. Eine Zukunft mit weniger als zwei Grad Celsius Temperaturanstieg, die man sich in Paris auf die Fahnen geschrieben hat, wird nur erreicht, wenn sich kurzfristige nationale Maßnahmen mit langfristigen globalen Klimazielen verbinden. Wenn das passiert, dann können NDCs ein Katalysator der Energiewende sein.

Die Realität ist vielerorts schon weiter

Die G20 sind ein gutes Beispiel dafür, wie politischer Ehrgeiz bei den NDCs und die Realität vor Ort bei den Erneuerbaren auseinanderklaffen. Ein IRENA-Bericht von dieser Woche zeigt, dass nur zehn der G20-Staaten erneuerbare Energien in ihre NDCs aufnehmen. Dabei haben sie alle klare nationale Ziele, was den Einsatz von erneuerbaren Energien angeht. Wenn die Installation von Anlagen gemäß den nationalen Strategien so weitergeht wie bisher, dann könnte man bald drei Viertel Europas mit erneuerbarer Energie versorgen, die in keiner NDC vorgesehen ist.

Afrika ist ein weiteres Beispiel: die NDC der afrikanischen Länder sehen 40 zusätzliche Gigawatt durch Erneuerbare vor. Damit würden sich die bisherigen Kapazitäten verdoppeln. Gemäß nationalen Plänen sollen aber bis 2030 110 Gigawatt Erneuerbare zusätzlich ans Netz gehen. Fast dreimal mehr, als international versprochen - aber immer noch nur ein Drittel dessen, was das Potential in Afrika hergeben würde.

Anpassung der Ziele in drei Jahren

Ab 2018 wollen die Unterzeichner des UN-Klimaabkommens eine Bilanz ihrer Ziele ziehen. Bis 2020 sollen dann die NDCs angepasst werden. Dabei müssen ehrgeizigere internationale Verpflichtungen herauskommen als bislang. Die Zerstörung durch Wirbelstürme, die wir in diesem Sommer in der Karibik oder den USA gesehen haben, die riesigen Überschwemmungen in Indien und die Dürrekatastrophen in 20 afrikanischen Ländern in den vergangenen anderthalb Jahren sind ein Vorgeschmack, was einem weiter erwärmten Planeten bevorsteht.

Eine Energiewirtschaft mit geringem CO2-Ausstoss ist technisch möglich, dient der Gesellschaft und ergibt wirtschaftlich Sinn. Wir müssen jedoch bereit sein, schneller zu handeln, wenn die Erneuerbaren als Schlüsseltechnologie des Klimaschutzes Erfolg haben sollen.

Adnan Z. Amin ist Generaldirektor der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA)

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