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Welt

Aceh 10 Jahre nach dem Tsunami

Die Journalistin Kira Kay war nach dem Tsunami 2004 in Aceh und erlebte dort die Zerstörung und das Leid der Menschen. Zehn Jahre später besuchte sie die Region erneut. Im Interview berichtet Kay von ihren Erlebnissen.

DW: Wie haben Sie den Tsunami in Indonesien vor zehn Jahren erlebt?

Kira Kay: Mein Besuch in Aceh nach dem Tsunami war nicht meine erste Reise dorthin. Ich hatte 2002 schon über den wenig bekannten Bürgerkrieg in der Region berichtet. Damals ging das indonesische Militär hart gegen die Aceh-Rebellen vor, die für eine Unabhängigkeit der Region kämpften. Ich kannte also Aceh bereits als 'Land im Belagerungszustand', wenn man so will.

Die Landschaft, die ich im Jahr 2002 gefilmt hatte, vom Tsunami so stark verändert zu sehen, war schockierend. Ganze Gemeinden, die ich zuvor besucht hatte, waren ausgelöscht. Nur die Umrisse der Fundamente von den Gebäuden und einige Treppen ins Nichts waren noch vorhanden. Ich kam Anfang 2005 in Banda Aceh an, etwa zwei Wochen nach dem Tsunami. Die unmittelbare Nothilfe war in vollem Gange; Nahrungsmittel wurden verteilt und Notunterkünfte errichtet. Die Hoffnung noch Überlebende zu finden, schwand von Tag zu Tag. Den Menschen wurde langsam klar, was für ein schreckliches Ereignis eigentlich passiert war und sie begannen sich zu fragen, was als nächstes kommen würde. Die vor ihnen liegenden Aufgaben schienen kaum zu bewältigen.

Rund 130.000 Menschen in der Provinz Aceh waren tot und etwa 30.000 weitere wurden noch vermisst. Hunderttausende waren obdachlos. Alle Dokumente, mit denen man sein Eigentum nachweisen konnte, waren weggespült worden. Überall unter den Trümmern lagen noch Tote. Sie wurden - zum Teil von Gruppen der islamischen Zivilgesellschaft - eingesammelt und in ganzen Lastwagenladungen zu Massengräbern gebracht. Der Gestank war schrecklich.

Wie hat die Katastrophe das Leben der Menschen in den am stärksten betroffenen Gebieten - wie der Provinzhauptstadt Banda Aceh - neu geformt?

Kira Kay ganz links mit zwei Anhängern der Partei des jetzigen indonesischen Präsidenten und Kays Kollegen Jason Maloney (Foto: BIR)

Kira Kay (links) mit zwei Anhängern der Partei des indonesischen Präsidenten und ihrem Kollegen Jason Maloney

Als ich in diesem Sommer wieder nach Aceh kam, war es schwer die Stadt Banda Aceh und die unmittelbare Umgebung, die so stark betroffen war, wiederzuerkennen. Viele der Gebäude wurden ganz neu errichtet oder spürbar in Stand gesetzt. Neue Wohngebiete wurden aus dem Boden gestampft. Einige wirken etwas eintönig, da alle Gebäude von der gleichen Hilfsorganisation und unter hohem Zeitdruck gebaut wurden, aber die Leute sagen, dass sie sich dort wohl fühlen. Insgesamt ist der physische Wiederaufbau sehr beeindruckend. Auch wenn es Korruption und schlampige Arbeit in der unmittelbaren Phase nach der Katastrophe gab, hat es insgesamt in den zehn Jahren ganz gut funktioniert. Der indonesischen Regierung muss man zu Gute halten, dass sie mit Genehmigungen für internationale Hilfsorganisationen schnell reagiert hat und alles gut koordiniert hat.

Was ist mit den Veränderungen auf psychologischer Ebene?

Das ist ein bisschen schwieriger zu beurteilen. Zwar gab es auch psychologische Betreuung durch Hilfsmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft, allerdings wurden diese nicht langfristig von der Regierung getragen. Einige Leute sagten mir, dadurch sei eine Lücke beim Wiederaufbau der Region entstanden. Manche Traumata sind offensichtlich. Als Aceh vor ein paar Jahren von zwei Erdbeben getroffen wurde, gerieten viele Leute in Panik und waren wie paralysiert. Auf der anderen Seite haben mir einige Leute gesagt, dass ihr starker religiöser Glaube ihnen geholfen hat, ihren Schmerz zu lindern. Viele haben den Bürgerkrieg als menschengemacht angesehen, den Tsunami hingegen als von Gott gemacht. Daher war er für sie leichter zu akzeptieren. In der Tat sind die Menschen in Aceh seit dem Tsunami gläubiger geworden. Viele sahen den Tsunami als Strafe Gottes für ihr unmoralisches Verhalten. Verstärkt wurde dieses Gefühl noch dadurch, dass viele Moscheen der Flutwelle stand hielten, während alles um sie herum zerstört wurde. Aceh war immer konservativer als die anderen Teile Indonesiens. Daher hat es auch den Spitznamen 'die Veranda Mekkas', denn die Spitze des Landes zeigt in Richtung Saudi-Arabien. In den letzten Jahren wurden in der Region neue Gesetze nach der Scharia erlassen, darunter Vorschriften für die Kleidung der Frauen und für moralische Verhaltensweisen im Allgemeinen.

Welche Auswirkungen hatten die vielen internationalen Hilfsgelder auf die Menschen in der Region?

Wieder aufgebaute Häuser in Aceh (Foto: Ulet Ifansasti/Getty Images)

Heute ist von den Schäden des Tsunamis in Banda Aceh fast nichts mehr zu erkennen

Die Dankbarkeit der Menschen in Aceh ist überall spürbar. Der Park in der Innenstadt wurde in ein 'Monument der Dankbarkeit' umgewandelt, in dem jeder der 53 Staaten die Hilfe leisteten, einzeln erwähnt wird. Es gibt auch ein sehr eindrucksvolles Museum, das dem Tsunami gewidmet ist - eine faszinierende Erfahrung, nicht nur für Touristen. Die Präsenz der vielen internationalen Hilfskräfte hatte auch einen sehr positiven Nebeneffekt: Die Öffnung hin zur Welt trug dazu bei, den Bürgerkrieg in der Region zu beenden. Das zuvor sehr abgeschottete Gebiet wurde plötzlich mit vielen Menschen aus aller Welt geflutet. So konnte sichergestellt werden, dass das Friedensabkommen, das nur wenige Monate nach dem Tsunami unterzeichnet worden war, auch eingehalten wurde. Die Menschen in Aceh spürten plötzlich, dass ihre Region gar nicht so isoliert ist, wie sie immer dachten. Und die indonesische Regierung wusste, dass die Hilfe nicht mehr in dem Maße ins Land käme, wenn die kriegerischen Auseinandersetzungen wieder starten würden.

Ist die Region nun besser auf solche Katastrophen vorbereitet?

In Aceh wurde ein umfangreiches Notfallprogramm für den Fall eines erneuten Tsunami aufgebaut. Das Tsunami- und Katastrophenschutz-Forschungszentrum der Syiah Kuala Universität in Banda Aceh betreut das Programm. Es gibt jetzt Sirenentürme rund um Banda Aceh, die sofort einen Warnton abgeben, falls auf See ein Erdbeben der Stärke sieben oder höher auf der Richterskala registriert wird. Es gibt auch Fluchttürme, die offiziell "vertikale Evakuierungsorte" heißen. Sie sind mehrere Stockwerke hoch und sollen den Wassermassen standhalten. Auf dem Dach befindet sich ein Hubschrauberlandeplatz. Auch die Küstenstraße wurde erweitert und mehr Fluchtwegschilder aufgestellt, um eine Evakuierung zu erleichtern. Aber es ist scheinbar nicht so leicht, die Bürger dazu zu bringen, dieses System auch richtig zu nutzen. Bei dem Doppelerdbeben vor ein paar Jahren flüchteten die Menschen instinktiv in die Berge anstatt zu den Evakuierungszentren. Die Folge waren verstopfte Straßen. Auch die Polizei konnte dieses Chaos nicht wirklich beseitigen. Es gibt also noch viel zu tun.

Kira Kay ist geschäftsführende Direktorin des Bureau for International Reporting (BIR) - einer gemeinnützigen Organisation, die internationale Fernsehnachrichten produziert und anbietet. Im Jahr 2008 wurde sie für ihre Berichterstattung über den Krieg in Norduganda mit dem Robert F. Kennedy Memorial Award in Internationalem Journalismus ausgezeichnet.

Das Gespräch führte Gabriel Dominguez.

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