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Musik

AC/DC-Sänger Brian Johnson hilft nur noch ein Hörgerät

Hard-Rock ist nicht gesundheitsfördernd. AC/DC musste nun Konzerte wegen drohender Taubheit von Sänger Brian Johnson absagen. Klarer Fall für die Musikerambulanz, sagt Musikmediziner Wolfgang Angerstein im DW-Interview.

DW: Die Meldung, dass die Band AC/DC wegen akuter Hörverlustprobleme ihres Sängers Brian Johnson mehrere Konzerte ihrer US-Tournee absagen musste, ist nicht wirklich überraschend. Sind Rockmusiker, was Hörschäden anbetrifft, stärker gefährdet als beispielsweise ein klassischer Posaunist?

Wolfgang Angerstein: Wahrscheinlich ja, aber eine fundierte medizinische Studie gibt es dazu noch nicht. Meistens sind Rockkonzerte ja deutlich lauter als ein klassisches Konzert, aber da gibt es Ausnahmen. Wer als Orchestermusiker direkt hinter der Pauke sitzt, der hat auch schon ordentliche Lautstärken auf den Ohren.

In der Rockmusik und besonders bei Rock'n'Rollern wie der australischen Band AC/DC, die seit 1973 auf der Bühne steht, ist die brachiale Lautstärke Teil des Programms. Hat sich das verändert in den letzten Jahrzehnten? Sind Konzerte immer lauter geworden?

Den Eindruck habe ich eher nicht. Allerdings ist das nur ein subjektiver Eindruck, den ich nicht mit Zahlen und Statistiken belegen kann. Ich glaube, dass auch unter den Profimusikern der Rockszene und auch in der Popmusik die Sensibilität und Aufmerksamkeit für Hörschädigungen zugenommen hat. So, dass man sagen kann, dass nicht die Lautstärke zugenommen hat, aber der allgemeine Stress.

Orchester Philharmonie der Nationen

Auch Orchestermusiker sind starken Hörbelastungen ausgesetzt

Was mich als Mediziner da sehr umtreibt, sind aber die Klassiker in diesem Zusammenhang. Die "Orchesterstimmung" auf den Kammerton A nimmt immer mehr zu, also die Höhe, in der Instrumente und Sänger eingestimmt werden. Wenn Sie bedenken, dass der Komponist Guiseppe Verdi (1813 -1901), der übrigens auch Parlaments-Abgeordneter in Rom war, die Orchesterstimmung auf 432 Hertz festgelegt hatte – per Gesetz, das ist also damals durch das römische Parlament gegangen – dann ist das heutzutage einen halber Ton höher. Und das ist ein Problem, das die Muskulatur der Sänger stark strapaziert. Wenn man höher singt, nicht unbedingt lauter, dann beansprucht das den Stimmapparat viel mehr.

Ich sehe, medizinisch betrachtet, das Problem also weniger bei der zunehmenden Lautstärke, sondern darin, dass der Kammerton A immer höher gestimmt wird und dadurch die Stimmbänder und Stimmlippen viel zu sehr beansprucht werden. Und die Sänger viel schneller heiser und durchgesungen sind. Und das ist viel virulenter als die möglichen Gehörschäden.

Welche gesundheitlichen Problemfälle tauchen am häufigsten bei Ihnen in der Musikerambulanz auf?

Wir sehen hier in der Musikerambulanz in der Uniklinik Düsseldorf – übrigens die größte in Europa – viele Profis und Hobbymusiker mit ihren Beschwerden schon von der Studentenzeit an. Es ist deutlich sichtbar, dass die Anforderungen an Musiker zugenommen haben. Die Orchester müssen sparen, um das mal klar zu sagen. Das heißt, die Musiker müssen öfter auftreten, werden mehr gedrillt und auf Hochleistung getrimmt.

Wer da nicht mitmacht, der fliegt relativ schnell raus. Und von daher denke ich schon, dass die Beschwerden bei Musikern und vor allem Orchestermusikern zunehmen. Es sind also mehr medizinische Probleme da als früher. Und zum anderen nimmt die Sensibilität zu.

Musiker sind ja hochsensible Profis, die sich aber häufig gar nicht trauen, zum Arzt zu gehen. Meistens haben sie nur Jahres- oder Zweijahresverträge. Wenn dann bekannt wird, dass sie sich in der Musikerambulanz betreuen lassen, dann sagt die Intendanz: "Lieber Herr Meier/Müller/Fritze, war nett mit Ihnen, aber wir nehmen jetzt einen anderen." Ich denke, dass die Dunkelziffer derjenigen, die deshalb nicht kommen, viel höher ist. Das wissen alle Musikmediziner.

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Kommen auch Rockmusiker zu Ihnen?

Seltener als klassische Musiker auf jeden Fall. Es kommen ja immer nur die, die akute Probleme haben: Hörstörungen oder Stimmprobleme. Bei dem AC/DC-Sänger Brian Johnson hätte ich allerdings Schwierigkeiten, sage ich mal ganz brutal, bei ihm eine Altersschwerhörigkeit von der Lärmschwerhörigkeit zu unterscheiden. Die Hörprobleme treten natürlich nicht am Anfang einer Karriere auf, sondern erst im Laufe der Jahre.

Ist es nicht medizinisch höchst erstaunlich, dass AC/DC-Frontmann Brian Johnson oder auch Mick Jagger von den Rolling Stones überhaupt so lange als Sänger durchgehalten haben?

Das ist medizinisch gesehen sehr erstaunlich, vor allem wenn man den Drogen- und Alkoholkonsum und die sonstige Lebensweise dieser Musiker mit berücksichtigt, die ja nicht gerade gesundheitsförderlich ist. Die müssen eine ultraharte stählerne Gesundheitsnatur haben, um überhaupt die Anstrengung eines solchen Rockkonzertes durchzustehen.

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Auf der Bühne sind locker 30 bis 35 Grad Hitze von den vielen Scheinwerfern, die Luftfeuchtigkeit ist gleich null. Da ist es staubig, es ist dreckig, die Leute schwitzen. Das sind also enorme physische Belastungen, die da auf so einen Sänger zukommen. Nicht nur, was den Stimmapparat und das Gehör anbetrifft. Das spricht für eine gute Konstitution, um das überhaupt über so viele Jahrzehnte hinzukriegen. Bei Brian Johnson hilft jetzt nur Hörgerät oder Implatat.

Prof. Dr. Wolfgang Angerstein ist Chefarzt für Phoniatrie und Pädaudiologie in der Universitätsklinik Düsseldorf. Die Musikerambulanz dort ist die größte medizinische Einrichtung dieser Art in Europa. Sie behandelt Musiker und Sänger aller Musiksparten.

Das Interview führte Heike Mund.

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