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Politik

Achtung: Baustelle

In Berlin hat man die gute alte Tradition des Wandertheaters wieder entdeckt. Freilich aus der Not. Denn an den Brettern, die die hauptstädtische Kulturwelt ausmachen, wird derzeit heftig gebohrt und gebaut.

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Berlins Strassen sind nicht im allerbesten Zustand. Deshalb wird allerorten tapfer aufgerissen, gebaggert und modernisiert. "Wir bauen für Sie", tröstet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung entnervte Autofahrer, die regelmäßig in immer neuen Staus an immer anderen Baustellen festsitzen. Der Kunde respektive Steuerzahler ist schließlich König, und für sein Geld darf er was erwarten. Gute Strassen und ja, auch Theater, die weder einsturzgefährdet noch asbestverseucht oder schlecht belüftet sind. Letzteres sollte man in einer Stadt wie Berlin, die gerne mit ihrem tollen kulturellen Angebot protzt, kaum erwarten. Der Zahn der Zeit nagt freilich auch an hauptstädtischen Bühnenbrettern, Orchestergräben und Intendantenstuben. Schöner, bequemer, sicherer soll es deshalb gleich in mehreren Häusern werden.

Umleitung ins Theaterzelt

Das Deutsche Theater, eben erst zum Theater des Jahres gewählt, legt sich gerade eine neue Bestuhlung und eine moderne Lüftungsanlage zu, weshalb das Publikum das Spielvergnügen jetzt im einem luftigen Ausweichquartier genießen muss und darf. Das Hamburger Thalia Theater hat den Berliner Freunden nämlich ein Zelt geborgt, das derzeit vor dem Deutschen Theater und gleich gegenüber der Mensa der Humboldt-Universität steht. Hier kann das umgeleitete Publikum nun erfahren, dass Theater im Prinzip überall möglich ist. Und all die hungrigen Studenten, die unterwegs zu Broccolischnitzel und gedünstetem Zanderfilet sind, umweht mittags ganz umsonst und noch ein bisschen überraschend laut geprobte deutsche Schauspielkunst.

Am 5. Dezember sollte dieses mediterrane Zwischenspiel ein Ende haben. Alles schien gut geplant. Doch Bauarbeiten sind nun einmal Bauarbeiten. Und die zeichnen sich nicht nur durch Umleitungen aus, sondern auch durch Verzögerungen und unverhoffte Komplikationen. Zu einer solchen zählt zweifellos der überraschende Fund von Asbest im Parkett des Zuschauerraums des Deutschen Theaters. Der Stoff ist giftig und will mit Vorsicht beseitigt werden, das braucht seine Zeit. Drei Monate, so heißt, es, werde sich die Wiedereröffnung verzögern. Plötzlich kommt die ganze Logistik ins Wanken, die Umleitung droht sich zu einer Vollsperrung auszuwachsen.

Betreten verboten

Leider nämlich ist das aus Hamburg ausgeliehene Zelt weder winterfest noch der geeignete Spielort für manch eine ausgezeichnete, aber technisch anspruchsvolle Repertoire-Inszenierung. Spielen möchte man trotzdem und Geld verdienen natürlich auch. Deshalb würde der Intendant des Hauses Zuschauerströme und Inszenierungen gerne weiträumiger umleiten, bis nach Charlottenburg, in das leer stehende Schiller Theater. Dort aber soll im Januar ein Umbau beginnen, damit im Frühsommer 2010 die Staatsoper Unter den Linden einziehen kann, die dann saniert werden soll. Womöglich entwickelt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bereits ein neues Verkehrsleitsystem, damit all die umgeleiteten Besucherströme nicht verloren gehen. Wenn das Deutsche Theater nicht ins Schiller Theater kann, weil sich sonst der Umbau der Staatsoper verschiebt, könnte es noch im Haus der Berliner Festspiele um Asyl bitten. Bis zum März ist gibt es nämlich dort eine Lücke am Spielplan. Danach läuft der eigene Betrieb wieder an. Eben dann, wenn die Volksbühne wegen Sanierungsarbeiten für sechs Wochen geschlossen wird und dringend eine Ausweichspielstätte braucht. Intendant Frank Castorf muss den Umzug übrigens trotz eingeschränkter Sicht organisieren: Seit ein paar Wochen steht sein Schreibtisch in einem Container. Bauarbeiter hatten im Haupthaus versehentlich ein Kabel durchhakt.