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Kultur

Adieu Tristesse: Mode als Protest in der DDR

Wer in der DDR seine Kleidung selber nähte, wehrte sich subtil gegen das System. Die Bibel der Modebewussten war die "Sybille", eine Art Vogue des Ostens. Streng beäugt von der Zensur und bis heute eine Magazinlegende.

Models posieren im Trenchcoat oder mit Hippie-Blümchenkleidern im Thüringer Wald. An anderer Stelle tanzen Ballerinas in verfallenden Altstädten und schauen dabei so, als träumten sie von einer anderen Welt, von Individualität, Freiheit und eigenem Stil. Die Entwürfe der zumeist unbekannten Modedesigner waren elegant, romantisch und lasziv. Mit dem real existierenden Sozialismus hatten sie überhaupt nichts gemein und kamen gerade deswegen bei den Lesern des DDR-Modeblatts "Sybille" so gut an.

Sexappeal gegen Prüderie

Model Maren Schumacher in einer Aufnahme von 1982 (Foto: Roger Melis)

Luftige Freiheitsträume

Erstmals erschien die dünnblättrige, großformatige Mode-Illustrierte 1956 und sollte ein Magazin für Mode und Kultur sein - in einer Zeit, in der gerade die Lebensmittelkarten abgeschafft wurden, die Mauer noch nicht stand und den Frauen in der DDR das Etikett "proletarische Trümmerfrau" anhaftete. Das Blatt räumte schnell mit diesem Bild auf, Propaganda fand wenig Platz. Im Gegenteil: In der "Sybille" kamen Frauen mit Sexappeal und ungebremster Erotik zum Vorschein. Eine inszenierte Gegenwelt zur sozialistischen Prüderie.

Entscheidend daran beteiligt war Dorothea Melis, eine der langjährigen und einflussreichen Redakteurinnen der "Sybille". Gewissermaßen die Anna Wintour des Ostens. "Ich wollte was Zeitgemäßes machen, was den Frauen entgegenkam, die unter diesen ökonomisch komplizierten und argen Verhältnissen leben und arbeiten mussten", sagt sie. Von 1961 bis 1970 hat Dorothea Melis das Blatt entscheidend mitgeprägt, für das Fotografen arbeiteten, die heute zum Who is Who der DDR-Fotokunst zählen.

Kontrapunkt zum offiziellen Frauenbild

Model Dagmar Puls in einer Aufnahme von 1986 (Foto: Roger Melis)

Inszenierung unter den Augen der Stasi

Sybille Bergemann, Ute und Werner Mahler, Roger Melis, Arno Fischer oder Günther Rössler: Sie alle schufen in der "Sybille" eine Bildsprache, die in ihrer Dialektik für jeden DDR-Bürger zu verstehen war. Klug inszenierten sie kleine Fluchtpunkte aus dem grauen Einerlei mit Bildern, die verboten werden konnten. "Die 'Sybille' wurde vom Zentralkomitee direkt überwacht und stark beäugt. Ganz oft wurden Beiträge verändert, gekürzt oder verweigert, weil sie Details hatten, die nicht ins politische Bild passten", sagt Grit Seymour, die bereits zu DDR-Zeiten als Model gearbeitet hat.

Mode-Foto für die Zeitschrift Sybille 1969 (Foto: Roger Melis)

Westliche Mode zum Nachschneidern

Ein Shooting ist ihr aus dieser Zeit besonders Erinnerung geblieben. "Es ging um ein Titelfoto. Darauf stand ich erst hinter einer Barriere, das musste dann aber noch mal neu geschossen werden, weil eine DDR Frau natürlich vor der Mauer steht und nicht dahinter. Und nicht eingegrenzt ist, sondern grenzenlos frei..." Nach dem Mauerfall lief Grit Seymour bei den Pret-á-porter Shows großer Modekonzerne. Heute ist sie Professorin an der Universität der Künste in Berlin. Weil die Models in der DDR Laien waren, hatten die Bilder eine eigentümliche Patina der Natürlichkeit, waren durchdrungen von großer Öffentlichkeit und intimer Privatsphäre zugleich. Bilder, die in westlichen Modemagazinen so niemals veröffentlicht worden wären.

Protest mit Nadel und Faden

Mit einer Auflage von 200.000 Stück war die "Sybille" immer schnell vergriffen. Neben Texten über Kunst, Literatur und Design, wurden auch Porträts prominenter wie unbekannter Frauen veröffentlicht. Besonders begehrt waren die Schnittmuster mit denen man sich die Mode, die größtenteils überhaupt nicht erhältlich war, selber nähen konnte. Wenn es die passenden Materialien nicht gab, experimentierte man mit alternativen Stoffkombinationen, mit Erdbeerabdeckfolie, aber auch mit Windeln oder Duschvorhängen.

Mode-Foto für die Zeitschrift Sybille 1969(Foto: Roger Melis)

Anders aussehen, danke 'Sybille'

Wer in der DDR modisch cool sein wollte, brauchte eine Nähmaschine, Nadel und Faden. Denn das, was in den Läden zu kaufen war, wollten Modebewusste kaum anziehen. Ihnen - und der "Sybille" - ging es um individuelle Mode, die nichts mit dem Einheitslook der DDR Jugendmode zu tun hatte, die von der Stange erhältlich war. "Das, was wir wollten, gab es meistens nicht zu kaufen. Nirgendwo. Es war also nahe liegend es selber zu machen", er erzählt Frieda von Wild, Fotografin und Mitbegründerin des DDR Underground-Modelabels "chic, charmant und dauerhaft". Wer selbst nähte, protestierte höchst subtil gegen das normierte, verkrustete politische System und eroberte sich seine eigene Individualität zurückt. Mode bedeutete in der DDR Haltung und war nie frei von einer politischen Dimension.

Nach dem Mauerfall konnte sich die Frauenzeitschrift "Sybille" noch bis 1995 halten. Danach war Schluss. Das Modejournal hatte seine Aufgabe als visuelles Avantgardeblatt erfüllt. Retrospektiv gesehen, war es eher ein Ermutigungsjournal. Es vermittelte den Menschen, sich selbst den Bildern und der eigenen Ästhetik zu trauen und ermutigte seine Leser dazu, sich individuelle Lebensentwürfe zu schaffen - und allen Dogmen zu misstrauen.

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